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Geständnis in Mordprozess : Hussein K. verwickelt sich in Widersprüche

Der Angeklagte hat gestanden. Die große Frage bleibt: Wie alt war er zur Tatzeit? Bild: dpa

Hussein K. gesteht, Maria L. in Freiburg missbraucht, gewürgt und bewusstlos ins Wasser gelegt zu haben – und versucht, Mitleid zu erwecken. Nicht nur auf den Vertreter der Nebenklage wirken viele seiner Angaben nicht plausibel.

          Hussein K. nimmt um 9:04 Uhr Platz auf der Anklagebank in Saal IV des Freiburger Landgerichts. Gefesselt an Füßen und Händen wird der afghanische Flüchtling in den Gerichtssaal geführt, der in der Nacht vom 15. auf den 16. Oktober 2016 am Flüsschen Dreisam die 19 Jahre alte Medizinstudentin Maria L. ermordet und vergewaltigt haben soll. Der Mordfall hatte im vergangenen Jahr nicht nur die Freiburger Bevölkerung verunsichert, er hatte auch eine neue, emotionale Debatte über die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung und die Risiken der Grenzöffnung entfacht. Hussein K. war im November 2015 nach Freiburg gekommen, eine frühere Verurteilung in Griechenland war den deutschen Behörden verborgen geblieben, weil die Griechen keine internationale Fahndung ausgeschrieben hatten.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Besonders tragisch in diesem Mordfall ist, dass Maria L. sich als Studentin für Flüchtlinge engagiert hatte, dass ihr Vater, ein hoher EU-Beamter, stets für eine humane Flüchtlingspolitik in Europa geworben hat.

          Hussein K. versucht am Montagmorgen erst gar nicht sein Gesicht hinter einem Pullover oder einem Aktendeckel zu verstecken. Er kündigt kurzerhand am zweiten Verhandlungstag vor dem Freiburger Landgericht eine persönliche Erklärung an und legt darauf ein Geständnis ab. Sein Anwalt sagt, die Entscheidung hierfür habe sein Mandant „kurzfristig selbst“ getroffen, die nun zu erwartenden Einlassungen seien „in keiner Weise vorher anwaltlich geprüft“ worden. Das glauben nicht alle im Verhandlungssaal.

          Dann redet Hussein K.: „Ich bin im tiefsten Herzen traurig. Ich möchte mich bei der Familie des Opfers entschuldigen.“ Wenn es in seiner Macht stünde, würde er Maria L. wieder auferstehen lassen, sagt Hussein K. Er versucht, Mitleid zu erwecken und spricht über seine eigene Situation im Gefängnis, dort fühle er sich wie „eine Leiche in Bewegung“. Als der Angeklagte die gefühlig-kitschige Erklärung vorgetragen hat, fragt ihn die Vorsitzende Richterin, ob er denn die Tat und die Geschehnisse am 15. Und 16. Oktober auch ausführlich schildern könne.

          Verlässlich sind viele seiner Angaben nicht

          Hussein K. ist dazu bereit: Er sei morgens aufgestanden und zur Schule gegangen, nach Schulschluss hätten ihn Freunde angerufen, die ihn zu einem Besäufnis eingeladen hätten. „Ich habe an den Muharram erinnert, den Fastenmonat, in dem wir Schiiten keinen Alkohol trinken dürfen“, sagt Hussein K.. Verlässlich sind viele seiner Angaben nicht, denn der 15. Oktober war ein Samstag und somit ein schulfreier Tag. Er hält sich auch nicht an das religiöse Gebot und trifft sich letztlich am frühen Abend mit anderen Flüchtlingen in den Parks in der Freiburger Innenstadt zu dem Hasch-Wodka-Gelage.

          Immer wieder legt Hussein K. dar, wie betrunken er gewesen sei, er tut dies wohl auch in der Hoffnung, mit einer milderen Strafe davon zu kommen. Aber auch hier gibt es Zweifel an der Glaubwürdigkeit seiner Aussage; das wird durch die akribischen Nachfragen der Vorsitzenden Richterin und des Staatsanwalts deutlich: Denn in einer Bar und später in der Straßenbahn ist Hussein K. an diesem Abend immer noch nüchtern genug, um insgesamt drei Frauen sexuell zu belästigen. Dafür gibt es mehrere Zeugenaussagen und sogar eine Videoaufzeichnung. Gegen zwei Uhr, nach einer Odyssee durch verschiedene Bars und Döner-Imbisse, landet Hussein K. an der Endhaltestelle Lassbergstraße der Straßenbahnlinie nach Littenweiler.

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