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Prozess gegen IS-Rückkehrerin : Die Tochter der Terroristin

Zwischen gewaltbereitem Extremismus und Mutterschaft: Wenn deutsche Gerichte jetzt über die Rolle von Frauen im IS-Gebiet urteilen, ist die Lage selten so eindeutig wie auf diesem Bild aus einem IS-Propaganda­video. Bild: dpa

Deutsche Islamistinnen, die IS-Kämpfern in Syrien den Haushalt geführt haben, werden nach ihrer Rückkehr zu Haftstrafen verurteilt. Ein Prozess in Berlin verhandelt jetzt erstmals das Leid der Kinder.

          6 Min.

          Es ist die vorletzte Phase ihres Syrien-Aufenthalts, Nadia B. hat mit ihren drei Kindern das Herrschaftsgebiet der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) verlassen. Einige Monate nachdem ihr Mann von einer Bombe getötet wurde, ist die Islamistin im September 2017 mit wenig mehr als Windeln im Rucksack geflohen: drei Scheiben arabisches Brot, zwei Dosen Thunfisch, Wasser, Geld, ein Handy. Durch die Wüste nach Idlib, eine ganze Nacht zu Fuß.

          Julia Schaaf
          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Das Baby trägt sie vor den Bauch geschnallt, den Zweieinhalbjährigen auf ihren Schultern. Die damals sechs Jahre alte Tochter muss laufen. Das Mädchen hält sich am Ganzkörperschleier der Mutter fest, wie Nadia B. in ihrer Einlassung vor dem Kammergericht Berlin berichten wird. Wenn sie dann sagt, dass sie das Kind trotz schmerzender Füße zum Weiterlaufen habe „ermutigen“ müssen, wüsste man gern, wie diese „Ermutigung“ ausgesehen haben mag. Anhalten jedenfalls, so die Angeklagte, war nicht erlaubt.

          Anfang des Jahres 2018 zieht Nadia B. mit ihren Kindern in ein heruntergekommenes Haus, ungefähr eine Autostunde von Idlib entfernt. Aus dieser Zeit stammt ein Handyfoto, das die ambivalente Rolle von Frauen im IS zwischen extremistischer Gewalt und Mutterschaft geradezu versinnbildlicht. Die Ermittler haben auf dem Bild eine Sprengstoffweste ausgemacht, wie Selbstmordattentäter sie nutzen. Nadia B. hingegen sagt, es handele sich um eine Manduca-Babytrage aus Deutschland.

          Luftaufnahme der ­zerbombten IS-Hochburg Rakka: Kinder im Kriegsgebiet haben möglicherweise Bombardierungen miterlebt und Tote und Verletzte gesehen.
          Luftaufnahme der ­zerbombten IS-Hochburg Rakka: Kinder im Kriegsgebiet haben möglicherweise Bombardierungen miterlebt und Tote und Verletzte gesehen. : Bild: dpa

          Nachdem Syrien-Rückkehrerinnen von der deutschen Justiz zunächst eher als Opfer denn als Täterinnen behandelt wurden, das Klischee der passiven muslimischen Ehefrau übernehmend, sind inzwischen eine ganze Reihe von Islamistinnen wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung verurteilt worden. Es ist strafbar, einem Terrorkämpfer in Syrien den Haushalt zu führen, weil das verbrecherische System auf diese Weise am Laufen gehalten wird. Sofern man den Frauen nachweisen kann, dass sie Waffen besaßen, jesidische Sklavinnen hielten oder in Häusern lebten, deren rechtmäßige Besitzer vertrieben oder getötet worden waren, fallen die Haftstrafen noch höher aus.

          Die 31 Jahre alte Frankfurterin Nadia B., die sich seit Ende Mai vor dem Berliner Kammergericht verantworten muss, ist in dieser Hinsicht ein minder schwerer Fall. Besonders wird ihr Beispiel aber aus einem anderen Grund: „Ich halte das Verfahren für wichtig, weil es den Blick deutlich auf das Leid der Kinder lenkt, die in den IS gebracht wurden, aber auch dort geboren und aufgewachsen sind“, sagt Oberstaatsanwältin Eva-Maria Tombrink.

          Die Beeinträchtigungen des Mädchens würden bleiben

          Auch andere radikalisierte Musliminnen haben ihre Kinder mit ins Kriegsgebiet genommen. Viele bekamen dort Nachwuchs, so war es vom IS gewollt. Zu der Zahl der betroffenen Minderjährigen liegen dem Bundesinnenministerium allerdings „keine belastbaren Angaben“ vor, insgesamt etwa 270 Frauen seien im Lauf der Jahre ausgereist.

          Weil aber Nadia B. ihre Tochter ohne Einverständnis des Vaters mitnahm, weil sie deshalb wegen der Entziehung Minderjähriger angeklagt ist, wird vor dem Kammergericht Berlin erstmals ausführlich öffentlich erörtert, welchen Schaden ein Kind genommen hat. Neun Jahre alt ist die Tochter inzwischen, sie lebt in einer Pflegefamilie. Die psychologische Sachverständige sagt: „Wir können komplett ausschließen, dass sie eine stabile junge Frau werden kann. Sie wird beeinträchtigt bleiben.“

          Zerstörung und Gewalt: Blick in eine Gefängniszelle des IS unter dem Stadion von Rakka.
          Zerstörung und Gewalt: Blick in eine Gefängniszelle des IS unter dem Stadion von Rakka. : Bild: REUTERS

          Die Geschichte der Nadia B. und ihrer Radikalisierung ist zunächst typisch für junge Frauen mit brüchigen Biographien, die im radikalen Islam Halt und Orientierung suchen. Die Eltern, die Mutter Deutsche, der Vater Tunesier, hätten sich gleich nach der Geburt getrennt, so die Angeklagte vor Gericht. Die anfänglich warmherzige Beziehung zur Mutter sei zunehmend von Konflikten geprägt gewesen. „Ich kann mir nicht erklären, wieso das alles so eskalieren musste“, sagt Nadia B., um dann doch Gründe anzubieten: von den fragwürdigen Männerbeziehungen der Mutter über den neuen Partner, der die Tochter plötzlich schlägt. Obwohl das Mädchen sich nach heiler Familie sehnt, schmeißt die Mutter es raus. Internat. Pflegefamilie. Party, Kiffen, Alkohol. Nadia B. zieht mit einer Freundin nach Berlin. „Im Nachhinein sehe ich, dass ich von Anfang an orientierungslos gewesen bin“, sagt die junge Frau vor Gericht.

          Thomas Mücke, als Geschäftsführer des Violence Prevention Network (VPN) einer der maßgeblichen Extremismus-Fachleute in Deutschland, drückt es so aus: „Vor jeder Radikalisierung gibt es einen Schmerz. Sonst wäre das nicht passiert. Es ist eigentlich eine Flucht aus ihrer Realität.“

          In Berlin kommt Nadia B. über die Familie eines jungen Deutschtürken in Kontakt mit dem Islam. Sie fängt selbst an zu recherchieren, schaut Youtube-Videos und konvertiert, woraufhin ihre Freundin sie vor die Tür setzt. Das aber ficht sie nicht an: „Der Islam mit all seinen Ritualen, das Fasten und Beten faszinierten mich.“ Nadia B. geht in die Moschee und umgibt sich zunehmend mit Leuten aus der salafistischen Szene. Eine Affäre mit einem verheirateten Islamisten mag ihre Leidenschaft beflügelt haben. Die Beziehungsbiographie der jungen Frau liefert beiläufig einen inter­essanten Einblick in die Doppelmoral des Milieus. Einerseits, so berichtet es Nadia B., die zu dieser Zeit schon ihr Gesicht verschleiert, seien unbeaufsichtigte Begegnungen zwischen den Geschlechtern tabu gewesen: Die Ehe galt nach islamischem Recht als Voraussetzung für romantische oder sexuelle Beziehungen. Andererseits folgen im Fall dieser Konvertitin so viele Ehen und Trennungen aufeinander, dass sich der Eindruck aufdrängt, mit der vermeintlich strengen Moral sei es nicht weit her.

          Maximale Radikalität stärkt das Selbstwertgefühl

          Unabhängig davon erklärt Nadia B. ihre Radikalisierung mit den Worten: „Wenn ich als konvertierte Muslima von allen Meinungen die strengste vertrat und umsetzte, war ich auf der richtigen Seite.“ Islamismus-Fachmann Mücke sagt es so: Die Überzeugung, qua Ideologie im Besitz der absoluten Wahrheit zu sein, erhöhe bei Frauen, die nicht genug Anerkennung erfahren hätten, das Selbstwertgefühl.

          Gewaltverherrlichung und Propaganda: Autokonvoi mit IS-Kämpfern, das Bild stammt von einem Social-Media-Account aus dem Jahr 2014.
          Gewaltverherrlichung und Propaganda: Autokonvoi mit IS-Kämpfern, das Bild stammt von einem Social-Media-Account aus dem Jahr 2014. : Bild: AP

          Im Jahr 2011 geht aus einer Ehe von Nadia B. mit einem Salafisten die Tochter hervor. Schon während der Beziehung trägt Nadia B. sich mit dem Gedanken, in ein islamisches Land auszuwandern. Als das Mädchen drei Jahre alt ist, reist sie allein mit dem Kind über die Türkei in das IS-Gebiet, wo ein Bekannter aus der Berliner Salafistenszene sie unter seine Fittiche nimmt. Bald darauf wird sie einen IS-Kämpfer heiraten und mit ihm zwei Söhne bekommen.

          Darüber jedoch, wie sie den Familienalltag im Kriegsgebiet bestritten hat, ist in ihrer Einlassung nicht viel zu erfahren. Auch Fragen will sie nicht beantworten. Einmal sagt sie, das Leben im IS sei „sehr eintönig und langweilig“ für Frauen, „ich saß zu Hause und kümmerte mich um die Wohnung und die Kinder“. Über ihren Kochkanal bei Telegram erfährt man keine Silbe mehr, als in der Anklage steht.

          Wenige Wochen nach der Geburt des zweiten Jungen stirbt ihr Mann bei einem Bombenangriff. Nadia B. schildert ein weißes Licht und die Druckwelle, sie beschreibt den leblosen Körper auf der Straße mit Details, die an einen Horrorfilm erinnern, sowie ihr eigenes Weinen und Schreien, das sie hysterisch nennt. Sie sagt außerdem, dass sie ihre spätere Flucht ursprünglich mit ihrem Mann geplant habe. Dafür allerdings gibt es keine Belege. Ob Nadia B. tatsächlich vor dem IS geflohen ist oder mit Unterstützung der Terrormiliz aus dem Kriegsgebiet entkam, wird vor Gericht noch zu klären sein. Mehrfach, sagt sie, habe sie ihre Kinder aus zerbombten Orten retten müssen. Einer der Jungen wird durch umherfliegende Glassplitter im Gesicht verletzt. Sie selbst erkrankt an Lungenentzündung, dann an Gelbsucht und magert ab auf 40 Kilogramm. Auf der letzten Etappe ihrer Irrfahrt, nach dem Aufenthalt bei Idlib, heiratet sie abermals, angeblich aus Verzweiflung. Mit der Hilfe des Mannes, der sich als gewalttätig und sexuell übergriffig entpuppt, gelingt ihr die Flucht in die Türkei, wo sie ihn verlässt, um im April 2019 nach Deutschland zurückzukehren. „Der letzte Vater war böse“, hat auch die Tochter der Gutachterin erzählt.

          „Wir belogen uns“

          In der Untersuchungshaft hat Nadia B. ihr Kopftuch abgelegt, den Gesichtsschleier trägt sie schon länger nicht mehr. Auf der Anklagebank sitzt eine Frau mit langen dunklen Haaren, die man sich auch als Bankangestellte vorstellen könnte, vielleicht weil sie Brille und Blusen trägt. Mitunter blickt sie keck ins Publikum. Laut Anklage hat Nadia B. ihre „radikale islamistische Haltung“ bis zu ihrer Verhaftung im Sommer 2020 nicht aufgegeben. Sie selbst äußert sich in ihrer Einlassung kritisch: „Wir belogen uns.“ Und: „Heute erkenne ich, dass die Szene etwas Sektenartiges hatte.“ Wenn sie dann vorträgt, dass sie ihre Tochter „im Geiste der IS-Ideologie“ habe erziehen wollen, und sich schämt, sie geschädigt zu haben, bricht ihr die Stimme weg. Schluchzen, eine kurze Unterbrechung, jemand bringt einen Papierkorb für die vielen benutzten Taschentücher. Konkreter wird Nadia B. mit Blick auf das Leid der Tochter nicht.

          Das allerdings tut die Gutachterin. Die Psychologin schildert, wie das Mädchen unruhig wird und nur noch stockend spricht, wenn es von Bomben, Trümmern, Verletzten und Leichenteilen erzählt. Sie attestiert dem Mädchen eine posttraumatische Belastungsstörung, die sich insbesondere dadurch zeige, dass die Neunjährige sich in die Hose mache, im Schulunterricht, mitten auf der Straße, was dem Kind natürlich sehr peinlich sei und es gleich doppelt einschränke, durch die Störung und die Scham. Seit der Rückkehr nach Deutschland habe sich der Zustand des Mädchens noch verschlechtert. Die Merkfähigkeit lasse nach, zudem sei eine allgemeine Verlangsamung zu beobachten, die Frühzeichen einer Psychose sein könnte.

          Als die Verteidiger nahelegen, dass die Beeinträchtigungen weniger mit den Kriegserfahrungen als mit der Trennung von der Mutter zu tun haben könnten, wird die Gutachterin scharf. Im Gegenteil: Nicht nur, dass das Mädchen Exekutionen nachgespielt und sich Waffen zum Geburtstag gewünscht habe. Die Beziehung zur Mutter sei grundlegend gestört.

          Mit Kabelbindern das Kind gefesselt

          Die Tochter sei in Syrien nämlich mit Kabelbindern gefesselt und in ein dunkles Zimmer gesperrt worden. Sie habe mit dem Gesicht zur Wand stehen müssen, ohne sich zu rühren, bis sie umgefallen sei. Verantwortlich dafür sei wohl der Vater ihrer Brüder gewesen, „wenn sie was gemacht hatte, was sie nicht hätte machen sollen“. Mehr weiß die Gutachterin über den Grund für die Bestrafung nicht. Aber immer wieder habe das Kind im Gespräch mit ihr geklagt: „Und die Mama war nicht da.“

          Gut möglich, dass auf dem Foto aus der Zeit bei Idlib eine Manduca-Babytrage zu sehen ist und kein Sprengstoffgürtel. Interessanter ist die Frage, inwiefern das Prinzip Gewalt statt mütterlicher Fürsorge im Fall Nadia B. auf die IS-Ideologie zurückgeht. Die Anhörung eines Islamismus-Experten durch das Gericht in dieser Woche könnte Klarheit schaffen.

          Unterdessen leben auch die beiden Söhne von Nadia B. in Pflegefamilien. Ein weiterer Junge, Sohn des gewalttätigen Ehemanns und kurz nach der Rückkehr nach Deutschland geboren, wurde bei der Verhaftung der Mutter in Obhut genommen. Wie es um das Wohl der Geschwister steht, bleibt offen.

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