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Opfer von Höxter : Lieber geschlagen werden als allein sein

Als Anlass zur Gewalt genügten Nichtigkeiten: Polizeiauto vor dem Tatort in Höxter-Bosseborn. Bild: Getty

Täglich kommen neue Details über das Paar ans Tageslicht, das in Höxter mehrere Frauen zu Tode gequält haben soll. Zu ihnen zählt auch Susanne F., 41. Warum lief sie nicht weg? Unsere Autorin über ein Opfer und einen Täter, die wie füreinander gemacht waren.

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          Ein kleiner dicker Matrose steht im Fenster, er hat einen Rettungsring in der Hand und guckt leicht belämmert. Neben ihm ein Set elektrischer Kerzen, wohl noch von Weihnachten, und eine dicke goldene Ente. Dahinter eine Blickschutzgardine.

          Katrin Hummel

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          In dieser unauffälligen, aber nicht ungepflegt wirkenden Erdgeschosswohnung in Bad Gandersheim wohnte die 41 Jahre alte Susanne F., bevor sie zu Wilfried W. und Angelika B. nach Höxter-Bosseborn zog – dem Paar, das dort in den vergangenen Jahren mehrere Frauen gequält und getötet haben soll. Aufgegeben hatte F. ihre alte Wohnung nicht; ihr Name steht noch immer am Briefkasten. Viele Bekannte hatte sie aber wohl nicht in dem kleinen Ort in Niedersachsen. Sie war arbeitslos und hatte zuvor im Ruhrgebiet gelebt. Eine junge Frau, die gegenüber wohnt, sagt: „Erst merkte man gar nicht, dass da jemand in die Wohnung eingezogen war. Sie lebte sehr zurückgezogen. Ich habe sie meist allein gesehen.“ In der Kneipe „Moin Moin“, die um die Ecke liegt, sagt ein älterer Mann: „Ich wohne nebenan, seit 63 Jahren, und habe die Frau noch nie gesehen.“ Und auch beim Taxiverleih gegenüber kennt man Susanne F. nicht.

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          Einsam und verunsichert

          Angefangen hatte alles mit einer Kontaktanzeige, in der Wilfried W. eine Frau suchte – Alter und Figur egal. Susanne F. meldete sich, so wie auch viele andere. Inzwischen sind mehr als dreißig Frauen bei der Polizei vorstellig geworden, weil sie auf eine von W.s zahlreichen Anzeigen reagiert hatten. Die meisten brachen den Kontakt zu dem Mann jedoch schnell wieder ab. Nicht so F.; sie blieb dran und zog im März dieses Jahres sogar zu W. und seiner Exfrau, obwohl das Haus in Höxter-Bosseborn verwahrlost und heruntergekommen wirkt.

          Christian Pfeiffer vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen, der 1992 und 2011 zwei große repräsentative Opferbefragungen durchgeführt hat, bietet eine Erklärung: „Frauen, die so etwas machen, sind verunsicherte, einsame Verliererinnen, die viele Enttäuschungen erlebt oder nicht genug elterliche Liebe bekommen haben.“ Aus lauter Einsamkeit gingen so strukturierte Frauen ein hohes Risiko ein: „Sie merken zwar meist, was für einen Typen sie vor sich haben, aber bei ihnen überwiegt der Wunsch nach Nähe. Der ist so dominant, dass man sich erst mal auf so einen Mann einlässt.“

          „Wenn das Messer nicht rechts, sondern links lag“

          Dass Susanne F. so eine Frau war, darauf deuten die Aussagen von ehemaligen Mitschülern aus Wickede an der Ruhr hin: „Sie hat mit Sicherheit keine leichte Kindheit gehabt“, sagt einer von ihnen. „Sie war nie beliebt in der Schule. Ich habe ihr mal bei einer Autopanne geholfen, und ich habe selten einen Menschen gesehen, der so dankbar war. Ich denke, da war niemand, der ihr geholfen hat, ihren Platz im Leben zu finden.“

          Ein anderer sagt: „Sie kam in der sechsten oder siebten Klasse von der Realschule zu uns an die Hauptschule und wurde deswegen gehänselt. Sie war anders als die anderen; sie hatte eine Position als Nerd“ – als Außenseiterin. F. habe oft dagesessen, den Kopfhörer eines Walkmans auf den Ohren, die Beine angezogen, mit dem Rücken zur Wand, und habe Musik gehört, die irgendwie aus der Zeit gefallen schien. „Vielleicht war das Musik, die ihre Mutter immer gehört hatte“, mutmaßt der ehemalige Mitschüler; F.s Mutter sei damals schon tot gewesen. „Sie hat dann vor sich hin gestarrt und war ganz in ihrer eigenen Welt. Der Tod der Mutter muss ein schwerer Schicksalsschlag gewesen sein.“ Ihr Vater sei schon sehr alt gewesen: „Wir dachten erst, er sei ihr Opa. Er hatte schlohweißes Haar und einen weißen Bart.“

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