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Urteil in Frankfurt : Nach Exorzismus-Prozess muss nur Hauptangeklagte in Haft

Eine Angeklagte wird im Oktober 2016 in den Verhandlungssaal am Landgericht in Frankfurt am Main geführt. Jetzt ist das Urteil in dem Prozess um eine vermeintliche Teufelsaustreibung gefallen. Bild: dpa

In einem Frankfurter Hotel war eine Frau erstickt, weil fünf Verwandte ihr einen vermeintlichen Dämon austreiben wollten. Ins Gefängnis muss jetzt nur die Kusine des Opfers.

          3 Min.

          Wegen gemeinschaftlicher Körperverletzung mit Todesfolge hat am Montag eine Jugendkammer des Frankfurter Landgerichts fünf Koreaner verurteilt, die am 5. Dezember 2015 eine Verwandte in einem Frankfurter Hotelzimmer misshandelt hatten, um sie von vermeintlichen Dämonen zu befreien. Nach mehr als viermonatiger Verhandlung hatte die Staatsanwaltschaft nach einem Hinweis des Gerichts den Vorwurf des gemeinschaftlichen grausamen Mordes am vorletzten Prozesstag fallenlassen. Der Vorsitzende Richter der Strafkammer, Ulrich Erlbruch, sagte, der Vorsatz, ihre Verwandte zu töten, könne keinem Angeklagten nachgewiesen werden.

          Helmut Schwan
          Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

          Doen K., die 45 Jahre alte Kusine des Opfers, wurde zu sechs Jahren Haft verurteilt. Der 15 Jahre alte Sohn der Getöteten und dessen etwa gleichaltriger Vetter bekamen eineinhalb Jahre auf Bewährung, so wie auch der 22 Jahre alte Sohn (zwei Jahre Freiheitsstrafe) und die damals 19 Jahre alte Tochter der Hauptangeklagten (ein Jahr und neun Monate Jugendstrafe). Sie alle kamen am Montag frei und werden voraussichtlich bald nach Südkorea zurückkehren.

          Das Strafmaß lag unter den Anträgen der Staatsanwaltschaft. Die Verteidiger hatten sogar bei K. noch auf eine Bewährungschance plädiert. Ihre Mandantin schrie nach der Urteilsbegründung, trommelte auf den Tisch und war auch von ihrer Tochter nicht zu beruhigen.

          Annahme der rituellen Teufelsaustreibung ließ sich nur eingeschränkt aufrechterhalten

          Am Ende des Strafverfahrens blieb unklar, ob es sich um einen Fall von Exorzismus handelte. Zwar ergaben die Vernehmungen das Bild einer Familie, deren Leben von dem Glauben geprägt war, in ihren Körpern und Seelen trügen Gott und seine Widersacher einen steten Kampf aus. Aber die Annahme der Ermittler, es habe in dem Hotel von Angehörigen einer Sekte eine rituelle Teufelsaustreibung stattgefunden, ließ sich nur noch eingeschränkt aufrechterhalten. Die These der Anklage, die Tat sei von einer fundamental-christlichen Haltung getrieben gewesen, in die buddhistische und schamanistische Überzeugungen hineinspielten, war für das Gericht kaum zu verifizieren.

          Vielmehr sprach aus Sicht der Richter einiges dafür, in jener Nacht sei in einer von Angst vor bösen Geistern und von religiöser Übersteigerung aufgeladenen Atmosphäre der Versuch eskaliert, die 41 Jahre alte Seonhwa P. ruhigzustellen. Jedoch nahm das Gericht der Hauptangeklagten, einer Krankenschwester, angesichts schon früher von ihr ausgeübter Teufelsaustreibungen nicht ab, sie sei in Panik geraten, als ihre Kusine in der Nacht begonnen hatte zu schreien („ich bin der Teufel“), um sich zu schlagen und zu beißen.

          Die beiden Frauen und ihre Verwandten waren Stunden zuvor regelrecht in das Hotel geflüchtet, weil sie sich in dem von ihnen angemieteten Haus in Sulzbach von bösen Geistern verfolgt fühlten. Das Haus hatte eigentlich Basis einer neuen Existenz sein sollen. Seonhwa P. und Doean K. wollten, wie es heißt, in Deutschland ein Restaurant betreiben, vielleicht sogar ein Im- und Exportunternehmen aufbauen, ihren Kindern eine gute Schulbildung und das Studium ermöglichen.

          Die Angeklagten haben sich spät und spärlich zu den Vorwürfen geäußert

          Das Leben in der neuen Heimat war aber bestimmt von alten Obsessionen. Nachbarn in dem Taunusstädtchen Sulzbach berichten, die Rollläden seien stets herabgelassen gewesen. Ermittler fanden in dem Anwesen Teelichter auf den Treppen und Getreidekörner auf dem Boden verstreut – offenbar Schutzvorkehrungen gegen Satan und seine Mitstreiter. Als Anzeichen dafür, dass böse Mächte ihr Unwesen trieben, wurden Geräusche in der Wand und „Blutströme“ am Garagentor gedeutet. Tatsächlich blubberte die Heizung, und am Tor hatte Regen Spuren hinterlassen.

          Ob Seonhwa P. in jener Nacht im Hotel ihre Verwandten sogar aufforderte, den Dämon aus ihrem Körper zu vertreiben, blieb offen. Die Angeklagten haben sich spät und spärlich zu den Vorwürfen geäußert. Immerhin räumten alle ein, P. geschlagen, festgehalten und sich auf Brustkorb, Arme und Beine gesetzt zu haben. Dem Pastor einer koreanisch-evangelischen Gemeinde, den die Angeklagten herbeitelefonierten, sagten sie, P., die mit einem Tuch über dem Kopf leblos auf dem Boden lag, gehe es gut, es handele sich um eine „Ohnmacht aus religiösen Gründen“. Sie brauche keinen Arzt, man wolle nur für sie beten.

          An den Verletzungen lässt sich erkennen, dass die Einundvierzigjährige ein Martyrium durchlitt, ehe sie erstickte. Ihr Körper war mit Blutergüssen übersät. Als ein vom Pfarrer alarmierter Sicherheitsmann die Leiche fand, steckten noch ein Handtuch und ein Kleiderbügel in ihrem Mund. Seonhwa P. habe sich auf die Zunge gebissen, man habe das Blut stillen und mit dem Kleiderbügel verhindern wollen, dass sie an ihrer Zunge erstickte, ließ K. als Erklärung vortragen. Tatsächlich „verlegten“ Tuch und Kleiderbügel die Atemwege.

          Das von einigen Medien gezeichnete Bild der Angeklagten als grausame Folterer oder gar Killer habe sich nicht bestätigt, sagte Richter Erlbruch. Sie hätten zwar ein schweres Verbrechen begangen, aber nicht um zu töten, sondern um ihrer Ansicht nach ihre Verwandte von Qualen zu befreien.

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