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Illegale Autorennen : Mit hundert durch die Stadt

Die Hoffnung, am Tanzbrunnen fündig zu werden, zerschlägt sich. Die Streifenwagen schwärmen aus, um sich einen Überblick zu verschaffen. Raser sind nicht immer leicht zu finden. Buckan nutzt die Zeit, um Anekdoten zu erzählen. Die von dem Typen zum Beispiel, der mit seinem Sportwagen neben einer Menschenmenge stand und immer wieder den Motor aufheulen ließ.

Polizist Markus Buckan von der „Soko Rennen“ beim nächtlichen Einsatz in Köln
Polizist Markus Buckan von der „Soko Rennen“ beim nächtlichen Einsatz in Köln : Bild: Stefan Finger

Auf Buckans Frage, warum er das mache, sagte er: „Für die Chicas.“ Buckan schüttelt den Kopf. Wenn er über die spricht, die er „Kundschaft“ nennt, kann er seine Verachtung manchmal nur schwer verbergen. In seinen Armen ist schon eine Radfahrerin gestorben; er weiß, was Raser anrichten können. Den ein oder anderen wird er heute noch ärgern können.

Tiefergelegt, lauter Auspuff

Die Männer, die Buckan meint, darf man sich in etwa so vorstellen wie diejenigen, die wegen des Todes von Miriam S. auf der Anklagebank sitzen: Erkan F., der Fahrer der Unfallautos, und Firat M., der hinter F. hergefahren war. Die Eltern arbeiteten als Reinigungskräfte, Fließbandarbeiter oder Kassierer; ihre eigenen Bildungswege verliefen nicht eben geradlinig. Firat M. verdiente sein Geld zwischendurch in der Gebäudereinigung, Erkan F. jobbte zuletzt im Zentrallager eines Supermarkts. Beide haben eine Leidenschaft für schnelle Autos.

Erkan F. sparte sich 3000 Euro zusammen, um sich davon zwei Monate vor dem Unfall seinen ersten eigenen Wagen zu kaufen – einen schwarzen BMW, tiefergelegt und mit lautem Auspuff. Firat M. postete auf Facebook Fotos und Videos von hochmotorisierten Autos und fuhr offenbar gern das Mercedes-Cabrio seines Vaters spazieren – so auch am Tag des Unfalls.

Auch wenn der Prozess keinen Beweis dafür erbringt, dass Erkan F. und Firat M. einer Szene angehören – sie passen ins Bild, das sich die Kölner Polizei gemacht hat. Rainer Fuchs, als Leiter der „Soko Rennen“ so etwas wie der Verwalter des Kampfs gegen die Raser, spricht von einem harten Kern: alle männlich und zwischen 18 und 30 Jahre alt, viele mit türkischen Wurzeln, meist weder im Beruf noch sonst wie erfolgreich.

Jagd auf ein Klischee

Umso größer dafür die Identifikation mit dem Auto. Dafür bekommen sie Anerkennung. Für das Aussehen, den Klang, die Art, wie sie es fahren. Deshalb tragen sie ihre Rennen auch nicht auf verlassenen Straßen aus, sondern mitten in der Stadt. Rainer Fuchs hat Studien gelesen, Experten gesprochen, Erfahrungen gesammelt. Jetzt jagt er ein Klischee: das Männlein, das erst durch sein Auto zum Mann wird.

Auf den ersten Blick passt George in das Klischee. Er steht in der Tiefgarage eines Bürogebäudes in der Hamburger Innenstadt und lässt seinen Wagen per Fernbedienung rückwärts ausparken – auch wenn es dafür keinen Grund gibt außer der Tatsache, dass er es kann. Aber es ist komplizierter.

George, schwarz und massig, war erst Kind aus schwierigen Verhältnissen, dann Football-Talent und Türsteher auf dem Kiez. Jetzt ist er Selfmademan und Familienvater. Sein Geld macht der Autodidakt mit der Entwicklung von Software. Seine Kinder besuchen private Schulen und Kindergärten. Wenn er sich nach einer Sechzig-Stunden-Woche erholen will, wäscht er sein Auto.

„Unsere Proletenstraße“

Zurzeit fährt George einen Wagen mit einem Listenpreis von mehr als 100.000 Euro, ein Dankeschön seines Chefs für erreichte Ziele. Das Modell darf hier ebenso wenig genannt werden wie Georges echter Name. Wenn er das Gaspedal durchtritt, dann fühlt es sich jedenfalls an, als säße man in der Achterbahn.

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