https://www.faz.net/-gum-7oxak

Internet-Hoax : Meldung über Kinderräuber schürt Elternängste

  • Aktualisiert am

Die Angst vor Kinderräubern verbreitet sich in den Sozialen Netzwerken Bild: dpa

In Windeseile verbreiten sich im Internet Warnungen vor organisiertem Kindesraub. In diesen Wochen verbreitet sich die Nachricht besonders breit und hartnäckig. In Mannheim schicken Eltern ihre Kinder nicht mehr in den Kindergarten.

          Besorgte Eltern rufen bei der Polizei an, weil sie über das Internet vor dem Diebstahl von Kindern gewarnt werden: „Diese Leute nehmen sogar Kinder aus Kinderwagen heraus“, heißt es auf Facebook. Und über WhatsApp wird verbreitet: „Haltet euch von weißen Transportwagen fern!“ Die unbekannten Verbreiter solcher Gerüchte warnen vor bulgarischen oder rumänischen Kinderdieben, die angeblich mit Organhändlern in Verbindung stehen. Real sind die Folgen: In Mannheim, Sinsheim und Neckarbischofsheim schickten Eltern ihre Kinder aus Angst vor der „Organmafia“ nicht mehr in den Kindergarten.

          Die Mannheimer Polizei wandte sich am Freitag „an alle, die diese Meldungen schon gehört haben oder noch hören werden“ und betonte: „Alle Meldungen zur Organmafia sind falsch, ein Hoax, ein Fake, eine Mär - also frei erfundene Geschichten, die nur eines zum Ziel haben: Sie sollen Angst und Schrecken verbreiten.“ Es handle sich um ein deutschlandweites Problem, sagte Polizeisprecher Norbert Schätzle. „Möglicherweise kommen die Warnungen von Leuten, die ein Interesse daran haben, dass diese Bevölkerungsgruppen diskreditiert werden.“

          Eine “Tatort“-Folge als Inspiration

          Mannheim oder auch Duisburg gehören zu den Städten mit einem großen Anteil von Zuwanderern aus Südosteuropa. Die Verbreiter der Gerüchte haben gezielt vor Kindesräubern dort sowie in Stuttgart, Essen oder Peine gewarnt und hinzugefügt: „Sie werden ganz Deutschland durchsuchen!“

          Fakes und Hoaxes gehören zum Internet dazu, weil Anonymität und schnelle Verbreitung - zwei wesentliche und meist auch vorteilhafte Kennzeichen des globalen Computernetzes - dazu einladen. In den Sozialen Medien mit ihrer Kultur des Teilens und der „Gefällt-mir“-Klicks ist der Schneeball-Effekt besonders stark ausgeprägt.

          Die Ursprünge für den Organmafia-Fake liegen vermutlich bei einer Episode aus der Krimi-Reihe „Tatort“ vom Februar 2011, wie das Internetportal „mimikama.at“ recherchiert hat. In den vergangenen Wochen nahm die Verbreitung allerdings massiv zu.

          Strafandrohung für die Urheber des Fakes

          Die pauschale Verdächtigung von Rumänen und Bulgaren steht offenbar in der Tradition des jahrhundertealten rassistischen Vorurteils von Kinder stehlenden Zigeunern. Die Verleumdung von Bevölkerungsgruppen in einer Weise, die den öffentlichen Frieden stört, fällt unter Paragraf 130 des Strafgesetzbuchs, der Volksverhetzung unter Strafe stellt.

          Die Verbreitung solcher Warnungen im Internet sei allerdings schwierig zu bewerten und bewege sich an der Grenze zur strafrechtlichen Relevanz, sagt die Düsseldorfer Rechtsanwältin Eva Dzepina. „Das ist das Perfide an diesen unbestimmten Gerüchten, weil man sie nicht fassen kann.“ Die Weiterverbreitung durch das Teilen in sozialen Netzwerken bedeute nicht automatisch, dass sich jemand diese Äußerungen zu eigen mache. „Aber weil es im Netz so viele falsche und so viele manipulative Informationen gibt, muss man immer prüfen, wo diese herkommen, bevor man sie selbst weitergibt.“

          Weitere Themen

          „Das ist ein falsches Signal“

          Kritik an Lügde-Urteil : „Das ist ein falsches Signal“

          Die Bewährungsstrafe für einen Mittäter beim Kindesmissbrauch von Lügde stößt auf Widerspruch. Die Staatsanwaltschaft stellt einen Antrag auf Revision. Der nordrhein-westfälische Familienminister sieht eine Lücke im Strafrecht.

          Topmeldungen

          Boris Johnson am Mittwoch in London

          Parlament gegen Johnson : Aufstand gegen den No-Deal-Brexit

          Noch ist Boris Johnson nicht Premierminister. Aber er spielt schon öffentlich mit dem Gedanken an einen Austritt ohne Abkommen. Jetzt reagiert das Parlament – und macht ihm eine solche Lösung durch einen Trick schwerer.

          Verhör von Carola Rackete : „Es sollte um die Sache gehen“

          Die „Sea-Watch“-Kapitänin kritisiert nach ihrer Anhörung den Rummel um ihre Person. Der lenke vom eigentlichen Problem ab: dem Umgang mit den Migranten im Mittelmeer. Doch Racketes Äußerungen zur Seenotrettung sind in Italien umstritten.
          Will juristisch gegen eine Fotomontage vorgehen: Ilse Aigner

          Wegen Fotomontage : Aigner geht juristisch gegen AfD-Abgeordneten vor

          Der AfD-Politiker Ralf Stadler hat eine Fotomontage veröffentlicht, die zeigt, wie die bayerische Landtagspräsidentin umringt von Kindern angeblich AfD-Luftballons steigen lässt. Die CSU-Politikerin will nun einen Strafantrag stellen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.