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Kalabrien : Von Mafia instandgehaltene Brücke in Italien beschlagnahmt

Luftaufnahme der Stadt Catanzaro in Kalabrien, Italien. Bild: Bildagentur-online/Rossi

Als 2018 die Morandi-Brücke bei Genua einstürzte, starben 43 Menschen. Nun wurde eine Brücke gleichen Namens gesperrt, die aus minderwertigem Material besteht. Offenbar wurde sie von einem Unternehmen instandgehalten, das von der Mafia kontrolliert wird.

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          Der Name dieser Brücke dürfte den meisten Italienern schrill in den Ohren klingen: Ponte Morandi hieß die Autobahnbrücke in Genua über den Fluss Polcevera, die am 14. August 2018 einstürzte. 43 Menschen kamen bei der Katastrophe ums Leben. Offiziell lautete der Name der Brücke Viadotto Polcevera, sie wurde aber weithin Morandi-Brücke genannt, nach dem Ingenieur Riccardo Morandi (1902 bis 1989), dem Pionier des Spannbetons und der Schrägseilbrücke.

          Matthias Rüb
          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          In Catanzaro, der Hauptstadt der süditalienischen Region Kalabrien, gibt es ebenfalls eine Morandi-Brücke. Die heißt offiziell auch anders: Viadotto Fausto Bisantis, nach dem kalabrischen Lokalpolitiker, während dessen Amtszeit als Präsident der Provinz Catanzaro der Beschluss zum Bau des Viadukts gefasst worden war. Die Morandi-Brücke in Catanzaro ist sogar älter als jene in Genua. Fertiggestellt wurde das Viadukt, das die Altstadt von Catanzaro mit den Vorstädten und dem Industriegebiet im Westen der Stadt verbindet und das erkennbar die Handschrift Morandis trägt, nach nur dreijähriger Bauzeit 1962 – fünf Jahre vor der Eröffnung der Morandi-Brücke in Genua.

          „Hier fällt alles auseinander“

          Am Mittwoch nun wurde die Morandi-Brücke in Catanzaro gemäß einem Beschluss der zuständigen Untersuchungsrichterin beschlagnahmt und vorüber­gehend gesperrt. Auch der Tunnel Sansi­sato entlang der Staatsstraße 280 wurde beschlagnahmt. Sechs Verdächtige wurden festgenommen, unter ihnen zwei Bauunternehmer, ein Mitarbeiter des Straßenbauamts sowie ein Beamter der Finanzpolizei. Sie wurden wegen des Verdachts des Betrugs, der Geldwäsche und der Verbindung zur Mafia angeklagt.

          Mit dem Beschluss folgte die Unter­suchungsrichterin Paola Ciriaco einem Antrag der Staatsanwaltschaft von Catan­zaro unter Leitung von Chefstaatsanwalt Nicola Gratteri, dem derzeit wichtigsten Mafiajäger in Süditalien. Im Rahmen der Operation Brooklyn gegen die kalabrische Mafia-Organisation ’ndrangheta hatten die Strafverfolger unter Führung Gratteris die Mobiltelefone der jetzt verhafteten Bauunternehmer und ihrer Komplizen abgehört. Dabei ist zu hören, wie die Angeklagten über die Verwendung von minderwertigen Baustoffen bei Instandhaltungs- und Ausbesserungsarbeiten an der Brücke sprechen, nachdem sie 2017 eine öffent­liche Ausschreibung für die Arbeiten gewonnen hatten. Um die eigenen Kosten zu drücken, werden billiger Beton und Mörtel verwendet. Das Bauunternehmen, das die Ausschreibung gewonnen hatte, wird nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft vom ’ndrangheta-Clan der Iannazzo aus Lamezia Terme kontrolliert.

          Der Chef des Bauunternehmens bekräftigt in einem der abgehörten und mit­geschnittenen Gespräche mit dem frustrierten Bauleiter an der Brücke, dass „aus finanziellen Gründen“ kein anderer Baustoff geliefert werden könne. Worauf der Bauleiter erwidert: „Dieses Material ist ein Haufen Sch…, man kann damit nicht arbeiten. Hier fällt alles auseinander.“

          Die Beschlagnahmung der Morandi-Brücke wurde in ganz Italien mit Empörung aufgenommen. Aber auch mit Erleichterung, weil die kriminellen Machenschaften noch vor einer möglichen Katastrophe hatten aufgedeckt werden können. Der Regionalpräsident Roberto Occhiuto sprach den Ermittlern im Namen aller Kalabrier seinen Dank aus und bekräftigte: „Mit der Sicherheit der Bürger spielt man nicht.“

          Noch am Mittwoch wurde der Verkehr über die beschlagnahmte Brücke und durch den Tunnel wieder freigegeben. Die Instandhaltungsarbeiten mit schadhaftem Material beeinträchtigten „die statische Sicherheit der Bauwerke“ nicht, teilte das Straßenbauamt mit. Auch weitere Untersuchungen der Ermittler an Brücke und Tunnel könnten ohne dauerhafte Sperrung der betreffenden Straßenabschnitte fortgesetzt werden. Am Donnerstag wurde aus Catanzaro deutlich weniger Verkehr über die Morandi-Brücke gemeldet als üblich.

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