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Illegale Autorennen : Mit hundert durch die Stadt

„Das ist unsere Proletenstraße“, sagt George, als er sein Auto auf den Jungfernstieg lenkt, und macht sich lustig über „Türken mit dicken Karren, die hier einen auf dicken Max machen wollen“. Dann erzählt er aber, wie er selbst als Kind hergekommen ist, um sich die Nobelkarossen anzuschauen, und wie er später mit jedem neuen Wagen zuallererst zum Jungfernstieg gefahren ist: „Das ist total stupide. Aber jetzt bin ich derjenige, der bewundert wird, und das genieße ich.“

George tritt als Sprecher einer Gruppe auf, die er seine „Crew“ nennt. Ein gutes Dutzend junger Männer, deren Hobby ihr Auto ist, die meisten in den Zwanzigern. Sie treffen sich, um gemeinsam an ihren Wagen zu schrauben, um ein Bier zu trinken, um durch die Stadt zu fahren. Und manchmal wollen sie auch wissen, wessen Auto das schnellere ist. Dabei gebe es aber Regeln, sagt George: immer auf geraden Straßen, die verlassen sind und gut zu überblicken. „Leute, die aus der Reihe tanzen, die bekommen von uns einen Einlauf verpasst.“

Einteilung in mindestens drei Gruppen

Natürlich muss man George mit Skepsis begegnen. Er spricht für eine Szene, die zunehmend unter Druck gerät. Aber was er sagt, deckt sich mit Erkenntnissen von Außenstehenden. Unfallforscher, Verkehrspsychologen, Ermittler – alle teilen die Szene in mindestens drei Gruppen ein. Die Harmlosen, die mit offenem Fenster und lauter Musik wie Gockel über die Boulevards großer Städte rollen. Die Unberechenbaren, die sich durch die Innenstädte bewegen wie schnaubende Stiere, ohne Rücksicht auf alles, was sich ihnen in den Weg stellt. Und dazwischen: Männer wie George. Weder gemeingefährlich noch ungefährlich.

Die Hamburger Polizei weiß von den „Cruisern“, wie sie Leute wie George nennt. Zentraler Treffpunkt ist eine Aral-Tankstelle im Stadtteil Allermöhe, verkehrsgünstig an der Autobahn gelegen. Jeden Freitagabend treffen sich hier Autonarren, an einem schönen Tag kommen Hunderte Fahrzeuge zusammen.

Die meisten der Männer sind Tuner, die sich und ihr Gefährt präsentieren wollen. Für andere ist die Tankstelle aber nur der Ausgangspunkt für ihren Streifzug durch die Nacht, auf der Suche nach einer Rennstrecke. Von einer echten Szene will die Polizei trotzdem nicht sprechen. Eine Fehleinschätzung? Oder nordisches Understatement? Die Fahrt mit George durch die Hamburger Nacht wird auch darauf eine Antwort geben.

„In ein Wespennest gestochen“

Auffällig ist jedenfalls, dass auch in anderen großen Städten die Polizei darum bemüht ist, das Thema nicht zu groß erscheinen zu lassen. Warum die Zurückhaltung? Vielleicht sind die Probleme dort wirklich nicht so groß. Vielleicht weiß man es aber einfach nicht besser. In Köln jedenfalls hat man die Szene erst gefunden, als man begann, nach ihr zu suchen.

Fuchs, Leiter der „Soko Rennen“, sagt: „Wir haben in ein Wespennest gestochen.“ Ein anderer Grund für die Zurückhaltung könnte sein: Wer ein Problem beim Namen nennt, von dem wird erwartet, dass er auch eine Lösung parat hält. Doch um alle Rennen zu unterbinden, müsste die Polizei überall gleichzeitig sein. Ein erfahrener Polizist gibt unumwunden zu: „Die Gesellschaft wird das Problem nicht lösen können.“

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