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Illegale Autorennen : Mit hundert durch die Stadt

In ihren aufgemotzten Autos fühlen sie sich stark: Junge Männer treffen sich nachts, um Rennen zu fahren. Manchmal geht das schief, mit verheerenden Folgen. Sind sie für Polizei und Justiz überhaupt zu fassen?

          Als Thomas und Marita S. an einem sonnigen Tag im April in einem Saal des Kölner Landgerichts sitzen und darauf warten, dass der Richter das Urteil verliest, liegt eine Reihe quälender Prozesstage hinter ihnen. Sie ertrugen, wie der Gutachter eine Simulation nach der anderen von dem Moment abspielte, als der schwarze BMW die Kontrolle verlor und ihre Tochter Miriam vom Fahrrad riss.

          Andreas Nefzger

          Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          Sie ertrugen, wie Polizisten berichteten, dass der Fahrer des schwarzen Mercedes, der hinter dem BMW hergerast war, sich am Unfallort mehr um sein Auto sorgte als um das Leben ihrer Tochter. Und jetzt ertragen sie, dass sich die Richter offenbar schwer damit tun, ein angemessenes Urteil zu finden. Schmerzhaft lange sitzen Thomas und Marita S. den Männern gegenüber, die für den Tod ihrer Tochter verantwortlich sind. Das Recht lässt auf sich warten.

          Nicht nur die Eheleute S. haben das Urteil herbeigesehnt. Polizisten, Staatsanwälte, Bürger – viele hofften auf einen Knall, der weit über Köln hinaus zu hören ist. Denn es ist etwas aus dem Ruder gelaufen auf deutschen Straßen. Anfang der Woche wurde in Osnabrück eine Radfahrerin von einem Auto erfasst und lebensgefährlich verletzt; Zeugen wollen ein Rennen beobachtet haben.

          Im Mai lieferten sich zwei Männer in Hagen ein Autorennen, als einer von ihnen in ein entgegenkommendes Auto krachte – ein sechs Jahre alter Junge schwebte tagelang in Lebensgefahr. Keine Woche zuvor zogen Rettungskräfte in Berlin-Tegel zwei Schwerverletzte aus einem brennenden Mercedes; womöglich war dem Unfall ein Rennen vorausgegangen. Im Februar wurde nahe der Berliner Gedächtniskirche ein 69 Jahre alter Mann getötet, als Raser mit mehr als hundert Kilometern in der Stunde über Rot fuhren und einer von ihnen dessen Geländewagen rammte. Die Liste ließe sich lange fortsetzen.

          Überfahren auf dem Heimweg

          Was ist los auf den Straßen? Die Suche nach Antworten führt zu Polizisten, die nicht mehr viel Tageslicht sehen, zu jungen Männern, die den Geruch verbrannten Gummis lieben, und vor ein Gericht, das einer Familie den Glauben an Gerechtigkeit nimmt. Und immer wieder führt die Suche nach Köln, wo es im vergangenen Jahr drei Todesopfer gegeben hat.

          In einem Fall ließ sich der Verdacht, es habe sich um ein Rennen gehandelt, nicht aufrechterhalten. Im zweiten Fall wurden die Täter, zwei Neunzehnjährige, nach Jugendstrafrecht zu Bewährungsstrafen verurteilt. Der dritte Fall ist jener der Studentin Miriam S., überfahren auf dem Heimweg von der Uni. Die Polizei richtete nach dem Unglück eine Sonderkommission ein. Es ist die erste dieser Art in Deutschland. Mittlerweile spricht man in Köln von einer „Raserszene“.

          Es ist Samstag, früher Abend, und der Dienst beginnt wie üblich mit einer Lagebesprechung. Hauptkommissar Markus Buckan, der an diesem Tag den Einsatz der „Soko Rennen“ leitet, weist den Kollegen Autos und Aufgaben zu. Zunächst wollen alle gemeinsam zum Tanzbrunnen fahren, einem Treffpunkt der Szene am Rheinufer. Am Tag zuvor, erzählt Buckan, sei dort viel los gewesen.

          „Für die Chicas“

          Dann geht es in die Tiefgarage zu den Zivilfahrzeugen. „Der kann was“, sagt Buckan und steigt in einen metallicroten BMW mit 231 PS. Seine Partnerin Tanja Etzrodt nimmt auf dem Beifahrersitz Platz. Buckan und Etzrodt sind beide in den Vierzigern. Er macht gerne Witze über seinen größer werdenden Bauch. Sie kann ausgiebig über Hunderassen sprechen. Zwei Familienmenschen auf Raserjagd.

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