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Höxter-Prozess : Wilfried W. stellt sich als Mitläufer dar

„Mal habe ich ihr eine Tomate oder eine Banane hinterher geschmissen“, sagte Wilfried W. Bild: dpa

Die Aussagen von Wilfried W. stehen denen von Angelika W. so diametral gegenüber, dass den Zuhörern im Höxter-Prozess das Staunen ins Gesicht geschrieben steht. Unklar ist, ob er lügt, oder sich aus intellektuellem Unvermögen ständig widerspricht.

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          Nein, sagt Wilfried W., körperlich angegriffen habe er seine Mitangeklagte Angelika W. nicht. „Gar nicht?“, fragt sein Verteidiger Detlev Binder. „Mal habe ich ihr eine Tomate oder eine Banane hinterher geschmissen“, sagt Wilfried W., „aber ansonsten war es sie, die mich geschlagen hat oder eine Bratpfanne nach mir geworfen hat.“

          Katrin Hummel

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wilfried W. beschreibt sich am 14. Verhandlungstag im Doppelmordprozess vor dem Paderborner Landgericht als Opfer von Angelika W.. Den beiden Angeklagten wird vorgeworfen, in ihrem Haus in Höxter gemeinsam mehrere Frauen gequält zu haben; zwei von ihnen bis zum Tod. Dabei stehen die Aussagen von Wilfried W. denen von Angelika W. so diametral gegenüber, dass den Zuhörern im prall gefüllten Gerichtsaal das Staunen ins Gesicht geschrieben steht. Die von Angelika W. geschilderte Praxis des „Titten-Beißens“, bei der Wilfried W. ihr blutende Bissverletzungen rund um die Brustwarzen zugefügt haben soll? „Das wollte sie so, um beim Sex mehr zu empfinden“, sagt Wilfried W. Das „Decken, Alte“, bei dem er Angelika W. unter Decken und Mänteln begraben und ihr Plastiktüten über den Kopf gezogen haben soll, so dass sie zu ersticken drohte? „Das habe ich nie gemacht, sie hat sich einfach nur in Decken eingewickelt, weil ihr kalt war.“

          So lange fragen, bis die richtige Antwort kommt

          Dabei scheint es oft so, als sage Wilfried W. immer das, was sein Verteidiger hören will. Wenn Wilfried W. eine Antwort gibt, die wohl im Vorgespräch zwischen Mandant und Verteidiger anders abgesprochen war, sagt Binder: „Das verstehe ich nicht.“ Dann fragt er so lange nach, bis Wilfried W. die „richtige“ Antwort wieder einfällt. Das hört sich dann zum Beispiel so an: „Sie haben gesagt, Sie seien auch deshalb mit Angelika W. zusammengeblieben, weil Sie Angst hatten, alleine zu sein. Wie fühlen Sie sich, wenn Sie alleine sind?“, fragt Binder. Wilfried W. antwortet: „Traurig und lustlos.“ – „Nur das?“, fragt Binder. „Ich habe dann Ängste, dass ich nicht beachtet werde und mich keiner mehr anguckt“, sagt Wilfried W. Binder hakt nach: „Ich will was anderes: Haben Sie dann Sorgen, dass das Kopfkino wieder losgeht?“ Nun fällt bei Wilfried W. der Groschen. „Ja, ich denke dann an meinen Vater, der mich immer geschlagen hat.“ – „Und wie fühlen Sie sich dann?“, fragt Binder. „Da habe ich nasse Finger, wenn ich daran denke.“ Binder ist zufrieden: „Das will ich, dieses Körperliche.“

          Auf diese Art und Weise kommen etliche Aussagen zustande, die Wilfried W. ins Licht eines Opfers und Mitläufers der „grausamen“ Angelika rücken – und die so gar nicht dazu passen wollen, dass er zuvor schon wegen der Misshandlung einer Frau im Gefängnis gesessen hat. Das Bild, das Wilfried W., gekleidet in ein hellblau kariertes Hemd und nervös seinen Kuli befingernd, von sich und Angelika W. zeichnet, sieht in etwa so aus: Angelika W. habe kurz nach ihrem Kennenlernen nicht etwa, wie von ihr dargestellt, aufgehört, in der Gärtnerei zu arbeiten, weil er sie dazu gezwungen habe, sondern weil sie rund um die Uhr bei ihm habe sein wollen, um ihn zu kontrollieren.

          „Nimm dir diese Frau“

          Als Angelika W. 2003 oder 2004 für einige Tage zurück zu ihrer Mutter gezogen sei, sei dies nicht etwa, wie von ihr behauptet, eine Flucht gewesen, sondern in gegenseitigem Einvernehmen geschehen. Als er 2006 eine erste Affäre mit einer anderen Frau, Gabriele, gehabt habe, die er am Bahnhof kennengelernt habe, sei Angelika dies egal gewesen. Sie habe zu ihm gesagt: „Nimm dir diese Frau.“ Während er sich mit Gabriele in der gemeinsamen Wohnung vergnügt habe, sei Angelika W. spazieren gegangen.

          Mit der Zeit, als immer wieder andere Frauen in sein Leben getreten seien, sei die damals bereits von ihm geschiedene Angelika W. , mit der er auch immer noch sexuelle Beziehungen unterhalten habe, dann aber schwierig geworden. „Sie wollte dann über diese Frauen und auch über mich bestimmen.“ Und wenn die Frauen ihr nicht gehorcht hätten, habe sie sie geschubst, an den Haaren gezogen und geohrfeigt. Er selbst habe ihnen nie auch nur ein Haar gekrümmt, für ihn sei jede einzelne dieser Frauen die Frau seines Lebens gewesen, mit der er habe seine gesamte Zukunft verbringen wollen. Während Wilfried W. spricht, schüttelt Angelika W. mehrfach den Kopf, an anderen Stellen grinst sie auch.

          „Sie hat sich selbst verletzt“

          Auch zu Angelika W.s an einem früheren Prozesstag gemachter Aussage, dass er ihren Arm mit 70 oder 80 Grad heißem Wasser verbrüht habe (bis heute hat sie Narben), nimmt Wilfried W. Stellung: „Sie hat sich selbst verletzt, damit sie nicht arbeiten gehen musste. Sie wollte Arbeitslosengeld kassieren.“ Er habe dann diese Wunde säubern wollen und versehentlich am falschen, nämlich am heißen, Wasserhahn gedreht. „Da steht ja nichts drauf“. Mit der Verletzung an ihrem Arm habe sie ihn dann viele Jahre später erpresst. Sie habe zu ihm gesagt: „Wenn du mich wegen einer deiner anderen Frauen verlässt, zeige ich dich an. Einer Frau glaubt man mehr als einem Mann, außerdem bist du vorbestraft.“ Und er, Wilfried, habe ihr „treudoof“ alles geglaubt.

          Das Problem an diesem Vorgehen ist, dass Wilfried W. sich wenige Minuten, nachdem Binder all diese Aussagen aus ihm herausgebohrt hat, nicht mehr an das erinnern kann, was er gesagt hat. Als er seine Aussage beendet hat und Nebenklagevertreter und psychologische Gutachter ihre Fragen stellen, verwickelt sich Wilfried W. in etliche Widersprüche. Das Schlimme daran wiederum ist, dass zu diesem Zeitpunkt wohl niemand im Gerichtssaal sicher sagen kann, ob diese Widersprüche sich nun auftun, weil Wilfried W. lügt, oder weil er intellektuell nicht in der Lage ist, Fragen so zu beantworten, dass man richtig versteht, was er sagen will.

          Man kann sich auf jeden Fall gut vorstellen, wie sich Wilfried W.s Verteidiger nach diesem Prozesstag fühlen müssen. Sie werden in etwa denken: So eine schöne Verteidigungsstrategie – und so ein unfähiger Mandant.

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