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Illegale Autorennen : Mit hundert durch die Stadt

Ein Rennen, bei dem niemand gefährdet oder verletzt wird, gilt als Ordnungswidrigkeit. Wer erwischt wird, bekommt 400 Euro Bußgeld, zwei Punkte in Flensburg und einen Monat Fahrverbot. „Das steht im krassen Gegensatz zur Gefährlichkeit“, sagt Fuchs von der „Soko Rennen“. Daran etwas ändern kann nur der Gesetzgeber, und der sah bislang keinen Anlass dazu.

Was vom Autorennen übrigblieb: Hagen, Mai 2016 – fünf Schwerverletzte
Was vom Autorennen übrigblieb: Hagen, Mai 2016 – fünf Schwerverletzte : Bild: dpa

Doch es scheint Bewegung in die Sache zu kommen. „Schon die Teilnahme an einem solchen Rennen muss künftig strafbar sein“, sagte der nordrhein-westfälische Justizminister Thomas Kutschaty (SPD) nach dem schweren Unfall in Hagen: „Raserei ist russisches Roulette, bei dem der Einsatz nicht nur das eigene Leben, sondern das Leben anderer Verkehrsteilnehmer ist.“ Doch die Bundesministerien für Justiz und Verkehr sehen die Zuständigkeit auf Anfrage beim jeweils anderen Haus.

Erstmals Anklage auf Totschlag

Was im Strafgesetzbuch steht, ist die eine Frage. Die andere ist, was Gerichte daraus machen. Maria S., die Mutter der in Köln getöteten Radfahrerin, hat zu Beginn des Prozesses in einer E-Mail geschrieben, sie hoffe auf eine Strafe, „an der eine Würdigung von Miriams Leben für uns erkennbar wird“.

Als die Richter an jenem sonnigen Tag im April schließlich ihr Urteil verkünden, zerplatzt diese Hoffnung. Erkan F. und Firat M. werden wegen fahrlässiger Tötung zu Bewährungsstrafen verurteilt. Nach einer langen Begründung sagt der Vorsitzende Richter direkt an Thomas und Marita S. gewandt: „Ihrer Trauer und ihren Emotionen können wir nicht gerecht werden. Es liegt in der Natur der Sache, dass die Angeklagten im Mittelpunkt eines solchen Verfahrens stehen.“ Im Fall von Erkan F. ist die Staatsanwaltschaft in Revision gegangen. Der Ausgang ist offen.

Die Kritik an dem Kölner Richterspruch war groß. Nach dem Unfall in Hagen im Mai sagte der stellvertretende Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Jörg Radek: „Jemand, der bei einem solchen Wahnsinn einen Menschen tötet, darf nicht als freier Mann mit einer Bewährungsstrafe aus dem Gerichtssaal gehen.“ Die Hoffnung derer, die sich ein Signal wünschen, richtet sich nun nach Berlin. Nach dem Unfall nahe der Gedächtniskirche trat die Staatsanwaltschaft hart auf. Die beiden Raser sitzen seit März in Untersuchungshaft. Zum ersten Mal in so einem Fall lautet die Anklage auf Totschlag. Kommen die Staatsanwälte damit durch, gehen die Täter für mindestens fünf Jahre ins Gefängnis.

Buckan erfreut sich an den kleinen Erfolgen

„Ich habe mir abgewöhnt, den Erfolg meiner Arbeit daran zu messen, was die Justiz daraus macht“, sagt Markus Buckan. Er erfreut sich an den kleinen Dingen. Zum Beispiel an der Geschichte, als er mitten auf den Ringen einen zu lauten Audi R8 sicherstellte und die Menge applaudierte, als das Abschleppauto den Wagen auflud. Es ist mittlerweile zwei Uhr am Morgen und Zeit für Buckan und Etzrodt, zurück aufs Revier zu fahren. Drei Autos haben sie in dieser Nacht sichergestellt. Doch Buckan sagt: „Von einem Erfolg würde ich eher sprechen, wenn wir gar keinen aus dem Verkehr hätten ziehen müssen.“

Von Erfolg kann auch bei den Hamburger Cruisern keine Rede sein. Im Dutzend fahren sie durch die Straßen, BMW M5 und M6, Audi R8 und RS6, eine Kolonne aus Kraftpaketen. Doch egal, wohin sie auch kommen - die Polizei ist entweder schon da, oder sie wird in wenigen Minuten kommen. Ein Drift um die ein oder andere Kurve, ein Konzert röhrender und aufheulender Motoren im Elbtunnel, mehr ist nicht drin an diesem Abend. Des Cruisers kleinere Freuden.

Irgendwann nach Mitternacht sammelt sich die Kolonne am Neuen Wall in der Innenstadt. Die Vernünftigeren diskutieren auf dem Gehweg die Frage, ob es nicht an der Zeit wäre, die Rennen legal auf einer gemieteten Strecke auszutragen. Die Unvernünftigeren lassen auf der Prachtmeile ihre Reifen durchdrehen, bis dichter Qualm aufsteigt. Als Blaulicht zu sehen ist, steigt George in seinen Wagen und fährt nach Hause. Er hat keine Lust auf Polizeikontrolle. Die anderen bleiben. Die Nacht ist noch immer jung.

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