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Hinrichtung mit Giftspritze : Schmerzfrei oder grausam?

  • -Aktualisiert am

Blick in die Hinrichtungszelle in Santa Fe Bild: AP

In den Vereinigten Staaten hält die Diskussion um die Vollstreckung der Todesstrafe mit einer Giftspritze an. Die als human geltende Hinrichtungsart verläuft oft dennoch qualvoll für die Verurteilten. Die Gifte werden oft falsch dosiert.

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          Die Hinrichtung mittels Giftspritze ermöglicht ein beinahe schmerzfreies und deshalb humanes Sterben - so lautet die weitverbreitete Annahme in den Vereinigten Staaten. Doch die Praxis sehe anders aus, beklagen Rechtsanwälte von Todeskandidaten und Menschenrechtsorganisationen. Aufgrund von Inkompetenz und Nachlässigkeit würden Todeskandidaten bei der tödlichen Injektion dem überflüssigen Risiko qualvoller Schmerzen ausgesetzt, kritisiert die Organisation „Human Rights Watch“ in einem am Montag veröffentlichten Bericht. Ferner haben Anwälte von Todeskandidaten mehr als drei Dutzend Klagen eingereicht. Darin tragen sie vor, daß die Hinrichtung durch die Giftspritze gegen das Verfassungsverbot grausamer und ungewöhnlicher Strafen verstoße.

          Die Giftinjektion ist die am häufigsten verbreitete Form der Hinrichtung in den Vereinigten Staaten. Mit Ausnahme von Nebraska, wo Todeskandidaten nur auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet werden dürfen, sehen alle 38 Bundesstaaten, in denen die Todesstrafe möglich ist, Hinrichtungen durch die Giftspritze vor.

          Unnötige Qualen durch falsche Dosierung

          Das Prozedere ist fast überall das gleiche: Dem auf einer Liege festgeschnallten Todeskandidaten werden nacheinander intravenös drei Wirkstoffe in jeweils tödlicher Menge verabreicht. Zunächst bekommt der Verurteilte ein Barbiturat, meist Natrium-Pentothal, damit er keine Schmerzen verspürt, wenn ihm die weiteren Mittel verabreicht werden. Als nächstes bekommt er ein muskellähmendes Mittel, meist Pancuronium-Bromide, dann eine tödliche Dosis Kaliumchlorid, die den Herzschlag stoppt. Kritiker beklagen, bei unsachgemäßer Dosierung und Injektion des Giftcocktails könne der Todeskandidat das Bewußtsein nicht schnell genug oder nicht lange genug verlieren, so daß er qualvoll sein Ersticken und schließlich die äußerst schmerzhafte Wirkung des den Herzstillstand auslösenden Mittels erlebe. Zudem sei es dem Verurteilten aufgrund des muskellähmenden Wirkstoffs unmöglich, auf sein Leiden aufmerksam zu machen.

          Der Todeskandidat wird auf der Liege festgeschnallt
          Der Todeskandidat wird auf der Liege festgeschnallt : Bild: picture-alliance / dpa

          Jamie Fellner, Mitautorin des Berichts von „Human Rights Watch“, macht darauf aufmerksam, daß Kaliumchlorid nach den tierärztlichen Richtlinien zur Einschläferung von Hunden in den Vereinigten Staaten aufgrund seiner schmerzhaften Wirkung nur eingesetzt werden dürfe, wenn sichergestellt sei, daß das Tier tief bewußtlos sei. Bei der Hinrichtung durch die Giftspritze gebe es kein entsprechendes Überwachungsverfahren, kritisiert sie. So habe seit der Entwicklung des Giftcocktails 1977 kein Bundesstaat die Wirkung der Mixtur überprüfen lassen. Auch sei unklar, welchen Nutzen das muskellähmende Mittel habe. Die Menschenrechtsorganisation hat den Verdacht, daß es hauptsächlich deshalb eingesetzt wird, um den Zeugen der Hinrichtung den Anblick eines qualvollen Todeskampfes zu ersparen.

          Gleichwohl hat es nach dem Bericht von „Human Rights Watch“ mehrere Fälle gegeben, in denen Zeugen berichteten, wie Todeskandidaten, die zunächst bewußtlos erschienen, plötzlich die Augen geöffnet, gezuckt und sich aufgebäumt hätten. Zum Fall des Verurteilten Steven McCoy, der 1989 bei seiner Hinrichtung in Texas nach Luft geschnappt, gewürgt und sich auf der Liege gekrümmt hatte, habe der Oberstaatsanwalt bemerkt, daß die Reaktion des Todeskandidaten „ein wenig stärker als üblich“ gewesen sei - womöglich, weil die Medikamente in stärkerer Dosierung oder schneller nacheinander verabreicht worden seien.

          Ärzte verweigern meist die Überwachung

          Mittlerweile haben einige amerikanische Gerichte auf die Kritik reagiert. So ordnete ein kalifornischer Richter vor kurzem im Fall des Todeskandidaten Michael Morales an, daß ihm zur Vermeidung von Schmerzen entweder eine tödliche Dosis Schlafmittel verabreicht werden oder die Injektion des üblichen Giftcocktails von Ärzten überwacht werden müsse. Da beides scheiterte, mußte die Hinrichtung verschoben werden. Die erste Option wies die Staatsanwaltschaft zurück, da die Hinrichtung mit einem Schlafmittel „zu lange“ dauere. Und die ärztliche Überwachung scheiterte daran, daß sich kein Mediziner zu dieser Aufgabe bereitfand. Die Ärzte beriefen sich dabei auf den Moralkodex der amerikanischen Medizinervereinigung „American Medical Association“. Danach ist es Medizinern nicht gestattet, an Hinrichtungen mitzuwirken. Die Richtlinien sind freilich nicht bindend, und in manchen Bundesstaaten ist es Routine, daß Ärzte oder medizinisches Fachpersonal - oft anonym - die tödlichen Injektionen begleiten.

          So wurde vergangene Woche auch die Hinrichtung des 61 Jahre alten Willie Brown in North Carolina von einem Arzt überwacht. Neu war freilich, daß der Todeskandidat während der tödlichen Prozedur an ein Gerät zur Messung der Hirnströme angeschlossen wurde. Dies war auf richterliche Anordnung geschehen, um sicherzustellen, daß Brown tatsächlich bewußtlos war, bevor ihm das atemlähmende Mittel und das Medikament injiziert wurde, das den Herzschlag stoppt.

          Auch der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten hat sich in die Kontroverse über Hinrichtungen mittels Giftspritze eingeschaltet. Im Januar hatte der Supreme Court die Hinrichtung von Clarence Hill aus Florida gestoppt, als diesem schon die Nadeln für die tödliche Injektion gesetzt worden waren. In der Anhörung an diesem Mittwoch geht es nun um die Frage, welche prozessualen Optionen Todeskandidaten haben, um sich gegen ihre Hinrichtung mit der Giftspritze zu wehren. Die grundsätzliche Frage, ob die tödliche Injektion das Verbot grausamer und ungewöhnlicher Strafen verletzt, wollen die Obersten Richter freilich nicht klären.

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