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Illegale Autorennen : Mit hundert durch die Stadt

„Null-Toleranz-Politik“

In einer anderen Stadt würde der Fahrer nun die Anweisung bekommen, den Mangel zu beheben und sich dann wieder bei den Behörden zu melden. Nicht so in Köln: Hier rückt der Abschleppdienst an. Buckan hebt zur Standarderklärung an: „Problem mit illegalen Autorennen“ – „mehrere Tote“ – „Null-Toleranz-Politik“ – „Wagen muss sichergestellt werden“. Sollte der TÜV den Wert von Buckans Messgerät bestätigen, erlischt die Betriebserlaubnis des Autos. Dann muss der Fahrer den Abschleppdienst zahlen, das TÜV-Gutachten, einen neuen Auspuff, die neue Zulassung und ein Ordnungsgeld. Buckan sagt: „Das kann einiges kosten.“

Szenen wie diese ereignen sich in Köln mittlerweile fast jede Nacht. Die Bilanz der „Soko Rennen“ nach einem Jahr voller Blitzaktionen, Großkontrollen und Zivilstreifen liest sich wie eine Erfolgsgeschichte: rund 270 sichergestellte Autos, mehr als 110 angezeigte Rennen, gut 650 erteilte Fahrverbote und Tausende Tempofahrten. Allein, Fuchs sagt: „Wir können nicht feststellen, dass die Szene kleiner geworden ist.“

Auch George konnte die Polizei bisher nicht davon abbringen, seinem Hobby nachzugehen. Dass eine Streife tatsächlich ein Rennen beobachten konnte, hat er erst ein einziges Mal erlebt. Er und seine Crew sind mittlerweile an der Tankstelle in Allermöhe. Es ist Freitagabend, und die Szene trifft sich.

Das Katz-und-Maus-Spiel beginnt

Auf dem Parkplatz reihen sich Boliden aneinander, die Tunerherzen höher schlagen lassen. Drinnen stehen die Leute bei Disco-Musik dicht gedrängt, die Frau hinter der Kasse produziert überbackene Brezen am Fließband. Mittendrin erzählt ein Freund von George, dass er sich einen gebrauchten Audi R8 kaufen will. „Vergiss es“, sagt George, „die sind alle hinüber, zusammengewichst.“

Als George und die anderen wieder nach draußen gehen, ist es dort plötzlich seltsam leer. Nach einem kurzen Griff zum Handy weiß George, wo die Leute hin sind: fünfzehn Kilometer die A1 hoch, ins Industriegebiet von Barsbüttel, wo die Straßen schnurgerade sind. George hat nicht vor, an diesem Abend ein Rennen zu fahren. Zu viele Unbekannte seien mit dabei. Auch ein paar bekannte Verrückte. „Ich bin ein Sicherheitsfreak. Außerdem ist das die Abmachung mit meiner Frau“, sagt George. Aber er bietet sich als Fremdenführer an.

George ist kurz vor dem Ziel, als er einen Anruf bekommt: Alles voller Zivilpolizei. Dann überholt ihn auch schon ein Polizeimotorrad. Wieder ein Anruf: Treffen im Industriegebiet auf der Veddel, zwanzig Kilometer die A1 runter. Das Katz-und-Maus-Spiel beginnt. Auf der Autobahn dann plötzlich Blaulicht. Ein Audi R8 steht hinter einem Polizeiauto auf dem Seitenstreifen. Wieder ein Anruf: sechs Leute rausgezogen; Abbruch; sammeln am „McDonald’s“. George wird still. Hat die Katze dieses Mal gewonnen? „Die Nacht ist noch jung.“

Das Bußgeld ist ein Witz

Was George in diesem Moment nicht weiß: Es ist ein Schwerpunkteinsatz der Polizei im Gange. Am Tag darauf teilt die Polizei mit, dass 25 Beamte im Einsatz waren und 42 Anzeigen gestellt haben. Auch Rennen konnten sie dokumentieren. Aber schreckt das ab? In Georges Crew sind „Fahrverbot“ und „Medizinisch-Psychologische Untersuchung“ keine Fremdwörter. Das Bußgeld für Männer, die Autos für 100.000 Euro fahren, bisweilen von Papa bezahlt – ein Witz.

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