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Anschlag auf BVB-Bus : Um 5.30 Uhr klingelte die GSG 9

Erstaunlich dilettantisches Verhalten beim Bankgeschäft

Es dauerte dann nicht lange, bis die Kriminalbeamten herausfanden, dass eben dieses auffällige Geschäft von einem Gast des „L’Arrivée“ über den hoteleigenen Internet-Router abgewickelt worden war. Und zwar von niemandem anderen als von W. Die Ermittler konnten eindeutig nachweisen, dass er die Optionen über die seinerzeitige IP-Adresse des Hotels gekauft hatte. Und auch die Finanzierung des Geschäfts ließ sich mühelos rekonstruieren. Sergej W., der erheblichen technischen Aufwand beim Bau seiner Sprengfalle betrieb, verhielt sich nämlich auch bei diesem Kreditgeschäft erstaunlich dilettantisch und verzichtete auf sonst bei Kriminellen übliche Maßnahmen zur Verschleierung und Eigensicherung: Das Geld für den Kauf der Optionen nahm er am 3. April bei seiner Hausbank auf – es handelte sich um einen Verbraucherkredit in Höhe von 78 000 Euro.

Die Ermittler waren sich schon seit vielen Tagen sicher, dass Sergej W. der Täter ist. Die Spezialkräfte der GSG 9 nahmen ihn aber erst eineinhalb Wochen nach dem Anschlag fest. Die Ermittler hatten sich von der Observation des Mannes noch weitere Erkenntnisse zu den Hintergründen der Tat erhofft.

Unklar ist einstweilen, ob W. Komplizen hatte. Auch zur Art des verwendeten Sprengstoffs gibt es noch keine gesicherten Erkenntnisse. In manchen Medien war spekuliert worden, es handle sich um Sprengstoff aus militärischen Beständen. Nach Angaben von Innenminister Jäger deutet jedoch manches darauf, dass der Täter den Sprengstoff selbst hergestellt hat.

Zwei glückliche Umstände verhinderten Schlimmeres

Weitgehend ausermittelt ist dagegen der Verlauf der eigentlichen Tat. Demnach hatte der Attentäter seine drei mit Metallstiften versehenen Sprengsätze in einem Abstand von jeweils vier Metern in einer Hecke entlang der Straße versteckt, die ihm als Fahrstrecke des Mannschaftsbusses bekannt war. Die Sprengwirkung war exakt auf den Bus ausgerichtet. Laut Bundesanwaltschaft hätte die zerstörerische Kraft der Bomben eigentlich Hunderte Meter weit gereicht, es hätte zu zahlreichen Todesopfern kommen können.

Dass lediglich ein Polizist, der dem Bus mit seinem Motorrad vorausfuhr, und der Spieler Marc Bartra im Bus verletzt wurden, ansonsten aber niemand körperlich zu Schaden kam, sei zwei glücklichen Umständen zuzuschreiben, sagt Innenminister Jäger. Zum einen seien die Splitterbomben etwa ein bis zwei Sekunden zu spät gezündet worden. Tatsächlich hätte der Bus sonst eine regelrechte Breitseite abbekommen. Zudem war der mittlere Sprengsatz zu hoch in der Hecke plaziert. Er befand sich in einer Höhe von rund einem Meter über der Straße und konnte damit nicht seine volle Wirkung entfalten.

Bei seiner Detonation um 19.16 Uhr schoss die Ladung am Bus vorbei, der nach Angaben der Bundesanwaltschaft zum Zeitpunkt der Detonation mit einer Geschwindigkeit von etwa 23 Kilometern in der Stunde unterwegs war. Zwar barsten im vorderen und hinteren Teil des Busses mehrere Scheiben, doch nur einer der vielen etwa 70 Millimeter langen Stahlstifte drang in den Bus ein, wo er einen Insassen nur knapp verfehlte und sich in die Kopfstütze des Sitzes bohrte.

Sergej W. hatte gute technische Kenntnisse. Das erfährt man auch in Freudenstadt, mitten im Schwarzwald, gut 40 Autominuten von Rottenburg entfernt, wo er gemeldet war. Dort ist er, ganz anders als in Rottenburg, fast stadtbekannt. Erst im Juni machte er einen Abschluss als „Elektroniker für Betriebstechnik“. Die Berufsschule zeichnete ihn mit einem Preis aus, die Lokalzeitung berichtete darüber. Bilder und Zeitungsausschnitte über Sergej W. kursieren am Freitagmittag in Whatsapp-Gruppen. In der Stadt haben viele mitbekommen, dass es vor dem Gebäude einer Zeitarbeitsfirma in der Nähe des Bahnhofs am Freitagmorgen einen größeren Polizeieinsatz gab. Doch niemand mag glauben, dass der Attentäter von Dortmund ausgerechnet im Schwarzwald gelebt haben soll.

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