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Indischer Aktivist : Aus dem Mordopfer wird der Mörder

  • -Aktualisiert am

Die Liebe wurde ihm zum Verhängnis: Chandra Mohan Sharma ist von den Toten auferstanden. Bild: Hindustan Times via Getty Images

Geld, Mord und Liebe: Indien verklärte seinen bekanntesten Kämpfer gegen Korruption als Opfer eines Mordkomplotts. Nun ist er in bester Gesundheit wieder aufgetaucht – und wurde festgenommen.

          3 Min.

          Es ist eine Räuberpistole, wie sie sich die Drehbuchautoren in der indischen Filmfabrik Bollywood nicht besser hätten ausdenken können: Es geht um Korruption und Mord, um eine Polizei, die mit der Mafia unter einer Decke stecken soll – und natürlich um Liebe und Betrug. Und wie in jedem guten Film ist am Ende nichts mehr so, wie es scheint.

          Aber der Reihe nach: Als im Mai dieses Jahres Chandra Mohan Sharma tot in seinem Auto aufgefunden wird, ist der Aufschrei unter seinen Anhängern groß. Sharma war ein 38 Jahre alter Arbeiter in Delhis Vorort Noida und hatte sich in den vergangenen Jahren einen Ruf als aufrechter Antikorruptionskämpfer erworben. Mehr als 300 Mal war er vor Gericht gezogen, hatte immer wieder die Offenlegung von Informationen um Landspekulationen und Enteignungen beantragt. Er war Teil der Antikorruptionsbewegung um den Sozialaktivisten Anna Hazare gewesen und eines der ersten Mitglieder der daraus im Jahr 2012 entstandenen Antikorruptionspartei Aam Aadmi Party (AAP).

          Sharma – ein Opfer im Kampf gegen Korruption und Mafia?

          Die Polizei geht zunächst von einem Unfall aus. Sharmas Auto habe Feuer gefangen, er selbst habe sich nicht rechtzeitig aus dem brennenden Wagen befreien können und sei deshalb hinter dem Steuer verbrannt. Doch Sharmas Familie und seine Anhänger glauben nicht an einen Unfall. Er sei wegen seines Kampfes gegen Korruption und für Gerechtigkeit ermordet worden.

          Der Achtunddreißigjährige wird zum Helden verklärt. Die Zeitungen berichten über einen Mann, dessen Kampf nicht jedem gefallen habe. Er habe sich mit den Mächtigen angelegt und sei auch vor der Mafia nicht zurückgeschreckt. Zehntausende sind überzeugt, dass Sharma sterben musste, weil er es gewagt hatte, der einflussreichen Landmafia die Stirn zu bieten.

          Und da zu jener Zeit in Indien Wahlkampf herrscht, versucht auch die AAP, den Fall für ihre Zwecke zu nutzen: Der Tod Sharmas stehe für die Gleichgültigkeit der indischen Polizei, die eher mit der Mafia gemeinsame Sache mache, als den Mord an ihrem Parteimitglied aufzuklären.

          Ein Komplott wie aus einem Krimi

          Vergangene Woche aber tritt die Polizei vor die Presse und gibt bekannt: Chandra Mohan Sharma lebt. Man habe ihn im südindischen Bangalore festgenommen, so der sichtlich erfreute Hauptkommissar. Der verkohlte Leichnam, den man vor Monaten in dem Auto gefunden hatte, sei der eines Obdachlosen, den Sharma zusammen mit seinem Schwager getötet und angezündet habe. Sharma habe die Tat bereits gestanden und werde nun wegen Mordes angeklagt.

          Sharma muss seinen Tod akribisch und lange geplant haben. In den Wochen vor seinem Verschwinden hatte er bei der Polizei Anzeige gegen unbekannt erstattet. Er habe Todesdrohungen erhalten, es gehe mal wieder um einen Grundstücksstreit. Er wolle dubiose Geschäftsleute daran hindern, illegal auf dem Gelände eines heiligen Tempels zu bauen.

          Gleichzeitig überredete Sharma seinen Schwager, einen Obdachlosen aus Delhi umzubringen. Davon würde später Sharmas Frau, mit der er schon länger keine glückliche Ehe mehr führte, finanziell profitieren. Tatsächlich wurden der „Witwe“, Savita Sharma, nach dem vermeintlichen Tod ihres Mannes von dessen Arbeitgeber und einer Lebensversicherung mehrere tausend Euro ausgezahlt.

          „Die ganze Sache stinkt nach Erpressung“

          Sein Schwager willigte wohl auch darum ein. Gemeinsam töteten sie den Obdachlosen, setzten ihn in Sharmas Autos, legten dessen Brieftasche dazu und zündeten den Wagen an. Am Tag danach, als Sharmas Frau Savita die Identität der Leiche bestätigte, war dieser bereits quicklebendig unterwegs in das gut 2000 Kilometer südlich von Delhi gelegene Bangalore. Einen Monat später folgte ihm seine 26 Jahre alte Geliebte, die ihm schließlich zum Verhängnis wurde.

          Denn als ihre Familie sie als vermisst meldete, bemerkte die Polizei, dass die Telefonkarte ihres Handys auf Sharmas Namen registriert war. Einige Monate später bekam die Familie anonyme Anrufe. Offenbar war die Liebe zwischen Sharma und seiner Freundin abgekühlt und er hatte begonnen, ihrer Familie per Telefon Hinweise zu geben, wo sie ihre Tochter finden könnten. Am vergangenen Wochenende gelang es der Polizei dann in Bangalore, Sharma festzunehmen.

          Eine ist noch immer von Sharmas Unschuld überzeugt: seine Ehefrau. „Die ganze Sache stinkt nach Erpressung“, sagte Savita Sharma der Zeitung „Times of India“. Man habe ihren Mann gezwungen, seinen eigenen Tod zu inszenieren.

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