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Hells Angel erschossen : Aufruhr in der Rocker-Szene

Mit mehreren Schüsse getötet: Aygün Mucuk, Präsident der Gießener Hells-Angels, hier bei einer Boxveranstaltung in Offenbach Bild: dpa

Streit unter Rockern oder persönlicher Konflikt? Der Mord am Boss der Gießener Hells Angels gibt Rätsel auf. Schon einmal war Aygün Mucuk dem Tod nur knapp entronnen.

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          Der Anführer der Gießener Hells Angels, Aygün Mucuk, ist erschossen worden. Was die Gießener Staatsanwaltschaft und das Polizeipräsidium Mittelhessen am Freitag in einer gemeinsamen Pressemitteilung „Tötungsdelikt zum Nachteil des Hells Angels Präsidenten“ nannten, bedeutet konkret: Eine Putzfrau, die im Vereinsheim der Rocker im mittelhessischen Wettenberg-Wißmar ihrer Arbeit nachgehen wollte, fand den Präsidenten nach Angaben der Staatsanwaltschaft gegen 8.30 Uhr „im hinteren Teil des Grundstücks“. Zu diesem Zeitpunkt war der Rocker bereits tot.

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass Mucuk entweder in der Nacht oder am frühen Morgen umgebracht wurde. Als Todesursache konnten die von der Putzfrau sogleich gerufenen Rettungskräfte eine größere Zahl von Schusswunden ausmachen. Die Staatsanwaltschaft sprach gegenüber dieser Zeitung von „mehr als fünf, weniger als 20“, vorbehaltlich des noch abzuwartenden Obduktionsergebnisses. Unklar war zunächst, ob Mucuk bewaffnet war und ob es einen Schusswechsel gegeben hat, dem möglicherweise ein Streit vorausging. Über die genaue „Tatortsituation“ wollte die Staatsanwaltschaft aus ermittlungstaktischen Gründen keine Angaben machen. Das hessische Landeskriminalamt war mit einer „Tatortgruppe“ nach Wettenberg-Wißmar gekommen.

          Ringfahndung in der Umgebung

          Nach Angaben des Hessischen Rundfunks fanden sich auf dem Clubgelände 30 bis 50 Rocker ein. Die „Bild“-Zeitung zitierte einen Nachbarn, der nach Auffinden Mucuks schreiende und weinende Hells Angels gesehen haben will. In der Umgebung des mit einem Schwimmbad ausgestatteten Vereinsheims wurde eine Ringfahndung nach dem Täter oder den Tätern eingeleitet. Unter anderem wurden Fahrzeugkontrollen vorgenommen.

          Von mehreren Kugeln getroffen : Chef der Gießener Hells Angels erschossen

          Mucuk, der 45 Jahre alt wurde, war 2014 schon einmal knapp dem Tod entgangen. Er plante damals gegen den Willen der alteingesessenen Frankfurter Hells Angels (Old Schooler), mit vorwiegend türkischstämmigen Rockern eine Hells-Angels-Niederlassung („Charter“) in Gießen zu gründen. Am 2. Juli 2014 eskalierte der Konflikt vor dem Frankfurter Club „Katana“, dessen Betriebsleiter ein Mitglied des im Jahr 2011 verbotenen Frankfurter Charters „Westend“ war. Mucuk kam mit bis zu 40 Leuten in teuren Autos vorgefahren, der Türsteher, offenbar auch ein Hells Angel, wurde zusammengeschlagen. Der Betriebsleiter zog, als die Rocker um Mucuk auf ihn zustürmten, seinen Revolver und gab mehrere Schüsse ab. Einer davon verfehlte Mucuks Herz nur knapp. Die Ermittlungen verliefen, wie so oft im Fall von Rockerkonflikten, im Sande. In Erinnerung geblieben ist allerdings das beinahe ikonische Foto Mucuks, das ihn am Tag nach den Schüssen mit freiem Oberkörper, großem Pflaster auf den Schusswunden und Hells-Angels-Tattoo vor der Frankfurter Universitätsklinik zeigt.

          Seither gab es zwar auf einem Hells-Angels-„Weltkongress“ in Griechenland eine Art Friedensabkommen zwischen den überwiegend türkischstämmigen „jungen Wilden“ und den „Old Schoolern“. Ermittlern war aber immer klar, dass es sich dabei um einen prekären Zustand handelte. Das könnte sich zuletzt auch Anfang Mai gezeigt haben, als in der Frankfurter Innenstadt zwei Rocker das Feuer auf ein Auto eröffneten, in dem zwei andere Rocker saßen. Der Hauptschütze ist nach wie vor auf der Flucht.

          Zunächst sah es auch hier nach einem Konflikt zwischen Traditionalisten und „jungen Wilden“ aus. Inzwischen gehen die Ermittler eher von einem persönlichen Konflikt aus, der eskaliert sein könnte. Die Gesamtlage in Hessen, zumal im Rhein-Main-Gebiet, ist unübersichtlich. Nach dem Verbot des Charters Westend ist ein Vakuum entstanden, in das unterschiedliche Gruppen vorzudringen versuchen. Besonders aus der Kampfsportszene, in der über die in die Jahre gekommenen traditionellen Hells Angels zum Teil gelästert wird, kommen ständig neue Aspiranten, die keinerlei Probleme haben, ihre Interessen mit körperlicher Gewalt durchzusetzen.

          Ob die Tötung Mucuks mit diesen Machtkämpfen zusammenhängt, ist bisher noch nicht geklärt. Die Staatsanwaltschaft sagte gegenüber der F.A.Z., man ermittle in alle Richtungen.

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