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Hells Angels auf der Anklagebank : Aussagen im Schweigekartell

  • -Aktualisiert am

Warten vor dem Landgericht in Hannover auf ihr Urteil: Zwölf von 14 Angeklagten Bild:

Unter ungewöhnlich scharfen Sicherheitsvorkehrungen hat in Hannover ein Mammutprozess gegen 14 Mitglieder der Rockerbande Hells Angels begonnen - ausgerechnet in der Stadt, in der die größte und mächtigste Gruppe Europas das Rotlichtmilieu kontrolliert.

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          Einen vergleichbaren Strafprozess hat Hannover noch nicht erlebt. 14 Rocker der Hells Angels aus Bremen stehen wegen eines Raubüberfalls auf ein Vereinsheim der rivalisierenden Motorradbande Bandidos vor Gericht. Ihnen wird laut Anklageschrift, die am Montag verlesen wurde, neben gemeinschaftlichem schweren Raub auch gefährliche Körperverletzung vorgeworfen. Im März 2006 sollen sie in Stuhr-Brinkum (Landkreis Diepholz) vermummt sechs Mitgliedern der Bandidos aufgelauert und sie unter anderem mit Axtstielen schwer, größtenteils lebensgefährlich, verletzt haben, nachdem sie ihre Opfer gefesselt und ihnen ihre Augen verklebt hatten. Dann stahlen sie noch Pokale und andere Trophäen wie Aufnäher.

          Der Angriff der „Hells Angels MC Westside Bremen“ hatte Folgen: Die Bandidos rächten sich ein gutes Jahr später. Bei einem Überfall in Ibbenbüren erschossen zwei Bandidos ein Mitglied der Hells Angels im Mai 2007 in seinem Harley-Davidson-Geschäft. Sie wurden im Sommer in Münster in einem Indizienprozess wegen gemeinschaftlichen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt.

          Wichtigster Zeuge im Zeugenschutzprogramm

          Am Montag wurden die Angeklagten Hells Angels im Alter zwischen 32 und 47 Jahren an Händen und Füßen gefesselt hereingeführt. Für den Prozess waren sie zuvor - aus Sicherheitsgründen - auf neun niedersächsische Haftanstalten verteilt worden. Vorerst setzte das hannoversche Gericht neun Verhandlungstage an. Mit einem Urteil wird nicht vor Februar gerechnet. Die ersten Zeugen, unter ihnen zwei Polizisten, werden frühestens an diesem Dienstag vernommen.

          Stehen unter dem Verdacht der organisierten Kriminalität: Rund 1000 Hells Angels soll es in Deutschland geben
          Stehen unter dem Verdacht der organisierten Kriminalität: Rund 1000 Hells Angels soll es in Deutschland geben : Bild: ddp

          Der wichtigste Zeuge indes sitzt im Zeugenschutzprogramm. Nachdem der 32 Jahre alte Thomas P. bei den Hells Angels ausstiegen war und über den Überfall als daran Beteiligter ausgesagt hatte, konnten zehn mutmaßliche Täter festgenommen werden, vier weitere stellten sich freiwillig, einer ist noch flüchtig. Der Kronzeuge muss sich vor Racheakten schützen. „Verrätern“ drohen drakonische Strafen. Staatsanwältin Silke Streichsbier sagte am Montag kurz vor Prozessbeginn, es sei allerdings ungewiss, ob Thomas P. überhaupt vor Gericht noch einmal aussagen werde.

          Streng hierarchisch gegliedert

          Eine weitere Aussage sei auch nicht erforderlich, sagt Verteidiger Hans Meyer-Mews. Sein Mandat stehe unter Druck, berichtet der Anwalt: „Es gibt eine Bedrohungslage, aber von einer konkreten Bedrohung ist mir nichts bekannt.“ Der Aussteiger mit dem langen geflochtenen Zopf zählt selbst zu den Angeklagten, sitzt aber von ihnen getrennt. Die Beweisführung dürfte weiter erschwert werden, falls auch die Opfer schweigen sollten - entsprechend ihrem Schweigekartell.

          Die Hells Angels sind streng hierarchisch gegliedert. Ermittlern fällt es schwer, in die Rockerbanden einzudringen. Vielen der in 32 Klubs vereinigten mehr als 1000 Hells Angels in Deutschland wird organisierte Kriminalität nachgesagt - Rauschgifthandel, Zuhälterei, Menschenhandel. Auch wenn sie sich nach außen als friedliebende Motorradfahrer tarnen: Die meisten sind „polizeibekannt“. An vielen Orten tobt zwischen den Banden - neben den Hells Angels und den Bandidos gibt es in Niedersachsen noch die Outlaws MC und das Gremium MC - ein Kampf um Gebietshoheiten.

          17 Verteidiger für 14 Angeklagte

          Aus Sicherheits- und Platzgründen - es gibt allein 17 Verteidiger für die 14 Angeklagten - wurde der Prozess von Verden in die Landeshauptstadt verlegt. Dass der Prozess in Hannover stattfindet und so die Aufmerksamkeit auf das hannoversche Kapitel der Hells Angels lenkt, angeblich das größte und mächtigste Europas, wird diesem nicht recht sein. Erst vor wenigen Monaten war es Gastgeber des alle zwei Jahre organisierten Europa-Treffens der Hells Angels, unter anderem mit Kaffeekränzchen im Grünen. Der Prozesstrubel stört das Image eines Dienstleisters für Sicherheitsleistungen im Rotlichtmilieu.

          In Hannover kontrollieren die Hells Angels das Vergnügungsviertel mit den Bordellen um das Steintor. Dort geschehe fast nichts, so heißt es, ohne dass der Präsident Frank Hanebuth davon weiß. Hanebuth ist gut vernetzt, wird von namhaften Anwälten vertreten, ist mit Journalisten ebenso verbunden wie mit örtlicher und überörtlicher Prominenz, auch mit Politikern. Wer etwas bewegen wolle in der Stadt, wird gesagt, frage die Stadtverwaltung, die Polizei und den ehemaligen Boxer, der nur einen Teil seiner Haft von dreieinhalb Jahren wegen gefährlicher Körperverletzung verbüßen musste. Zu seinen Beratern zählt der in Hannover wohlbekannte Rechtsanwalt Götz von Fromberg, ehemals Präsident des Bundesligisten Hannover 96 und enger Vertrauter des früheren Bundeskanzlers Gerhard Schröder. Hannoveraner in Politik, Wirtschaft und Medien begründen ihre Verbundenheit damit, dass erst seit dem Auftreten Hanebuths das zuvor ungeregelte Rotlichtmilieu kontrollierter und sicherer geworden sei.

          Der Prozess wird an diesem Dienstag fortgesetzt.

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