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Irland : Kirche fordert Aufklärung bei Fund von Kinderleichen

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Der Fund von 800 Säuglingsleichen in Tuam hat nicht nur die Iren zutiefst erschüttert Bild: dpa

Der Fund von 800 Säuglingsleichen nahe einem Heim für „gefallene Mädchen“ hat Irland zutiefst schockiert. Der katholische Erzbischof von Dublin befürchtet, dass der Fund kein Einzelfall ist - und fordert eine „vollständige Untersuchung“.

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          Der katholische Erzbischof von Dublin, Diarmuid Martin, hat eine„vollständige Untersuchung“ von Heimen für ledige Mütter und deren uneheliche Kinder in Irland gefordert. „Wenn in Tuam etwas passiert ist, dann ist es wahrscheinlich auch in anderen Mutter-und-Baby-Heimen im Land passiert“, sagte der Erzbischof in einem Interview mit dem irischen Nachrichtensender RTE am Sonntag.

          In Tuam in der Grafschaft Galway war vor kurzem bekanntgeworden, dass 800 Kinderleichen aus einem Massengrab aus einem Mutter-Kind-Heim stammten, das von katholischen Ordensfrauen geleitet worden war. Man müsse die „gesamte Kultur der Mutter-und-Baby-Heime“ erfassen, so Erzbischof Martin weiter.

          „Sehr komplizierte und sehr sensible Angelegenheit“

          Auch die Adoptionspolitik der Heime und Angaben über medizinische Experimente müssten genau untersucht werden, forderte der Bischof. Es handele sich um eine „sehr komplizierte und sehr sensible Angelegenheit“, doch der einzige Weg, diesen Teil der Geschichte zu verarbeiten, sei das „Finden der Wahrheit“.

          Auch ehemalige Bewohner des Bessborough-Heims für unverheiratete Mütter und deren uneheliche Kinder in Cork forderten am Wochenende eine Inspektion des dortigen Friedhofsgeländes. Das Heim war das größte seiner Art in Irland. Es wurde von den Herz-Jesu- und Marien-Schwestern geleitet. Der Orden erklärte, er begrüße eine unabhängige Untersuchung der Angelegenheit.

          Das irische Justizministerium hat unterdessen die Polizei mit dem Zusammentragen von Dokumenten wie Todesurkunden und Sterberegistern in Tuam beauftragt. Zudem sollen weitere Tests auf dem Friedhofsgelände durchgeführt werden. Das Massengrab in Tuam war bereits in den 70er Jahren entdeckt worden. Anwohner glaubten aber lange Zeit, bei den Leichen handle es sich um Opfer der irischen Hungersnot des 19. Jahrhunderts. Er kürzlich hatte eine Historikerin aufgedeckt, dass es sich um die sterblichen Überreste unehelicher Kinder lediger Mütter aus dem Heim handelt. Die Kinder sollen zwischen 1925 und 1961 gestorben sein.

          Regierung verspricht Aufarbeitung

          Die irische Regierung will zudem die Geschichte von Heimen für ledige Mütter und deren uneheliche Kinder landesweit aufarbeiten. Die Todesfälle in den umstrittenen Heimen seien „ein weiterer Teil der Geschichte unseres Landes“, der untersucht werden müsse, wird Premierminister Enda Kenny von der Tageszeitung „Irish Times“ zitiert. Obwohl die meisten Heime für ledige Mütter und deren Kinder von katholischen Orden geführt wurden, standen diese unter Verantwortung des Staates.

          Das Heim in Tuam war Medienberichten zufolge eine von zehn Einrichtungen in Irland, in denen insgesamt rund 35.000 ledige Mütter, sogenannte „gefallene Frauen“, untergebracht wurden. Zum Teil mussten sie dort Zwangsarbeit verrichten. Die sogenannten „Magdalene Laundries“ (Wäschereien für Sünderinnen) machten vor einigen Jahren international Schlagzeilen und wurden auch als Filmstoff verarbeitet. Die Kinder „gefallener Frauen“ wurden den Müttern in der Regel weggenommen und an andere Familien weitergegeben.

          Erzbischof Martin hatte bereits am Donnerstag die bekanntgewordenen Details über das Massengrab in Tuam als „erschütternd“ bezeichnet. In den vergangenen Jahren hat er sich nach eigenen Angaben wiederholt mit ehemaligen Heimbewohnern getroffen. Alles müsse getan werden, um die Geschichte dieser Menschen möglichst genau aufzuarbeiten und darzustellen, so Martin.

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