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Iserlohn : André verdurstete und verhungerte

  • -Aktualisiert am

Kerzen und Stofftiere vor dem Wohnhaus des kleinen André in Iserlohn Bild: dpa

Am 22. Juni starb der drei Monate alte André in Iserlohn wegen offensichtlicher Vernachlässigung. Noch drei Tage vor dem Tod besuchte eine Familienhelferin das Baby - ohne etwas zu bemerken. Nun wehrt sich die Stadt gegen Kritik.

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          Nachdrücklich hat sich die Stadt Iserlohn gegen den Verdacht zur Wehr gesetzt, der Tod des kleinen André hätte durch intensivere Bemühungen der Kinder- und Jugendhilfe abgewendet werden können. Der drei Monate alte Junge war am 22. Juni wegen offensichtlicher Vernachlässigung gestorben. Der Ressortleiter für Soziales und Jugend, Friedhelm Kowalski, legte am Dienstag eine Liste vor, die zwischen dem Zuzug der Familie aus dem benachbarten Hemer im September 2006 bis zum Tode des Kindes etwa 60 Aktivitäten und Bemühungen der Familienhilfe aufweist.

          Bei der Beschreibung der verschiedenen Kontakte habe man die gebotene Zurückhaltung walten lassen, da auch die Familie einen Anspruch auf Achtung der Privatsphäre habe. Viel sei geschehen auch im Hinblick auf die älteren Kinder der Familie, die zehn Jahre und achtzehn Monate alt sind. Die beiden Kinder, die keine gesundheitlichen Auffälligkeiten zeigen, werden jetzt von der Großmutter betreut und regelmäßig vom Jugendamt besucht.

          Je 80 Kinder in Heimen und Pflegefamilien

          Anhand einer Drucksache zu einer Ratssitzung vom Oktober 2006 legte Kowalski zudem dar, dass sich nach dem Tod des kleinen Kevin in Bremen die Mitarbeiter der Familienhilfe durchaus Gedanken zur Situation in Iserlohn gemacht hätten. Das Problembewusstsein sei geschärft gewesen, und die Mitarbeiter hätten Konzepte zum Zusammenwirken aller in der Jugend- und Familienhilfe Tätigen entwickelt und umgesetzt.

          Dazu sei das Projekt „IsPa“ („Iserlohner Paten“) ins Leben gerufen worden, das unter anderem die Beratungsstellen der Caritas, Kinderärzte, die Frühförderstelle und Hebammen verknüpfen soll. In einem Qualitätsarbeitsbuch seien Verfahrensstandards beschrieben und festgehalten worden. Jeglichen Hinweisen sollte unmittelbar nachgegangen werden. Etwa 80 Kinder waren 2006 in Heimen untergebracht worden, ebenso viele lebten bei Pflegefamilien.

          Wie kam es zum Flüssigkeitsverlust bei André?

          Alle diese Maßnahmen haben nicht verhindert, dass der kleine André verdurstet und verhungert ist. Es gibt auch keine Erklärung, ob die Familienhelferin, die drei Tage zuvor die Familie aufgesucht hatte, den Zustand des Jungen hätte bemerken müssen. Der Rechtsmediziner Ralf Zweihoff aus Dortmund, der den Leichnam obduziert hat, sagte gegenüber dem „Iserlohner Kreisanzeiger“, dass für eine differenzierte Analyse noch einige Monate notwendig seien. Es habe zwar Anzeichen von Vernachlässigung gegeben, doch sei zunächst die Möglichkeit eines „plötzlichen Kindstods“ zu untersuchen und gegebenenfalls auszuschließen.

          Die Anzeichen von Flüssigkeitsmangel, wie sie offenbar vorgefunden wurden, könnten sich innerhalb von zwei Tagen ausprägen. Dann müsse aber noch geklärt werden, wie es zu dem Flüssigkeitsverlust gekommen sei. Zur Frage, ob André nicht geschrien habe, zitierte der „Kreisanzeiger“ Zweihoff mit den Worten: „Brüllen und Schreien braucht Kraft. Und die hatte der Junge nicht mehr.“

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