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Illegale Autorennen : Mit hundert durch die Stadt

In ihren aufgemotzten Autos fühlen sie sich stark: Junge Männer treffen sich nachts, um Rennen zu fahren. Manchmal geht das schief, mit verheerenden Folgen. Sind sie für Polizei und Justiz überhaupt zu fassen?

          12 Min.

          Als Thomas und Marita S. an einem sonnigen Tag im April in einem Saal des Kölner Landgerichts sitzen und darauf warten, dass der Richter das Urteil verliest, liegt eine Reihe quälender Prozesstage hinter ihnen. Sie ertrugen, wie der Gutachter eine Simulation nach der anderen von dem Moment abspielte, als der schwarze BMW die Kontrolle verlor und ihre Tochter Miriam vom Fahrrad riss.

          Andreas Nefzger

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Sie ertrugen, wie Polizisten berichteten, dass der Fahrer des schwarzen Mercedes, der hinter dem BMW hergerast war, sich am Unfallort mehr um sein Auto sorgte als um das Leben ihrer Tochter. Und jetzt ertragen sie, dass sich die Richter offenbar schwer damit tun, ein angemessenes Urteil zu finden. Schmerzhaft lange sitzen Thomas und Marita S. den Männern gegenüber, die für den Tod ihrer Tochter verantwortlich sind. Das Recht lässt auf sich warten.

          Nicht nur die Eheleute S. haben das Urteil herbeigesehnt. Polizisten, Staatsanwälte, Bürger – viele hofften auf einen Knall, der weit über Köln hinaus zu hören ist. Denn es ist etwas aus dem Ruder gelaufen auf deutschen Straßen. Anfang der Woche wurde in Osnabrück eine Radfahrerin von einem Auto erfasst und lebensgefährlich verletzt; Zeugen wollen ein Rennen beobachtet haben.

          Im Mai lieferten sich zwei Männer in Hagen ein Autorennen, als einer von ihnen in ein entgegenkommendes Auto krachte – ein sechs Jahre alter Junge schwebte tagelang in Lebensgefahr. Keine Woche zuvor zogen Rettungskräfte in Berlin-Tegel zwei Schwerverletzte aus einem brennenden Mercedes; womöglich war dem Unfall ein Rennen vorausgegangen. Im Februar wurde nahe der Berliner Gedächtniskirche ein 69 Jahre alter Mann getötet, als Raser mit mehr als hundert Kilometern in der Stunde über Rot fuhren und einer von ihnen dessen Geländewagen rammte. Die Liste ließe sich lange fortsetzen.

          Überfahren auf dem Heimweg

          Was ist los auf den Straßen? Die Suche nach Antworten führt zu Polizisten, die nicht mehr viel Tageslicht sehen, zu jungen Männern, die den Geruch verbrannten Gummis lieben, und vor ein Gericht, das einer Familie den Glauben an Gerechtigkeit nimmt. Und immer wieder führt die Suche nach Köln, wo es im vergangenen Jahr drei Todesopfer gegeben hat.

          In einem Fall ließ sich der Verdacht, es habe sich um ein Rennen gehandelt, nicht aufrechterhalten. Im zweiten Fall wurden die Täter, zwei Neunzehnjährige, nach Jugendstrafrecht zu Bewährungsstrafen verurteilt. Der dritte Fall ist jener der Studentin Miriam S., überfahren auf dem Heimweg von der Uni. Die Polizei richtete nach dem Unglück eine Sonderkommission ein. Es ist die erste dieser Art in Deutschland. Mittlerweile spricht man in Köln von einer „Raserszene“.

          Es ist Samstag, früher Abend, und der Dienst beginnt wie üblich mit einer Lagebesprechung. Hauptkommissar Markus Buckan, der an diesem Tag den Einsatz der „Soko Rennen“ leitet, weist den Kollegen Autos und Aufgaben zu. Zunächst wollen alle gemeinsam zum Tanzbrunnen fahren, einem Treffpunkt der Szene am Rheinufer. Am Tag zuvor, erzählt Buckan, sei dort viel los gewesen.

          „Für die Chicas“

          Dann geht es in die Tiefgarage zu den Zivilfahrzeugen. „Der kann was“, sagt Buckan und steigt in einen metallicroten BMW mit 231 PS. Seine Partnerin Tanja Etzrodt nimmt auf dem Beifahrersitz Platz. Buckan und Etzrodt sind beide in den Vierzigern. Er macht gerne Witze über seinen größer werdenden Bauch. Sie kann ausgiebig über Hunderassen sprechen. Zwei Familienmenschen auf Raserjagd.

          Die Hoffnung, am Tanzbrunnen fündig zu werden, zerschlägt sich. Die Streifenwagen schwärmen aus, um sich einen Überblick zu verschaffen. Raser sind nicht immer leicht zu finden. Buckan nutzt die Zeit, um Anekdoten zu erzählen. Die von dem Typen zum Beispiel, der mit seinem Sportwagen neben einer Menschenmenge stand und immer wieder den Motor aufheulen ließ.

          Polizist Markus Buckan von der „Soko Rennen“ beim nächtlichen Einsatz in Köln
          Polizist Markus Buckan von der „Soko Rennen“ beim nächtlichen Einsatz in Köln : Bild: Stefan Finger

          Auf Buckans Frage, warum er das mache, sagte er: „Für die Chicas.“ Buckan schüttelt den Kopf. Wenn er über die spricht, die er „Kundschaft“ nennt, kann er seine Verachtung manchmal nur schwer verbergen. In seinen Armen ist schon eine Radfahrerin gestorben; er weiß, was Raser anrichten können. Den ein oder anderen wird er heute noch ärgern können.

          Tiefergelegt, lauter Auspuff

          Die Männer, die Buckan meint, darf man sich in etwa so vorstellen wie diejenigen, die wegen des Todes von Miriam S. auf der Anklagebank sitzen: Erkan F., der Fahrer der Unfallautos, und Firat M., der hinter F. hergefahren war. Die Eltern arbeiteten als Reinigungskräfte, Fließbandarbeiter oder Kassierer; ihre eigenen Bildungswege verliefen nicht eben geradlinig. Firat M. verdiente sein Geld zwischendurch in der Gebäudereinigung, Erkan F. jobbte zuletzt im Zentrallager eines Supermarkts. Beide haben eine Leidenschaft für schnelle Autos.

          Erkan F. sparte sich 3000 Euro zusammen, um sich davon zwei Monate vor dem Unfall seinen ersten eigenen Wagen zu kaufen – einen schwarzen BMW, tiefergelegt und mit lautem Auspuff. Firat M. postete auf Facebook Fotos und Videos von hochmotorisierten Autos und fuhr offenbar gern das Mercedes-Cabrio seines Vaters spazieren – so auch am Tag des Unfalls.

          Auch wenn der Prozess keinen Beweis dafür erbringt, dass Erkan F. und Firat M. einer Szene angehören – sie passen ins Bild, das sich die Kölner Polizei gemacht hat. Rainer Fuchs, als Leiter der „Soko Rennen“ so etwas wie der Verwalter des Kampfs gegen die Raser, spricht von einem harten Kern: alle männlich und zwischen 18 und 30 Jahre alt, viele mit türkischen Wurzeln, meist weder im Beruf noch sonst wie erfolgreich.

          Jagd auf ein Klischee

          Umso größer dafür die Identifikation mit dem Auto. Dafür bekommen sie Anerkennung. Für das Aussehen, den Klang, die Art, wie sie es fahren. Deshalb tragen sie ihre Rennen auch nicht auf verlassenen Straßen aus, sondern mitten in der Stadt. Rainer Fuchs hat Studien gelesen, Experten gesprochen, Erfahrungen gesammelt. Jetzt jagt er ein Klischee: das Männlein, das erst durch sein Auto zum Mann wird.

          Auf den ersten Blick passt George in das Klischee. Er steht in der Tiefgarage eines Bürogebäudes in der Hamburger Innenstadt und lässt seinen Wagen per Fernbedienung rückwärts ausparken – auch wenn es dafür keinen Grund gibt außer der Tatsache, dass er es kann. Aber es ist komplizierter.

          George, schwarz und massig, war erst Kind aus schwierigen Verhältnissen, dann Football-Talent und Türsteher auf dem Kiez. Jetzt ist er Selfmademan und Familienvater. Sein Geld macht der Autodidakt mit der Entwicklung von Software. Seine Kinder besuchen private Schulen und Kindergärten. Wenn er sich nach einer Sechzig-Stunden-Woche erholen will, wäscht er sein Auto.

          „Unsere Proletenstraße“

          Zurzeit fährt George einen Wagen mit einem Listenpreis von mehr als 100.000 Euro, ein Dankeschön seines Chefs für erreichte Ziele. Das Modell darf hier ebenso wenig genannt werden wie Georges echter Name. Wenn er das Gaspedal durchtritt, dann fühlt es sich jedenfalls an, als säße man in der Achterbahn.

          „Das ist unsere Proletenstraße“, sagt George, als er sein Auto auf den Jungfernstieg lenkt, und macht sich lustig über „Türken mit dicken Karren, die hier einen auf dicken Max machen wollen“. Dann erzählt er aber, wie er selbst als Kind hergekommen ist, um sich die Nobelkarossen anzuschauen, und wie er später mit jedem neuen Wagen zuallererst zum Jungfernstieg gefahren ist: „Das ist total stupide. Aber jetzt bin ich derjenige, der bewundert wird, und das genieße ich.“

          George tritt als Sprecher einer Gruppe auf, die er seine „Crew“ nennt. Ein gutes Dutzend junger Männer, deren Hobby ihr Auto ist, die meisten in den Zwanzigern. Sie treffen sich, um gemeinsam an ihren Wagen zu schrauben, um ein Bier zu trinken, um durch die Stadt zu fahren. Und manchmal wollen sie auch wissen, wessen Auto das schnellere ist. Dabei gebe es aber Regeln, sagt George: immer auf geraden Straßen, die verlassen sind und gut zu überblicken. „Leute, die aus der Reihe tanzen, die bekommen von uns einen Einlauf verpasst.“

          Einteilung in mindestens drei Gruppen

          Natürlich muss man George mit Skepsis begegnen. Er spricht für eine Szene, die zunehmend unter Druck gerät. Aber was er sagt, deckt sich mit Erkenntnissen von Außenstehenden. Unfallforscher, Verkehrspsychologen, Ermittler – alle teilen die Szene in mindestens drei Gruppen ein. Die Harmlosen, die mit offenem Fenster und lauter Musik wie Gockel über die Boulevards großer Städte rollen. Die Unberechenbaren, die sich durch die Innenstädte bewegen wie schnaubende Stiere, ohne Rücksicht auf alles, was sich ihnen in den Weg stellt. Und dazwischen: Männer wie George. Weder gemeingefährlich noch ungefährlich.

          Die Hamburger Polizei weiß von den „Cruisern“, wie sie Leute wie George nennt. Zentraler Treffpunkt ist eine Aral-Tankstelle im Stadtteil Allermöhe, verkehrsgünstig an der Autobahn gelegen. Jeden Freitagabend treffen sich hier Autonarren, an einem schönen Tag kommen Hunderte Fahrzeuge zusammen.

          Die meisten der Männer sind Tuner, die sich und ihr Gefährt präsentieren wollen. Für andere ist die Tankstelle aber nur der Ausgangspunkt für ihren Streifzug durch die Nacht, auf der Suche nach einer Rennstrecke. Von einer echten Szene will die Polizei trotzdem nicht sprechen. Eine Fehleinschätzung? Oder nordisches Understatement? Die Fahrt mit George durch die Hamburger Nacht wird auch darauf eine Antwort geben.

          „In ein Wespennest gestochen“

          Auffällig ist jedenfalls, dass auch in anderen großen Städten die Polizei darum bemüht ist, das Thema nicht zu groß erscheinen zu lassen. Warum die Zurückhaltung? Vielleicht sind die Probleme dort wirklich nicht so groß. Vielleicht weiß man es aber einfach nicht besser. In Köln jedenfalls hat man die Szene erst gefunden, als man begann, nach ihr zu suchen.

          Fuchs, Leiter der „Soko Rennen“, sagt: „Wir haben in ein Wespennest gestochen.“ Ein anderer Grund für die Zurückhaltung könnte sein: Wer ein Problem beim Namen nennt, von dem wird erwartet, dass er auch eine Lösung parat hält. Doch um alle Rennen zu unterbinden, müsste die Polizei überall gleichzeitig sein. Ein erfahrener Polizist gibt unumwunden zu: „Die Gesellschaft wird das Problem nicht lösen können.“

          Wenn es dunkel wird, finden sich an der Tankstelle in Hamburg-Allermöhe schwere Wagen ein. Von hier aus geht es weiter in die Nacht.
          Wenn es dunkel wird, finden sich an der Tankstelle in Hamburg-Allermöhe schwere Wagen ein. Von hier aus geht es weiter in die Nacht. : Bild: Privat

          Der Prozess um den Tod von Miriam S. ist ein Lehrstück darüber, wie schwierig der Nachweis für ein Rennen zu erbringen ist. Zig Polizisten sicherten Spuren und befragten Zeugen. Aber minutiös nachzeichnen lassen sich nur die letzten neunzig Meter der Fahrt: Erkan F. fuhr mit mindestens 95 Kilometern in der Stunde in eine Linkskurve. Der BMW begann zu driften, das hintere rechte Rad touchierte den Bordstein, F. verlor endgültig die Kontrolle. Der Wagen kam ins Schleudern, krachte gegen den Bordstein auf der anderen Straßenseite und flog auf den Fahrradweg, wo Miriam S. fuhr.

          „Ich hatte große Angst“

          Doch was ist zuvor geschehen? Eine Zeugin, die ihr Fahrrad über die Straße schob, als die Autos heranjagten, sagt: „Ich dachte: Ein paar Sekunden früher, und ich wäre überfahren worden.“ Eine Joggerin, der F. und M. entgegenkamen, sagt: „Ich hatte große Angst, dass die in mich reinfahren.“ Aber wie dicht war der Mercedes hinter dem BMW? Hat der Mercedes gar versucht, den BMW zu überholen? Schwer zu sagen. Die Aussagen bleiben Momentaufnahmen. Die Erinnerungen – oft nur Schemen.

          Aber sich geschlagen geben, weil es schwierig ist? Weil die Raser kaum zu fassen sind? Für Rainer Fuchs ist das keine Alternative: „Wir müssen den Stein immer wieder hochrollen.“ Die Angelegenheit ist für Fuchs auch eine persönliche. Vor Jahren, er war noch nicht lange bei der Polizei, wurde seine Schwester, im dritten Monat schwanger, von einem Raser getötet.

          Die Autos an der Unfallstelle wurden mehrfach bewegt, die Spuren schlecht gesichert. Der Prozess war zäh. Daraufhin spezialisierte sich Fuchs, erklärte Kollegen, was Bremsspuren von Drift- und Walkspuren unterscheidet und was das über den Hergang eines Unfalls aussagt. Jetzt leitet er den Kampf gegen illegale Autorennen. Die Marschroute dabei: Wenn man die Raser schon nur selten beim Rasen erwischen kann, dann kann man ihnen wenigstens ihr Hobby verleiden.

          „Der ist zu laut“

          Tanja Etzrodt fasst es so zusammen: „Wir gehen der Szene auf die Nerven.“ In Köln ist es mittlerweile Nacht geworden, Buckan und Etzrodt sind zu den Ringen gefahren, die sich im Halbkreis um die Innenstadt ziehen und am Wochenende das Partyvolk anlocken. Discos, Kneipen und Restaurants reihen sich aneinander, davor zeigen Frauen Bein und Männer Oberarm. Wer mit seinem Auto Eindruck schinden will, findet schwer einen geeigneteren Ort dafür. Buckan hat das Fenster heruntergelassen, damit er hören kann, wenn sich Kundschaft nähert.

          Buckan und Etzrodt stehen gerade an einer roten Ampel, als vor ihnen etwas über die Kreuzung röhrt. „Hier ist die Polizei“, brüllt Buckan durchs offene Fenster, fährt zwischen den Passanten auf dem Zebrastreifen hindurch und nimmt die Verfolgung auf. Kurz darauf lassen die Polizisten den getunten VW Golf rechts ranfahren.

          „Der hört sich recht laut an“, begrüßt Etzrodt den Fahrer, einen Mann in den Dreißigern mit rasiertem Schädel und getrimmtem Bart. Die Polizisten bitten ihn, den Motor im Leerlauf auf 4500 Umdrehungen zu beschleunigen. Die Anzeige auf dem Messegerät, das Buckan an den Auspuff hält, zeigt 101 Dezibel an. Im Fahrzeugschein stehen 81. Buckan ruft: „Der ist zu laut.“

          „Null-Toleranz-Politik“

          In einer anderen Stadt würde der Fahrer nun die Anweisung bekommen, den Mangel zu beheben und sich dann wieder bei den Behörden zu melden. Nicht so in Köln: Hier rückt der Abschleppdienst an. Buckan hebt zur Standarderklärung an: „Problem mit illegalen Autorennen“ – „mehrere Tote“ – „Null-Toleranz-Politik“ – „Wagen muss sichergestellt werden“. Sollte der TÜV den Wert von Buckans Messgerät bestätigen, erlischt die Betriebserlaubnis des Autos. Dann muss der Fahrer den Abschleppdienst zahlen, das TÜV-Gutachten, einen neuen Auspuff, die neue Zulassung und ein Ordnungsgeld. Buckan sagt: „Das kann einiges kosten.“

          Szenen wie diese ereignen sich in Köln mittlerweile fast jede Nacht. Die Bilanz der „Soko Rennen“ nach einem Jahr voller Blitzaktionen, Großkontrollen und Zivilstreifen liest sich wie eine Erfolgsgeschichte: rund 270 sichergestellte Autos, mehr als 110 angezeigte Rennen, gut 650 erteilte Fahrverbote und Tausende Tempofahrten. Allein, Fuchs sagt: „Wir können nicht feststellen, dass die Szene kleiner geworden ist.“

          Auch George konnte die Polizei bisher nicht davon abbringen, seinem Hobby nachzugehen. Dass eine Streife tatsächlich ein Rennen beobachten konnte, hat er erst ein einziges Mal erlebt. Er und seine Crew sind mittlerweile an der Tankstelle in Allermöhe. Es ist Freitagabend, und die Szene trifft sich.

          Das Katz-und-Maus-Spiel beginnt

          Auf dem Parkplatz reihen sich Boliden aneinander, die Tunerherzen höher schlagen lassen. Drinnen stehen die Leute bei Disco-Musik dicht gedrängt, die Frau hinter der Kasse produziert überbackene Brezen am Fließband. Mittendrin erzählt ein Freund von George, dass er sich einen gebrauchten Audi R8 kaufen will. „Vergiss es“, sagt George, „die sind alle hinüber, zusammengewichst.“

          Als George und die anderen wieder nach draußen gehen, ist es dort plötzlich seltsam leer. Nach einem kurzen Griff zum Handy weiß George, wo die Leute hin sind: fünfzehn Kilometer die A1 hoch, ins Industriegebiet von Barsbüttel, wo die Straßen schnurgerade sind. George hat nicht vor, an diesem Abend ein Rennen zu fahren. Zu viele Unbekannte seien mit dabei. Auch ein paar bekannte Verrückte. „Ich bin ein Sicherheitsfreak. Außerdem ist das die Abmachung mit meiner Frau“, sagt George. Aber er bietet sich als Fremdenführer an.

          George ist kurz vor dem Ziel, als er einen Anruf bekommt: Alles voller Zivilpolizei. Dann überholt ihn auch schon ein Polizeimotorrad. Wieder ein Anruf: Treffen im Industriegebiet auf der Veddel, zwanzig Kilometer die A1 runter. Das Katz-und-Maus-Spiel beginnt. Auf der Autobahn dann plötzlich Blaulicht. Ein Audi R8 steht hinter einem Polizeiauto auf dem Seitenstreifen. Wieder ein Anruf: sechs Leute rausgezogen; Abbruch; sammeln am „McDonald’s“. George wird still. Hat die Katze dieses Mal gewonnen? „Die Nacht ist noch jung.“

          Das Bußgeld ist ein Witz

          Was George in diesem Moment nicht weiß: Es ist ein Schwerpunkteinsatz der Polizei im Gange. Am Tag darauf teilt die Polizei mit, dass 25 Beamte im Einsatz waren und 42 Anzeigen gestellt haben. Auch Rennen konnten sie dokumentieren. Aber schreckt das ab? In Georges Crew sind „Fahrverbot“ und „Medizinisch-Psychologische Untersuchung“ keine Fremdwörter. Das Bußgeld für Männer, die Autos für 100.000 Euro fahren, bisweilen von Papa bezahlt – ein Witz.

          Ein Rennen, bei dem niemand gefährdet oder verletzt wird, gilt als Ordnungswidrigkeit. Wer erwischt wird, bekommt 400 Euro Bußgeld, zwei Punkte in Flensburg und einen Monat Fahrverbot. „Das steht im krassen Gegensatz zur Gefährlichkeit“, sagt Fuchs von der „Soko Rennen“. Daran etwas ändern kann nur der Gesetzgeber, und der sah bislang keinen Anlass dazu.

          Was vom Autorennen übrigblieb: Hagen, Mai 2016 – fünf Schwerverletzte
          Was vom Autorennen übrigblieb: Hagen, Mai 2016 – fünf Schwerverletzte : Bild: dpa

          Doch es scheint Bewegung in die Sache zu kommen. „Schon die Teilnahme an einem solchen Rennen muss künftig strafbar sein“, sagte der nordrhein-westfälische Justizminister Thomas Kutschaty (SPD) nach dem schweren Unfall in Hagen: „Raserei ist russisches Roulette, bei dem der Einsatz nicht nur das eigene Leben, sondern das Leben anderer Verkehrsteilnehmer ist.“ Doch die Bundesministerien für Justiz und Verkehr sehen die Zuständigkeit auf Anfrage beim jeweils anderen Haus.

          Erstmals Anklage auf Totschlag

          Was im Strafgesetzbuch steht, ist die eine Frage. Die andere ist, was Gerichte daraus machen. Maria S., die Mutter der in Köln getöteten Radfahrerin, hat zu Beginn des Prozesses in einer E-Mail geschrieben, sie hoffe auf eine Strafe, „an der eine Würdigung von Miriams Leben für uns erkennbar wird“.

          Als die Richter an jenem sonnigen Tag im April schließlich ihr Urteil verkünden, zerplatzt diese Hoffnung. Erkan F. und Firat M. werden wegen fahrlässiger Tötung zu Bewährungsstrafen verurteilt. Nach einer langen Begründung sagt der Vorsitzende Richter direkt an Thomas und Marita S. gewandt: „Ihrer Trauer und ihren Emotionen können wir nicht gerecht werden. Es liegt in der Natur der Sache, dass die Angeklagten im Mittelpunkt eines solchen Verfahrens stehen.“ Im Fall von Erkan F. ist die Staatsanwaltschaft in Revision gegangen. Der Ausgang ist offen.

          Die Kritik an dem Kölner Richterspruch war groß. Nach dem Unfall in Hagen im Mai sagte der stellvertretende Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Jörg Radek: „Jemand, der bei einem solchen Wahnsinn einen Menschen tötet, darf nicht als freier Mann mit einer Bewährungsstrafe aus dem Gerichtssaal gehen.“ Die Hoffnung derer, die sich ein Signal wünschen, richtet sich nun nach Berlin. Nach dem Unfall nahe der Gedächtniskirche trat die Staatsanwaltschaft hart auf. Die beiden Raser sitzen seit März in Untersuchungshaft. Zum ersten Mal in so einem Fall lautet die Anklage auf Totschlag. Kommen die Staatsanwälte damit durch, gehen die Täter für mindestens fünf Jahre ins Gefängnis.

          Buckan erfreut sich an den kleinen Erfolgen

          „Ich habe mir abgewöhnt, den Erfolg meiner Arbeit daran zu messen, was die Justiz daraus macht“, sagt Markus Buckan. Er erfreut sich an den kleinen Dingen. Zum Beispiel an der Geschichte, als er mitten auf den Ringen einen zu lauten Audi R8 sicherstellte und die Menge applaudierte, als das Abschleppauto den Wagen auflud. Es ist mittlerweile zwei Uhr am Morgen und Zeit für Buckan und Etzrodt, zurück aufs Revier zu fahren. Drei Autos haben sie in dieser Nacht sichergestellt. Doch Buckan sagt: „Von einem Erfolg würde ich eher sprechen, wenn wir gar keinen aus dem Verkehr hätten ziehen müssen.“

          Von Erfolg kann auch bei den Hamburger Cruisern keine Rede sein. Im Dutzend fahren sie durch die Straßen, BMW M5 und M6, Audi R8 und RS6, eine Kolonne aus Kraftpaketen. Doch egal, wohin sie auch kommen - die Polizei ist entweder schon da, oder sie wird in wenigen Minuten kommen. Ein Drift um die ein oder andere Kurve, ein Konzert röhrender und aufheulender Motoren im Elbtunnel, mehr ist nicht drin an diesem Abend. Des Cruisers kleinere Freuden.

          Irgendwann nach Mitternacht sammelt sich die Kolonne am Neuen Wall in der Innenstadt. Die Vernünftigeren diskutieren auf dem Gehweg die Frage, ob es nicht an der Zeit wäre, die Rennen legal auf einer gemieteten Strecke auszutragen. Die Unvernünftigeren lassen auf der Prachtmeile ihre Reifen durchdrehen, bis dichter Qualm aufsteigt. Als Blaulicht zu sehen ist, steigt George in seinen Wagen und fährt nach Hause. Er hat keine Lust auf Polizeikontrolle. Die anderen bleiben. Die Nacht ist noch immer jung.

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