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Irina A. im Niddapark getötet : So verteidigt sich Jan M. im Mordprozess

Angeklagt: Mit 21 Messerstichen soll der Gastronom Jan M. (Mitte) seine frühere Geschäftspartnerin Irina A. getötet haben. Bild: Helmut Fricke

Hat der Frankfurter Gastronom Jan M. seine frühere Geschäftspartnerin Irina A. brutal ermordet? Beim Prozessauftakt weist er das zurück – und erzählt zum ersten Mal seine Version der Geschichte.

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          Irgendwann muss die Staatsanwältin dann doch kurz grinsen. Minutenlang hat ihr der Verteidiger Hans Wolfgang Euler im Frankfurter Landgericht Vorwürfe gemacht: Teile ihrer Anklageschrift gegen den ehemaligen Gastwirt Jan M. seien „abenteuerlich“, „geradezu willkürlich“ und „reine Erfindungen“. „Da gibt es nichts zu lachen“, ruft ihr Euler zu. Der Richter hat da gerade den Antrag der Verteidigung zurückgewiesen, die Verhandlung zu unterbrechen. Auch er hat sich von dem forschen Verteidiger vorher einiges anhören müssen, etwa: „Wie die Anklage so zugelassen werden konnte, ist uns ein Rätsel.“

          Sebastian Eder

          Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Dabei kann man nicht behaupten, dass die Staatsanwaltschaft sich die Sache in dem spektakulären Mordprozess einfach gemacht hätte: Mehr als 100 Personen wurden im Laufe der monatelangen Ermittlungen vernommen, fünf Sachverständige und mehr als 30 Zeugen sind geladen, 49 Seiten umfasst die Anklageschrift. Darin werden dem 51 Jahre alten Jan M. Mord, Raub mit Todesfolge, Betrug und Verstoß gegen das Waffengesetz vorgeworfen.

          Am Abend des 8. Mai 2018 soll er seine Geschäftspartnerin Irina A. in den Frankfurter Niddapark gelockt und sie mit mindestens 21 Messerstichen in Brust, Kopf und Nacken heimtückisch getötet haben. M. soll der Moldauerin, die Mutter von zwei Kindern war, viel Geld geschuldet haben, nachdem er die gemeinsam betriebene Bar „First In“ verkauft hatte, ohne die Neunundzwanzigjährige auszuzahlen. Nach dem Mord soll er ihr noch eine teure Uhr, einen Diamantring und den Autoschlüssel geraubt haben.

          Mit Blumen und Kerzen formten Freunde und Familie der getöteten Irina A. ein Herz an der Stelle, an der die junge Frau im Frankfurter Niddapark im Mai 2018 tot aufgefunden wurde.

          Wie Jan M. sich gegen diese Vorwürfe verteidigen will, war bis Dienstag unklar. Bisher hatte er sich bei der Polizei nur vor seiner Verhaftung geäußert und seitdem geschwiegen. Jetzt aber verliest Rechtsanwalt Euler im Auftrag seines Mandanten eine Einlassung, die mit den Worten beginnt: „Ich habe Irina nicht umgebracht.“ Ihn habe mit der Frau vielmehr eine Freundschaft verbunden, seit er sie vor sieben oder acht Jahren kennengelernt habe. Geschäfte habe man zwar gemeinsam gemacht, er habe aber keine Schulden bei ihr gehabt.

          Auch der im Mai 2018 bevorstehende Prozess um die „Sexmob-Affäre“ habe ihn nicht darüber nachdenken lassen, Irina A. zu töten. Im Februar 2017 hatten M. und A. über die Zeitung „Bild“ die später aufgedeckte Lüge verbreitet, dass an Silvester 50 nordafrikanische Männer im „First In“ Frauen belästigt hätten. So wollten sie ihren Laden offenbar ins Gespräch bringen. „Wir waren beide entschlossen, unsere Fehler einzugestehen. Sie waren ja offensichtlich“, heißt es in der Erklärung von M.

          Jan M. war im Niddapark

          Vor Gericht gibt M. zu, dass er im Mai 2018 zusammen mit Irina A. im Niddapark war – allerdings in der Nacht vor der Tat. Sie habe ihn gebeten, ihn zu einem Treffen an der „Gaststätte Niddapark“ zu begleiten und bei einer geschäftlichen Frage zu beraten. Näheres wollte sie ihm angeblich nicht erklären. M. verweist an dieser Stelle auf ein Treffen, zu das ihn Irina A. im Herbst 2017 mitgenommen habe. Damals habe ihm ein Geschäftspartner von ihr vorgeschlagen, in Frankfurter Gaststätten in großem Stil 500-Euro-Scheine zu waschen. Er habe das abgelehnt und sei deswegen auch wegen des neuen Treffens skeptisch gewesen. Trotzdem habe er Irina A. an dem Abend vor der Bluttat spontan zur „Gaststätte Niddapark“ begleitet, dort sei aber niemand gewesen. Irina A. habe ihm erklärt, dass sie wahrscheinlich zu spät seien. Zusammen spazierten beide laut Jan M. kurz in den Park und setzten sich auf eine Parkbank, auf der später Blut von Jan M. gefunden wurde.

          Als ihn Irina A. am nächsten Tag gebeten habe, noch mal mit in den Park zu kommen, habe er das aber abgelehnt. Erst als er mitten in der Nacht sein Motorrad umparken wollte, weil ihm eingefallen sei, dass es am nächsten Morgen Handwerker stören würde, habe er sich Sorgen gemacht, weil sich Irina A. gar nicht mehr bei ihm gemeldet habe. Er sei zuerst zu ihrer Wohnung und schließlich zum Niddapark gefahren, wo er ihre Leiche entdeckt habe. Er habe an ihrem Knöchel gerüttelt und festgestellt, dass sie kein Puls mehr hatte. Schockiert habe er sich daraufhin auf eine der Parkbänke gesetzt – und sich dann dazu entschieden, abzuhauen, um nicht mit dem Tod von Irina A. in Verbindung gebracht zu werden. Seine Blutspuren am Tatort, so sagt M. es heute, rührten wohl von einer Handverletzung her, die er sich bei einem Sturz in seiner Wohnung kurz vorher zugezogen habe. Ein Polizist, der damals am Tatort war, sagt am Dienstag dagegen aus, dass die Spuren schnell so eingeschätzt wurden, dass ein Täter sich bei der Tat verletzt habe.

          Täglich Kokain konsumiert

          Nachdem der Anwalt von Jan M. am Dienstag die Einlassung vorgelesen hat, gibt er selbst noch eine Erklärung ab, die viel über seine Verhandlungsstrategie verrät: Er will vor allem die Glaubwürdigkeit einer Zeugin in Zweifel ziehen, die ausgesagt hat, dass ihre Freundin Irina A. am Tatabend mit Jan M. im Niddapark verabredet war. Einen entsprechenden Anruf A.s bei der Zeugin habe es ausweislich der Handyauswertung nicht gegeben, sagt Euler. Auch den genauen Tatort, den Todeszeitpunkt und den angeblichen Schmuck- und Autoschlüsselraub zweifelt Euler an. Und er verweist darauf, dass die Schuhe, an denen Suchhunde geschnuppert hatten, um den Weg von Irina A. in den Niddapark zu rekonstruieren, gar nicht ihr gehörten, sondern der besagten Zeugin, die sie ihr geliehen habe. Die von den Hunden verfolgte Spur müsse von der Zeugin gelegt worden sein, vermutet Euler, und die Staatsanwaltschaft habe sie nicht mal nach einem Alibi gefragt.

          Sein Antrag, diese Zeugin deswegen sofort zu laden, lehnt der Richter aber entschlossen ab. Trotzdem wird die Frau wohl eine zentrale Rolle in dem Prozess spielen. Der Polizist sagt am Dienstag aus, dass Jan M. schon in der ersten Vernehmung von ihr berichtet habe. Über sie habe er Irina A. kennengelernt, sie sei eine Prostituierte gewesen und habe mit Kriminellen zu tun gehabt.

          Auch von Irina A. zeichnet M. kein positives Bild: Sie habe fast täglich Kokain konsumiert und immer wieder versucht, an das große Geld zu kommen. Er selbst habe früher zwar mit den Hells Angels zu tun gehabt, sei aber zu intelligent gewesen, um wirklich Mitglied zu werden, soll M. bei der Polizei ausgesagt haben.

          Auch den Gerüchten, dass der Vater von Irina A. seinen Reichtum nicht nur mit friedlichen Mitteln erreicht hat, gab Jan M. in dieser Vernehmung Futter. Kurz vor der Tat soll sie sich besorgt darüber geäußert haben, dass ihr Vater erfahren könnte, dass sie kein Geld mehr habe: „Mein Vater schlachtet mich.“ Allerdings könnte deswegen auch Jan M. unter Druck gestanden haben – wenn er Irina A. viel Geld schuldete, das sie von ihrem Vater hatte. Und genau so schildern Freundinnen von ihr die Lage.

          All das wird jetzt in dem langen Prozess zu klären sein, 17 Verhandlungstage sind bis Januar angesetzt. Die Staatsanwältin zeigt sich von dem forschen Auftritt der Verteidigung zum Prozessbeginn unbeeindruckt. Sie werde nicht in dieselbe Falle wie die Verteidigung tappen, das Plädoyer schon vorwegzunehmen. Mit Blick auf die Argumentation der Verteidigung kann sie sich eine kleine Spitze dann aber doch nicht verkneifen: „Ich weiß nicht, welche Anklageschrift die gelesen haben.“

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