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Kindeswohl im Fokus : Jugendämter kontrollieren Familien immer öfter

  • -Aktualisiert am

Ein kleines Mädchen in Frankfurt (Oder) sitzt weinend auf dem Fußboden. Immer häufiger ist das Kindeswohl in Deutschland in Gefahr. Bild: dpa

Jugendämter prüfen immer häufiger das Kindeswohl. Bei jedem achten Fall kommen die Hinweise auf eine Gefährdung aus dem Umfeld der Familie. In der Bevölkerung gibt es ein Umdenken, meinen Experten.

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          Die deutschen Jugendämter prüfen immer häufiger, ob das Wohl eines Kindes in Gefahr ist. Wie das Statistische Bundesamt am Dienstag in Wiesbaden mitteilte, gab es im vergangenen Jahr rund 129.000 solcher Verfahren. Das entspricht einem Zuwachs von rund vier Prozent gegenüber dem Vorjahr. Von allen im Jahr 2015 eingeleiteten Verfahren bewerteten die Behörden rund 20.800 als akut. Das ist ein Anstieg gegenüber 2014 um 11,7 Prozent. Bei knapp 24.200 Verfahren erkannten die Jugendämter eine latente Kindeswohlgefährdung. In rund 43.200 Fällen lag diese nicht vor, es bestand aber Hilfe- und Unterstützungsbedarf. Dem gegenüber stehen rund 41.300 Fälle, in denen weder Gefährdung noch Hilfebedarf festgestellt wurden.

          Bei den meisten Gefährdungen handelte es sich um Vernachlässigung (63,7 Prozent), gefolgt von psychischer Misshandlung (27 Prozent) und körperlicher sowie sexueller Gewalt (23,1 und 4,4 Prozent). Die Verfahren wurden in etwa gleich häufig bei Jungen und Mädchen eingeleitet. Besonders betroffen waren Kleinkinder: Beinahe jedes vierte Kind hatte das dritte Lebensjahr noch nicht vollendet. Die meisten Verfahren gab es mit rund 32.000 in Nordrhein-Westfalen, gefolgt von Bayern (15.300) und Berlin (14.400). Das Bundesamt erhebt die Zahlen seit 2012 und verzeichnet seitdem einen kontinuierlicher Anstieg.

          Umdenken in der Bevölkerung

          Cordula Lasner-Tietze, stellvertretende Bundesgeschäftsführerin beim Deutschen Kinderschutzbund, verweist in diesem Zusammenhang auf die Einführung des Kinderschutzgesetzes im selben Jahr: „Damit wurde die Zusammenarbeit von unterschiedlichen Akteuren bei der Sicherung des Kindeswohls verankert.“ Die unterschiedlichen Professionen seien sensibilisiert und kooperierten in zunehmendem Maße. Das zeige sich zum Beispiel daran, wie viele Hinweise mittlerweile von Behörden an das Jugendamt gegeben würden: Rund 22 Prozent kamen im vergangenen Jahr von Polizei, Gerichten oder Staatsanwaltschaften. „Aber auch in der Bevölkerung hat es ein Umdenken gegeben“, meint die Kinderschutzexpertin. Wo früher gegolten habe, was in der Familie geschehe, sei Privatsache, schauten die Menschen heute genauer hin: Bei jeweils rund zwölf Prozent der Fälle gaben Bekannte oder Nachbarn sowie Schulen und Kindertagesstätten Hinweise auf eine mögliche Gefährdung. Nur gut jeder zehnte Hinweis war anonym.

          Doch auch die Jugendämter selbst seien durch die dramatischen Fälle von Kindesmisshandlung in der Vergangenheit für Hinweise sensibilisiert, sagt Lasner-Tietze. Denn auch sie stehen mitunter in der Kritik. So sorgte der Fall des drei Jahre alten Alessio für Aufsehen. Der Junge war Mitte Januar des vergangenen Jahres in Lenzkirch im Schwarzwald von seinem Stiefvater zu Tode geprügelt worden. Nicht nur der Stiefvater musste sich daraufhin verantworten, sondern auch der zuständige Sachbearbeiter des Jugendamtes: Die Staatsanwaltschaft Freiburg verurteilte den Mann von der Behörde im April dieses Jahres zur Zahlung einer Geldstrafe von drei Nettomonatsgehältern. Doch auch das zuständige Jugendamt stand seit Alessios Tod in der Kritik, da es Warnungen ignoriert haben soll. Bereits 2013 hatten Mediziner Hinweise auf eine Misshandlung gegeben.

          Prävention und frühzeitige Hinweise wichtig

          Wie wichtig Hinweise für die Früherkennung sind, weiß auch der Berliner Kinderarzt Jakob Maske, Mitglied im Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte: „Der Kinderarzt ist meist einer der ersten, der eine Misshandlung bemerkt.“ Blaue Flecken an bestimmten Stellen könnten zum Beispiel auf eine körperliche Misshandlung hindeuten. Wichtig sei auch die Prävention: „Häufig ist Überlastung eines Elternteils die Ursache für Kindeswohlgefährdung.“ Da helfe es, Eltern Möglichkeiten zur Unterstützung und Beratung aufzuzeigen – beispielsweise im Umgang mit sogenannten Schreikindern.

          Handlungsbedarf sieht auch die Politik: Das Bundesfamilienministerium gab am Freitag bekannt, eine zentrale und unentgeltliche Beratungsnummer für Mediziner einzurichten, die mögliche Fälle von Kindesmisshandlung und Kindesmissbrauch bemerken. Das Pilotprojekt soll von April 2017 an starten.

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