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BBC-Missbrauchsskandal : Savile soll in mehr als 500 Fällen Kinder missbraucht haben

  • -Aktualisiert am

Jimmy Savile im Jahr 2008 Bild: dapd

Eine neue Untersuchung offenbart die Ausmaße des Skandals um Jimmy Savile: Mehr als 500 mal sollen Kinder dem früheren Star-Moderator der BBC zum Opfer gefallen sein. Die Warnzeichen seien ein ums andere mal missachtet worden.

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          Die Opfer Jimmy Saviles, des BBC-Moderators, der ein Jahr nach seinem Tod im Oktober 2011 als serieller Kinderschänder entlarvt wurde, sind nach neuen Erkenntnissen noch zahlreicher als bislang vermutet.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Recherchen des britischen Kinderschutzverbandes National Society for the Protection of Cruelty against Children (NSPCC) im Auftrag der BBC haben ergeben, dass mehr als 500 Missbrauchsmeldungen vorliegen. Der NSPCC teilte mit, es bestehe kein Zweifel, dass Savile einer der schlimmsten Sexualverbrecher des Landes war.

          Der populäre Discjockey hatte bevorzugt 13 bis 15 Jahre alte Mädchen und Jungen missbraucht. Die meisten Vergehen fanden in Ankleidezimmern der öffentlichen Rundfunkanstalt statt, in Kinderheimen und im psychiatrischen Krankenhaus Broadmoor, wo Savile besondere Zugangsrechte hatte.

          Die Labour-Regierung gab ihren Segen

          Die Recherchen offenbaren, wie die Warnzeichen ein ums andere mal missachtet wurden. Saviles Verbindung zu dem Hochsicherheitskrankenhaus begann in den sechziger Jahren, als der Fernsehmoderator der wöchentlichen Hitparade „Top of the Pops“ gebeten wurde, die Patienten aufzuheitern. Die Labour-Regierung gab ihren Segen.

          In den achtziger Jahren, als die Anstalt von Arbeitskonflikten geplagt war, ernannte die Regierung Thatcher den freiwilligen Helfer zum Leiter einer Arbeitsgruppe, welche die Differenzen schlichten sollte.

          Die Geschichte von Saviles ehrenamtlicher Tätigkeit für Broadmoor sei die Geschichte davon, wie ein Prominenter durch Erpressung, Mobbing und Angeberei mit seinen wichtigen Beziehungen 60 Jahre lang der Gerechtigkeit habe ausweichen können, heißt es in einem Rundfunkbericht der BBC über die neuen Befunde, der am Montagabend ausgestrahlt wird. Beamte, die ihm Sonderrechte gewährt hätten, seien von seinem Ruhm geblendet gewesen.

          „Einen richtigen erwachsenen Kuss“

          Eine ehemalige Führungskraft berichtete, wie sie beobachtet habe, dass Savile stets einen Kuss – „einen richtigen erwachsenen Kuss“ – für jedes Autogramm verlangt habe. Der Informant gestand, gewusst zu haben, dass Savile ein Pädophiler gewesen sei, und nichts unternommen zu haben, obwohl der leidenschaftlichste Kuss seiner Nichte gegolten habe. Nur ein Wahnsinniger habe Savile, der außer seinem Ruhm keinerlei Befähigung gehabt habe, zum Leiter der Arbeitsgruppe machen können, sagte ein ehemaliger Krankenpfleger.

          Zu den neuen Enthüllungen zählt, dass die BBC sich offensichtlich nicht an die Empfehlungen eines Berichts gehalten hat, zu dem Missbrauchsvorwürfe zu Beginn der siebziger Jahre Anlass gaben. Damals hatte eine 15 Jahre alte Tänzerin, die behauptete, sie sei von mehreren „Top of the Pops“-Moderatoren missbraucht worden, Suizid verübt. Die daraufhin in Auftrag gegebene Untersuchung befand, dass „einzelne Fälle sittenwidrigen Verhaltens“ stattgefunden haben könnten, und empfahl klare Richtlinien für die Aufsicht über das junge Publikum der Sendung.

          Eine Notiz aus dem Jahr 1972 belegt jedoch, dass der Fernsehverwaltungsdirektor der Auffassung war, es werde schon alles „streng kontrolliert“. Das hatte zur Folge, dass keine weiteren Überprüfungen eingeführt wurden. Die Ermittlungen zeigen, dass sich Savile auch nach dem Untersuchungsbericht und dessen Empfehlungen in Ankleidezimmern der BBC an sechs jungen Menschen verging.

          Als der Skandal um Jimmy Savile im Herbst 2012 aufgedeckt wurde, gab die BBC bei der ehemaligen Berufungsrichterin Dame Janet Smith einen Untersuchungsbericht in Auftrag über „die Kultur und die Bräuche“ des Senders in den Jahren, in denen Savile dort tätig war. Das Erscheinen musste auf Wunsch der Polizei und der Staatsanwaltschaft mehrmals verschoben werden – wegen laufender Missbrauchsverfahren gegen andere ehemalige BBC-Moderatoren.

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