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Mafia in Neapel : Junge Mörder ohne Padrone

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Die alte Clan-Ordnung löst sich auf: Polizisten führen am 17.Februar in Neapel nahe dem Forcella-Viertel den mutmaßlichen Camorra-Boss Vincenzo Amirante ab. Bild: dpa

Die Polizei kämpft in Neapel nicht mehr gegen die Camorra alten Stils. Jetzt haben „Babykiller“ die Geschäfte in der Hand. Das liegt vor allem daran, dass die meisten Bosse tot oder inhaftiert sind.

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          Die todbringende Kugel aus der Waffe eines jugendlichen Mörders schlug zwischen Auge und Augenbraue ein. „Sie legte den Mann sofort flach, so dass jede Hilfe zu spät kam.“ Fabio, nennen wir ihn so, zeigt die Bar, wo das vergangene Jahr mit dem Mord endete. Sie liegt an der Via Forcella im Herzen der Altstadt Neapels, nicht weit vom Dom. Es ist Mittag, der Kaffee ist vorzüglich, und die Frau an der Kasse preist ihre Sfogliatelle an, kegelförmige Blätterteigtaschen, wie sie typisch sind für Neapel. An der Wand zwischen den Glasregalen ist hinter der Vase mit Plastikrosen noch ein Einschuss zu erkennen. „Nimm mal die Vase weg. Der Deutsche will das Loch sehen“, sagt Fabio, und die Frau nimmt die Vase weg. „Das stammt von einer Beretta 92.“

          Fabio kennt die Bar seit langem und las über die Umstände des Mordes in der örtlichen Zeitung „Il Mattino“. Er ist 16 Jahre alt und bietet sich als Führer durch sein Heimatviertel an. Er will die „Babykiller“ zeigen, ihre älteren Brüder, ihre Treffpunkte. Und die Ecke am Hauptbahnhof, wo Inder Waffen verkaufen wie die Beretta, mit der Giuseppe Russo beim Kaffee getötet wurde – ein Zufallsopfer, das der Täter einfach nur so erschoss.

          „Die Camorra-Paten sind entweder tot oder im Gefängnis.“

          „Das sind Mörder. Die sollte man nicht als ,Babykiller‘ verniedlichen“, sagt Guido Marino, der Polizeichef von Stadt und Provinz Neapel. „Klein sind leider nur die Jugendstrafen für diese Verbrecher, die jetzt Neapels Problemviertel drangsalieren.“

          Marino leitet seit zwei Jahren die Quästur in der nahen Via Medina. In der Stadt gebe es weniger Überfälle und Einbrüche, aber die Zahl der Morde steige stark. 2014 waren es in Stadt und Provinz 19, im vergangenen Jahr dann 70 und in den ersten Wochen des neuen Jahres jetzt schon wieder 19. Polizeichef Marino beschreibt, woran das liegt: „Es ist paradox, aber unser Kampf gegen die Camorra hat bewirkt, dass wir jetzt diese jungen Verbrecher am Hals haben.“ Der beredte Mann mit dem Schnauzbart fährt fort: „Die Camorra-Paten sind entweder tot oder im Gefängnis. Den Giuliano-Clan zum Beispiel, der die Forcella-Nachbarschaft beherrschte, haben wir ausgeschaltet.“

          Mord als pubertäre Heldentat

          Die alten Mafiosi hätten um die Herrschaft über die Stadtteile und den Rauschgifthandel gekämpft, straff hierarchisch organisierte Clans. Wenn man bei ihnen die Spitze ausgeschaltet habe, sei der ganze Clan getroffen worden. „So ein traditioneller Padrone gab auch nicht jedem Jungen gleich eine Waffe“, sagt Marino. Heute könne sich jeder eine Beretta besorgen. „Früher war die Waffe das letzte Mittel, heute schießen die Verbrecher, bloß weil sie auf sich aufmerksam machen und Furcht verbreiten wollen.“

          Einer der Bosse, Luigi Cimmino, bei seiner Festnahme. Die vielen Verhaftungen von sind ein Grund für die neue Vorherrschaft der Jugendbanden.
          Einer der Bosse, Luigi Cimmino, bei seiner Festnahme. Die vielen Verhaftungen von sind ein Grund für die neue Vorherrschaft der Jugendbanden. : Bild: dpa

          Nach Angaben des Polizeichefs gehörten früher in der Camorra, der neapolitanischen Mafia, Hunderte Personen zu einem Clan. „Jetzt bilden die jungen Verbrecher Grüppchen von vielleicht zehn Leuten, und auch die können sich morgen schon zerstritten haben und auseinanderfallen.“ Die Täter kämen jetzt aus bislang unauffälligen Familien vom Rand der Gesellschaft. Oft seien die Eltern arbeitslos und verwahrlost.

          „Das alles hat unsere Polizeiarbeit verändert“, sagt der Quästor. Die „Vigili“ müssten in den Vierteln stärker und beweglicher unterwegs sein. Man müsse sich noch mehr als bislang auf Augenzeugen stützen und Kronzeugen suchen. Dabei gehe es weiter um die altbekannten Verbrechen: Rauschgift, Schutzgeld und Prostitution. Seine junge Kollegin, die Kommissarin Ornella Della Libera, kennt sich in den sozialen Netzwerken aus und hat schon Bücher darüber geschrieben. In der Pizzeria von Teresa Iorio, die 2015 zur besten Pizzabäckerin der Welt gekürt wurde, sagt die Kommissarin, bei den „Babykillern“ sei es wichtig, ihr Umfeld in den Blick zu nehmen. Früher habe der Sohn dem Vater gehorcht, auch als Mafioso. Heute breche der Sohn aus. „Weil sich die Eltern nicht kümmern und Großeltern fehlen, wächst er wild auf und sucht sich die Ordnung draußen, bei den Kumpels.“ Dort bringe eine Waffe Autorität, der Mord werde zur pubertären Heldentat.

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