https://www.faz.net/-gum-8vvoe

Doppelmord-Prozess von Höxter : „Bist du ein Mann oder ein Waschlappen?“

Der Ort der Greueltaten: Das Haus in Höxter Bild: dpa

26 Seiten umfasst die Aussage von Wilfried W. Vorlesen kann er sie nicht selbst. Im Höxter-Prozess widerspricht er den Vorwürfen seiner ehemaligen Frau – und macht sie für die Greueltaten verantwortlich.

          4 Min.

          Wilfried W. beginnt vorzulesen, mit leiser, sanfter Stimme: „Die Beziehung lief in den ersten drei Wochen super, dann hatte Angelika Launen, die Wohnung war ihr zu klein und sie hatte kein großes Interesse an mir und meinen Hobbys, nur für ihre Gartenarbeiten...“ Er stockt. „Ich kann das nicht, lesen Sie es vor“, flüstert er und schiebt seine 26 handgeschriebenen Seiten zu seinem Anwalt rüber. Detlev Binder liest weiter, im Wechsel mit seinem Kollegen Carsten Ernst, ein stammelndes, stockendes Dokument, dessen Aussagen, die unter Missachtung jeglicher Grammatik zusammengestoppelt sind, man als Zuhörer kaum folgen kann. Klar wird nur eins: Wilfried W., Mitangeklagter im Doppelmordprozess um das sogenannte Horror-Haus in Höxter, sieht sich als Opfer seiner Mitangeklagten und ehemaligen Ehefrau Angelika W. Die wiederum lächelt die meiste Zeit über spöttisch, während Wilfried W.s Aussage verlesen wird.

          Katrin Hummel

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wilfried W., dem von der Staatsanwaltschaft vorgeworfen wird, gemeinsam mit Angelika W. über Jahre hinweg mehrere Frauen in dem Haus in Höxter-Bosseborn misshandelt und zwei von ihnen zu Tode gequält zu haben, schildert seine frühere Frau darin als dominant und überlegen: „Bist du ein Mann oder ein Waschlappen?“, habe Angelika W. ihn gefragt, und dann habe sie beschlossen: „Ab heute bin ich der Mann im Haus.“ Sie sei eine Sadistin, sie habe ihn so zwischen die Beine geschlagen, dass er zum Urologen habe gehen müssen, sie habe seine Mutter bedroht und die Frauen gequält, die er nach ihr gehabt habe. Er selbst habe damit nichts zu tun, im Gegenteil, er habe Angst vor Angelika W. gehabt und ihr öfter Kuchen mitgebracht, damit sie ihn und seine jeweils aktuelle Freundin, die mit in dem Haus in Höxter-Bosseborn lebte, in Ruhe lasse. Mit Anika, seiner später getöteten Frau, habe er vor Angelika W. fliehen wollen, sie hätten sich ein neues Leben in England aufbauen wollen. Aber Angelika W., die nach Aussagen ihres Anwalts Peter Wüller einen IQ von 120 hat, habe gesagt: „Alleine kommt ihr nicht klar, ihr seid beide Sonderschüler.“

          In der Tat verließ Wilfried W., 47, die Sonderschule nach der neunten Klasse, brach dann mehrere Ausbildungen ab und verdingte sich mit 21 als Hilfsarbeiter. Er zeugte einen Sohn und eine Tochter, hat aber keinen Kontakt zu seinen inzwischen 21 und 17 Jahre alten Kindern, weil deren Mutter das nicht wolle. Seine eigene Kindheit sei geprägt gewesen durch Gewalt, Hänseleien und Missbrauch, und es fällt auf, dass Wilfried W. viele der Taten, derer er nun beschuldigt ist, als Kind selbst erlitten zu haben scheint. In der Schule sei er bespuckt, geschlagen und misshandelt worden, weil er lispelte, sagt er. Einmal hätten seine Mitschüler versucht, ihn im Schwimmbad zu ertränken, er sei bewusstlos gewesen, als man ihn aus dem Wasser gezogen habe – so wie eine der später ermordeten Frauen in Höxter bewusstlos war, als er sie aus der Badewanne zog.

          In der Kindheit verprügelt und vergewaltigt

          Sein Vater, ein Bundesbahnbeamter, sei Alkoholiker gewesen. Wilfried W. erzählt, er habe ihn, seine sechs Jahre ältere Schwester und seine Mutter regelmäßig geschlagen. „Zwei- bis dreimal in der Woche kam er nach Hause und hat uns durchgelassen, volle Kanne, mit der Faust, mit der Hand, mit dem Gürtel.“ Oft hätten sie sich alle drei ins Bett gelegt und schlafend gestellt, um verschont zu werden, aber das habe auch nicht immer geklappt. Er habe mit ansehen müssen, wie seine Mutter und Schwester geschlagen worden seien, der Vater habe immer erst aufgehört, wenn sie weinend auf dem Boden gelegen hätten. Sieben Jahre war Wilfried W. damals alt, und seine Lehrer in der Schule hätten von den Misshandlungen gewusst, da er oft ein blaues Auge oder blaue Arme gehabt habe. Auslöser für die Schläge sei oft gewesen, dass er nicht gerade am Tisch gesessen oder geschmatzt habe. An früheren Prozesstagen hatte Angelika W. geschildert, wie Wilfried W. die Frauen im Haus in Höxter-Bosseborn misshandelt hatte, wenn sie sich bei Tisch nicht gut benahmen.

          Weitere Themen

          Genie und Alltag

          Paul Celans Briefe : Genie und Alltag

          Zeitreise in Briefen: Barbara Wiedemann hat einen Querschnitt aus Paul Celans umfangreicher Korrespondenz ediert. Identifiziert wird die Geliebte „Hannele“.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.