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Hildesheim : "Jetzt halten uns sogar die Lehrer für Verlierer"

  • -Aktualisiert am

Eigentlich sollte der Werkraum abgeschlossen sein Bild: dpa/dpaweb

Nachdem in einer Hildesheimer Schule Schüler einen Mitschüler vor der Kamera gequält haben, haben viele zur Erklärung nur Klischees bei der Hand. Aber das reicht nicht.

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          Die "Hildesheimer Allgemeine Zeitung" wirbt an diesem Februartag mit Extra-Seiten für die aufstrebende Jugend. Auf dem Titel Lehrlinge von Mercedes-Benz, die andächtig ihrem strahlenden Lehrer zuhören. Auf elf Seiten wissen Volkshochschulen und Schulen: "Lebenslanges Lernen ist die Lösung!" Die Berufsschulen haben ein "Kompetenzzentrum" gegründet. Dort lernt man bei "After-Work-Fortbildungen", in garantiert anheimelnder Atmosphäre (Fingerfood-Büffet und Getränke inklusive), alles über den Weg vom "Froschkönig zum König" oder zum "Experten in eigener Sache". Doch führe der Weg zum Erfolg, erfährt der Leser, nur über das "passende Outfit". Mädchen sollten Spaghettiträger, Miniröcke und hohe Absätze meiden, Jungen bunte Jacketts, Radlerhosen und Jeans. Auch nütze ein Designeranzug wenig, wenn die Schuhe nicht geputzt sind und das Deo versagt. Die Welt könnte also auch in Hildesheim makellos schön sein.

          Regina Mönch

          Freie Autorin im Feuilleton.

          Ist sie aber gerade nicht, obwohl Hildesheim eine hübsche Stadt ist. Folter und Mobbing, Taten vom anderen Stern. Schon im Zeitungskiosk auf dem Bahnhof reagiert man verdrossen auf die Frage nach dem Weg zur Werner-von-Siemens-Berufsschule. "Liegt weiter draußen", sagt eine Frau, als sei allein das schon Indiz dafür, daß man innerhalb der niedlichen Gassen wenig mit der Brutalität zu tun hat, die Hildesheim seit einigen Tagen in die Schlagzeilen bringt. Das sei halt so eine Berufsschule, die man dem eigenen Kind lieber erspare. "Sowas", sagt ein Mann, "kann in jeder Stadt passieren, wahrscheinlich sogar öfter als hier." Ist es aber nicht.

          Monatelange brutale Folter

          Ein Siebzehnjähriger wird gequält. Einer, der ein bißchen anders ist als die Mehrheit, unauffällig, eher schüchtern. Der sich nicht so kleidet, wie es anerkannt ist; der angeblich ein kleiner Nazi hatte sein wollen, aber nicht einmal das richtig war, wie ein Punkmädchen verächtlich bemerkt. Einer, der keine Freunde hat, obwohl sich jetzt viele danach drängen, Freund gewesen zu sein, sobald sich nur eine Fernsehkamera auf sie richtet. Das Opfer wird im Materialraum der Schule monatelang brutal gefoltert. Ein Raum, der eigentlich immer abgeschlossen sein müßte. Die Ungeheuerlichkeiten werden gefilmt, die Videos per E-Mail versendet. Das ist neu. Das Vorzeigen erprügelter Jugendmacht gehört noch nicht zu den vertrauten Ritualen öffentlich ausgestellter Scheußlichkeiten. Niemand will etwas bemerkt, etwas gesehen haben. Nicht die Mitschüler, auch kein Lehrer. Die einen beteuern dies verzweifelt, andere zucken nur mit den Schultern. So sei das eben. "Der hätte doch mal was sagen können", wehren sich Schüler. "Wir sehen viel", sagt eine Lehrerin, "aber wir erkennen nicht immer, was es ist." Nur ein Bruchteil von Mobbingfällen, das ist bekannt, werden von Lehrern und Eltern entschlüsselt, quer durch alle Schichten.

          Die meisten Fachleute für Jugendgewalt haben es trotzdem schon immer gewußt: Wer unten ist, bleibt unten, hier will kein Tellerwäscher Millionär werden. Aufstieg durch Bildung? Geht garantiert schief. Christian Pfeiffer, Leiter der Kriminologischen Forschungsstelle Niedersachsen, sagt: "Das ganze ist in einem Berufsvorbereitungsjahr passiert. Das ist typischerweise eine Zusammenballung von jungen Männern, die zu den extremen Verlierern zählen und die sich selbst auch so einstufen. Von der sozialen Zusammensetzung sind das lauter Jugendliche, die frustriert sind über ein aus ihrer Sicht völlig verpfuschtes Schulleben." Der Verband für Jugendsozialarbeit verlangt mehr Geld für Betreuung, die GEW mehr Lehrer. Für andere Fachleute ist die Folterung nur ein weiteres Indiz für die "Erziehungsresistenz bestimmter Gruppen", für die gescheiterte Integration der Migranten, für das Fehlen von Sozialpädagogen, für die permanente Überforderung der Lehrer, die Folgen der Jugendarbeitslosigkeit.

          Multikulturelle Folterer

          Doch haben in Hildesheim vergangenes Jahr nur dreißig Jugendliche keine Lehrstelle gefunden, und die Gruppe der vier geständigen Folterer ist multikulturell - ein Deutscher, ein Türke, zwei Rußlanddeutsche. Auch belegen Studien, daß Mobbing in der Wohlstandsklientel viel verbreiteter ist und intensiver beschwiegen wird. Zudem hat die Siemens-Schule eine Sozialpädagogin, sogar eine gute. Eine beherzte Frau, der Schüler vertrauen und die sofort öffentlich machte, was ihr anvertraut worden war. Das ist nicht die Regel, eher werden beunruhigende Vorfälle in den Schulen geklärt. So vermeidet man Schlagzeilen wie die von der Hildesheimer "Terror-Schule", die das Lehrerkollegium dort fast verzweifeln läßt. Die Sozialpädagogin Roswitha Fellendorf bemüht sich um Schadensbegrenzung, versucht die Klischees zu zerpflücken, die jetzt alle so schnell bei der Hand haben. Nein, die Schule habe nicht ständig Probleme mit Gewalt. Sie ist erfolgreich in der Ausbildung Tausender junger Menschen. Frau Fellendorf wird nicht müde, den Schülern einzuschärfen, Schweigen sei genauso feige wie Wegsehen. Das hat sie auch schon früher getan, vielleicht kapieren es jetzt ein paar mehr. Vielleicht.

          Auf dem Schulhof stehen Hunderte Schüler, Kamerateams pirschen sich durch die Gassen zwischen den Gruppen. Sie scheuchen die Umstehenden weg, wenn sie einen Jungen ins Visier genommen haben. Am Tor ruft einer seinem Freund hinterher, der nach Hause geht: "Wieviel hast du?" "Drei", ruft der Junge fröhlich zurück. "Na, der hat's nötig", sagt ein dickes Mädchen, es klingt ein bißchen neidisch, sie hat kein einziges Interview gegeben. Ein Staatsanwalt sprintet einem Jungen hinterher. Der soll den Fernsehleuten ein Foltervideo angeboten haben. Aber der Junge winkt ab. "Blödsinn." Trotzdem tauchen jeden Tag neue Videos auf. Die Staatsanwaltschaft weiß nicht, wer sie verkauft, nur daß sie am nächsten Tag in der Zeitung zu sehen sind oder im Fernsehen. Manche scheinen Kopien des beschlagnahmten Beweisstücks zu sein, manche sind einfach nur Foltervideos, wofür es nun auch in Hildesheim einen Markt gibt.

          Viele Diskussionen, viele Interviews, viele Ratschläge

          Drinnen, in der großen, hellen Aula der Siemens-Schule, fangen Lehrer an, Stühle wegzuräumen. Ende einer der vielen Veranstaltungen, bei denen über die Untat diskutiert wurde. Diese Diskussion war eine besondere. Der Kultusminister ist extra aus Hannover angereist, Hildesheims leitender Jugendstaatsanwalt Albrecht Stange kam auch. Sie geißeln die Tat. Vor allem Stange räumt bei denen, die das alles noch für ein großes, spannendes Spektakel halten, jeden Zweifel aus. Hier handelt es sich um ein Verbrechen, und als solches wird man es auch verfolgen. Den geständigen Tätern, sagt Stange, dämmere das nur langsam.

          In der fast leeren Aula hüpft der Minister von Kamera zu Kamera. Es hört sich an, als sage er jedesmal dasselbe. Er verlangt, das Thema Gewalt in allen Schulen im Unterricht zu behandeln. Er schlägt vor, für jede Schule Sicherheitskonzepte zu erarbeiten, vielleicht Überwachungskameras aufzustellen. Durch die großen Fenster schauen die Schüler zu.
          Albrecht Stange wird ernster genommen, auch kennen ihn viele, denn Stange ist streng und hält trotzdem viel von Prävention. Er redet in Schulen; keine Predigten, sondern Aufklärung, Warnung. Bei ihm kann man auch lernen, warum "Jacke abziehen" keine Bagatelle ist, die immer mal wieder passiert, sondern Raub, der bestraft wird. Als es vor einigen Jahren schon einmal zu brutalen Übergriffen kam, hat er mit dafür gesorgt, daß die Übeltäter hinterher nicht wieder an die Siemens-Schule kamen, obwohl dies nicht im Sinne sanfter Wiedereingliederung ist. Er weiß, wie ein Klima der Angst entsteht, wenn Straftäter allein wegen ihrer Jugend zu nachsichtig behandelt werden. Die, die sich immer schon vor ihnen fürchteten, haben dann noch mehr Angst. Wer sie schon immer bewunderte, verehrt sie als Helden. Er geht in alle Schulen, sofern sie ihn einladen. Gymnasien, sagt er, seien da zurückhaltend.

          "Wenn es sein muß, ohne euch alle!"

          Die Werner-von-Siemens-Schule ist ein Lehrinstitut ganz im Sinne der Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn. Alle lernen unter einem Dach, alle sind gleich, eine große Familie. Nur daß nicht jeder jeden kennt. Die Berufsschüler nicht die Abiturienten, die Realschüler mit Lehre nicht die Hauptschüler. Die aus dem Berufsvorbereitungskurs kennen nur sich. Man bekommt im Schulsekretariat eine hübsche Skizze mit all den Möglichkeiten, die hier jedem offenstehen sollen: ein Haus mit vielen Treppen, alle führen nach oben. Aber selbst diese Skizze weist den Berufsvorbereitungs-Jahrgänglern den Keller zu. Am Hoftor lümmeln zwei Jungen, schauen verdrossen der Fernsehjagd zu. Seit Tagen lesen und hören sie, daß sie Verlierer sind, keine Chance haben, aus der Gewaltspirale jemals herauszufinden. "Jetzt sagen sogar unsere Lehrer sowas", sagt der eine. Dabei seien sie wegen der Lehrer hierher gewechselt. "Und wegen unserer Mütter", ergänzt der andere. Sie wollen Mechaniker werden, sind im Berufsvorbereitungsjahr. "Jetzt oder nie", sagen sie, verlegen grinsend. Ihre Mütter haben Angst, wollen sie von der Schule nehmen. Die beiden glauben, es trotzdem zu schaffen. "Wenn es sein muß, ohne euch alle!"

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