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Hells Angels : Die apokalyptischen Harley-Reiter

"Franks Geradlinigkeit ist es, die ich am meisten an ihm schätze", sagt Lutz Schelhorn, der mit Gesundheitssandalen in seinem Atelier nahe dem Stuttgarter Bahnhof sitzt. Schelhorn ist freier Fotograf und seit 1981 Präsident der Stuttgarter Hells Angels, des ältesten Charters in Deutschland. Er hat mit seiner Kamera Drogensüchtige begleitet, Behinderte, Obdachlose: "Randgruppen, so wie die Hells Angels". Vor ein paar Jahren erhielt er von einer Unternehmensberatung den Auftrag, für ein paar Tage in ein Zisterzienserkloster zu gehen, um dort die Mönche zu fotografieren. Deren Leben habe ihn oft an die Hells Angels erinnert.

Gelangweilt, dumpf, perspektivenlos

Schelhorn, 49 Jahre alt, Sohn eines Ingenieurs und Vater zweier Kinder, hat Realschulabschluss und eine Lehre zum Kfz-Mechaniker gemacht. Als er sich vor fast 30 Jahren den Hells Angels verschrieb, tauschte er seinen Beruf ein "für ein Leben auf der Überholspur". Das zehrt. Er spricht von seiner schwachen Blase, bei größeren Ausfahrten nehme er gern ein Hotelzimmer. Es gab Zeiten bei den Angels, da war es sogar verpönt, einen Schlafsack mitzunehmen. Er habe noch viel vor in seinem Leben, ein Kunststudium zum Beispiel, sagt Schelhorn. Das heiße aber nicht, dass er Auseinandersetzungen meide. "Wenn mir einer blöd kommt, dann sag' ich: hau ab. Beim zweiten Mal sag ich es noch mal. Beim dritten Mal brettert's."

Pazifisten waren die Hells Angels nie. Das erste Charter wurde vor genau 60 Jahren, am 17. März 1948, im kalifornischen San Bernardino County gegründet: von Veteranen aus dem Zweiten Weltkrieg, die sich nach einer Bomberstaffel der amerikanischen Luftwaffe benannten. In den folgenden Jahrzehnten spannten die Hells Angels ein enges Netz über sechs Kontinente. Man kennt sich: Zur 60-Jahr-Feier flogen auch einige Stuttgarter und Hannoveraner nach Amerika. Der Schriftsteller Hunter S. Thompson, der die Hells Angels als erster Journalist Mitte der Sechziger für einige Monate begleitete, beschrieb sie, wenn er gerade nicht von ihnen fasziniert war, als gelangweilt, dumpf, perspektivenlos. Das Einzige, was ein Angel wirklich beherrsche, sei sein Motorrad.

Ein erfolgreiches Geschäftsmodell

Künstler und Linksintellektuelle, die sich in den Sechzigern an der amerikanischen Westküste fanden, störte das zunächst nicht. Sie sahen in den Hells Angels die Verkörperung ihrer Konzepte der Entfremdung und Revolte. Nebenbei waren sie spektakuläre Partygäste. In seinem Buch "The electric kool-aid acid test" erinnert sich Tom Wolfe, wie sie einer Urgewalt gleich über eine Party hereinbrachen, zu der sie sogar geladen waren. Draußen lauerte die Polizei, drinnen hatte man Spaß. Mit Schelhorn kann man über so etwas reden. Hanebuth ist "die ganze Hippiesache" egal. Für ihn sind die Hells Angels ein erfolgreiches Geschäftsmodell.

Der "orgasmische Moment", von dem Wolfe erzählt, fand 1965 statt. Die Hells Angels wurden zu den heimlichen Stars des subversiven, aber auch des populären Amerika. Die Anerkennung durch die Gesellschaft blieb den selbsternannten Outlaws fortan wichtig: Sie umgaben sich mit Prominenten wie John Belushi oder Dan Aykroyd, bewachten Sylvester Stallone oder ließen - wie Schelhorn - die eigene Fotoausstellung von der Stuttgarter Sozialbürgermeisterin eröffnen. Zu Bekanntheit hatte ihnen aber ausgerechnet die Nachricht von einer angeblichen Vergewaltigung zweier minderjähriger Mädchen im Jahr 1964 verholfen, wobei die Ermittlungen den Verdacht nicht erhärten konnten.

„Ein Hells Angel braucht nicht zu vergewaltigen“

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