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Polizist verurteilt : Höchststrafe für Mörder der Londonerin Sarah Everard

Am Tag der Tat: Eine Überwachungskamera filmte Sarah Everard, wie sie am 3. März um 17 Uhr 52 die Craster Road in Brixton, Südlondon, entlanggeht. Bild: dpa

Ein 48 Jahre alter Polizist ist zu lebenslanger Haft ohne Aussicht auf Freilassung verurteilt worden. Er hatte gestanden, Sarah Everard in Südlondon verschleppt, vergewaltigt und getötet zu haben.

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          Am Ende hätte jedes andere Urteil die britische Öffentlichkeit verwundert. Das Londoner Strafgericht Old Bailey schickte am Donnerstag den Mörder von Sarah Everard für den Rest seines Lebens ins Gefängnis. Der Richter nannte den Fall, der die Nation seit einem halben Jahr erschüttert, „verheerend, tragisch und hochgradig brutal“. Der Verurteilte, der 48 Jahre alte Polizist Wayne C., habe mit der Entführung, Vergewaltigung und Ermordung Everards „die Autorität seines Amtes missbraucht“. Der Richter verlangte von C., während der Urteilsbegründung aufzustehen, und sagte, er habe „kein Anzeichen genuiner Reue“ gesehen, sondern nur Selbstmitleid.

          Jochen Buchsteiner
          Politischer Korrespondent in London.

          Am Tag zuvor hatte die Staatsanwaltschaft den Tathergang ausgeleuchtet und dabei schockierende Details ans Tageslicht gebracht. Den Ermittlungen zufolge hatte C. sein Verbrechen vorbereitet. Schon vier Tage bevor er am 3. März „nach einer jungen einsamen Frau Ausschau hielt, um sie zu entführen und zu vergewaltigen“, hatte er einen Mietwagen reserviert und Schutzfolie für den Kofferraum bestellt.

          Eineinhalb Stunden bevor er dann sein 33 Jahre altes Opfer entdeckte, kaufte er 14 Haarbänder, möglicherweise um eine Frau zu fesseln. Gegen halb zehn am Abend – fast zehn Stunden nach seinem offiziellen Schichtende – fuhr C. mit seinem Mietwagen im Süden Londons eine Weile langsam hinter Everard her, bevor er seinen Wagen mit Warnblinklicht am Straßenrand parkte, die Frau stoppte und sich als Polizist auswies. Der Staatsanwalt vermutet, dass er sie unter dem Vorwand „festnahm“, sie habe die Lockdown-Regeln verletzt. Everard hatte an dem Abend in der Wohnung einer Freundin eine Flasche Wein geteilt und befand sich auf dem Weg nach Hause. C. war zuvor auf Covid-Patrouillen eingesetzt worden, kannte also den entsprechenden Rechtstext.

          „Würden Sie mich bitte angucken“

          Bevor er Everard auf seinem Rücksitz anschnallte, legte er ihr Handschellen an – sie hatte die Arme hinter dem Rücken. Ein Paar, das das Geschehen im Vorbeigehen beobachtete, sagte später aus, es habe auf sie gewirkt, als sei jemand in einer Undercover-Operation rechtmäßig abgeführt worden. Spätestens als der Wagen ihres Entführers auf die Autobahn abbog, statt sie zu einer nahegelegenen Polizeistation zu bringen, dürfte Everard geahnt haben, dass sie in eine Falle geraten war.

          C. fuhr sein Opfer bis an die Ärmelkanalküste in Dover, wo er sie eine halbe Stunde vor Mitternacht in seinen Privatwagen umsetzte. Wann genau er sein Opfer vergewaltigt und – so gestand er gegenüber einem Psychologen – mit seinem Polizeigürtel erwürgt hat, ist nicht ganz klar, aber etwa zwei Stunden nach dem Fahrzeugwechsel entledigte er sich der Leiche in einem Wald in Kent. Der Ort befindet sich nur wenige Meter neben einem Waldstück, das er einige Jahre zuvor mit seiner Frau gekauft hatte. C. versuchte, sein Opfer zu verbrennen, offenbar in einem alten, weggeworfenen Kühlschrank, packte die Überreste in einen Plastiksack und versenkte sie in einem nahegelegenen Teich. Everards Handy warf er in einen etwas weiter entfernten Bach – dieses wurde später von Polizei-Tauchern gefunden.

          Auch Sarah Everards Mutter äußerte sich im Saal mit berührenden Worten über ihr „heißgeliebtes kleines Mädchen“.
          Auch Sarah Everards Mutter äußerte sich im Saal mit berührenden Worten über ihr „heißgeliebtes kleines Mädchen“. : Bild: AP

          Als Everards Freund die junge Frau am nächsten Morgen als vermisst meldete, verhielt sich C., als sei nichts geschehen. Er trank eine heiße Schokolade in einem Café und rief einen Tierarzt an, um einen Termin für seinen Hund auszumachen. In den darauffolgenden Tagen fuhr C. mehrmals mit seinen beiden Kindern auf sein Grundstück in Kent und ließ sie, nur wenige Meter neben dem späteren Fundort der Leiche, spielen. Als ihn die Ermittler am 12. März, neun Tage nach der Tat, stellten, flüchtete sich C. zunächst in Lügen. In Untersuchungshaft fügte er sich mehrmals Verletzungen zu. Im Juli gestand er dann öffentlich, Everard entführt, vergewaltigt und ermordet zu haben, als er per Video ins Strafgericht Old Bailey zugeschaltet wurde.

          Vor der Urteilsverkündung hatte sein Anwalt dafür plädiert, keine Strafe zu verhängen, die eine Entlassung zu Lebzeiten ausschließt. Sein Mandant erwarte und verdiene eine harte Strafe, aber das Gericht solle berücksichtigen, dass C. die Verbrechen gestanden habe, keine Vorstrafen habe und unter Depressionen leide. Statt einer „whole-life order“ forderte der Anwalt eine mehrjährige Haftstrafe. Das überzeugte das Gericht nicht. C. habe das Vertrauen in die Polizei untergraben, auf das die Öffentlichkeit ein Recht habe, und „dem Leben von Sarah Everarads Familie und Freunden unwiederbringlich Schaden zugefügt“, sagte der Richter.

          Am Vortag hatte Jeremy Everard, der Vater des Opfers, im Gerichtssaal zu C. gesagt: „Keine Strafe, die Sie erhalten, wird sich jemals vergleichen lassen mit den Schmerzen und der Qual, die sie uns angetan haben.“ Der Angeklagte hatte, wie die meiste Zeit während der Verhandlung, zu Boden geblickt, worauf ihn Everard aufforderte: „Würden Sie mich bitte angucken und hören, was ich zu sagen habe.“ Auch Sarah Everards Mutter äußerte sich im Saal mit berührenden Worten über ihr „heißgeliebtes kleines Mädchen“. Sarahs Schwester Katie sagte während der Verhandlung: „Ich hasse es, sie so voller Angst und alleine vor mir zu sehen. Ich hasse es, dass ich nicht da sein konnte und sie stoppen konnte. Ich möchte mit ihr sprechen, sie umarmen und ihr Lachen hören.“

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