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Indien : Henker dringend gesucht

  • -Aktualisiert am

Hängt den Vergewaltiger fordern die Frauen – aber in Indien gibt es immer weniger, die ein solche Strafe vollstrecken wollen Bild: dpa

Unzählige junge Inder suchen einen Job, aber zu allem sind sie nicht bereit: Die Henkerbranche im Land leidet unter akutem Nachwuchsmangel. Um das zu ändern, ergreift ein südlicher Bundesstaat ungewöhnliche Maßnahmen.

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          Millionen junger Inder drängen jährlich auf den Arbeitsmarkt. Sie wollen Programmierer werden, Banker, Gurus oder Bollywood-Schauspieler. Doch seit das Wirtschaftswachstum in Indien ins Stocken geraten ist, übersteigt die Nachfrage bei weitem das Angebot an Arbeitsplätzen. Außer in einem ganz besonderen Berufszweig: Die Henkerbranche in Indien leidet unter akutem Nachwuchsmangel.

          Um neue Henker anzuwerben, entschloss man sich nun im indischen Bundesstaat Kerala zu einer Gehaltserhöhung von mehr als 41.000 Prozent. Das Honorar für eine Hinrichtung soll von umgerechnet sechs Euro auf fast 2500 Euro erhöht werden, berichtet die „Hindustan Times“. Die exorbitante Honorarerhöhung hat in dem südindischen Bundesstaat zu einem regelrechten Ansturm auf den grausamen Job geführt. Allein im Zentralgefängnis von Kannur sind mehr als 70 Bewerbungen eingegangen. Ein Bewerber habe gar angeboten, alle Verurteilten an einem einzigen Tag zu hängen, damit er seine Schulden zurückzahlen könne.

          Nicht jeder kann töten

          Aber: „Nicht jeder hat die Fähigkeit, Menschen zu erhängen“, sagt Pawan Kumar der Internetplattform Vocativ. Die Todeskandidaten samt Familien und Sympathisanten würden bei einer Hinrichtung nicht in dem Verurteilten, sondern nur in ihm den Verbrecher sehen. Und Kumar weiß, wovon er spricht. Er ist einer der wenigen offiziellen Henker in Indien, schon in vierter Generation. „In Indien gibt es keine Familie wie unsere“, sagt Kumar. Sein Großvater Kalu Kumar kam 1989 zu zweifelhafter Berühmtheit, als er einen der beiden Attentäter von Premierministerin Indira Gandhi erhängte. Es sei kein einfacher Beruf, meint Kumar. „Aber ich diene meinem Land. Ich helfe der Regierung, Verbrechen zu verhindern.“

          Die Todesstrafe wird in Indien seit der Staatsgründung 1947 vollstreckt, als Überbleibsel aus der britischen Kolonialzeit. Allerdings wurden in den vergangenen Jahren nur noch selten Todeskandidaten exekutiert. Zwischen 2004 und 2012 kam es auf dem Subkontinent zu keiner Hinrichtung. Doch nach den grausamen Vergewaltigungsfällen der vergangenen Jahre wurde der Ruf nach der Todesstrafe wieder lauter.

          Im Februar 2013 verschärfte die Politik das Sexualstrafrecht: Seither kann bei Vergewaltigungen, bei denen das Opfer dauerhaft ins Koma fällt oder gar stirbt, die Todesstrafe verhängt werden. Die vier volljährigen Täter der Gruppenvergewaltigung von Delhi 2012 und die drei Männer, die im August 2013 eine Fotografin in einem verfallenen Fabrikgebäude in Bombay vergewaltigt hatten, wurden daraufhin zum Tode verurteilt. „Es darf keine Toleranz für solche Verbrechen geben“, sagte Richterin Shalini Phansalkar Joshi bei der Urteilsverkündung in Bombay. „Es muss eine klare Botschaft an die Gesellschaft gesandt werden.“ Pawan Kumar kann dem nur beipflichten: „Wenn wir diese Kriminellen nicht erhängen, haben sie vor nichts mehr Angst.“

          Auch Kritik an der Todesstrafe

          Karuna Nundy hingegen, Anwältin am Obersten Gerichtshof in Delhi, bezweifelt, dass es auf extreme Urteile ankommt. Entscheidend sei Rechtssicherheit. Es müsse schnell und entschieden geurteilt werden, um die gefühlte Kultur der Straflosigkeit zu beenden.

          Laut Amnesty International warten in Indiens Gefängnissen zur Zeit rund 400 Verbrecher auf die Vollstreckung ihrer Todesurteile, einige seit mehr als zwölf Jahren. Gegner der Todesstrafe sehen darin einen unhaltbaren Zustand. Auch das Höchste Gericht hat im Januar diese Zustände kritisiert. Eine unangemessene und übermäßige Verzögerung bei der Urteilsvollstreckung komme Folter gleich. Deshalb seien in manchen Fällen die Todesurteile in lebenslange Haftstrafen umzuwandeln.

          So scheint es denn auch unwahrscheinlich, dass die vielen Bewerber in Kerala schnell als Henker engagiert werden. Die bislang letzte Erhängung in dem südindischen Bundesstaat liegt mehr als 20 Jahre zurück.

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