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Hatun-Sürücü-Prozess : Allahs Mühlen mahlen langsam

Vom eigenen Bruder ermordet: Hatun Sürücü Bild: rbb

Im elften Jahr nach dem „Ehrenmord“ an Hatun Sürücü in Berlin beginnt in Istanbul der Prozess gegen zwei ihrer Brüder.

          4 Min.

          Im Februar 2005 schoss der damals 18 Jahre junge Ayhan Sürücü seiner Schwester Hatun drei Kugeln in den Kopf, weil sie nicht so lebte, wie er und seine Familie es für richtig hielten. Für die Zerstörung des Lebens seiner Schwester musste der Täter einen Teil seines eigenen Lebens aufgeben: Zu neun Jahren und drei Monaten Haft verurteilte ihn das Gericht, und als er im Juli 2014 die Strafe abgesessen hatte, wurde er sofort in die Türkei abgeschoben, denn die von ihm beantragte deutsche Staatsbürgerschaft hatten die Behörden dem Mörder verweigert. Mit dem Flugzeug ging es von Berlin nach Istanbul, wo schon zwei seiner ebenfalls in Berlin aufgewachsenen älteren Brüder lebten.

          Michael Martens
          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Mutlu und Alpaslan Sürücü waren bei dem Prozess im Berliner Landgericht aus Mangel an Beweisen freigesprochen worden und hatten sich einem möglichen weiteren Zugriff der deutschen Justiz in schlauer Voraussicht durch Abreise in die Türkei entzogen. Als der Bundesgerichtshof die Freisprüche unter Verweis auf Rechtsfehler im August 2007 aufhob, mussten sie sich scheinbar keine Sorgen mehr machen, jemals wieder vor einen Richter treten zu müssen, denn die mutmaßlichen Mittäter oder Mitwisser des Mörders haben die türkische Staatsbürgerschaft, und laut Artikel 38 ihrer Verfassung überstellt die Türkei ihre Bürger, wie viele andere Staaten auch, allenfalls an den Internationalen Gerichtshof in Den Haag, nicht aber an normale ausländische Gerichte.

          Damit wäre der Mordfall Hatun Sürücü eigentlich erledigt gewesen – wenn nicht die türkische Justiz den Fall von sich aus aufgegriffen hätte. Im Juli 2013 stellte die Berliner Staatsanwaltschaft den türkischen Behörden sämtliche relevanten Akten zu dem Fall zu Verfügung. Die Staatsanwaltschaft in Istanbul hatte zuvor ein Rechtshilfeersuchen an Berlin gerichtet, um ein eigenes Verfahren gegen die Brüder Sürücü eröffnen zu können. Am Dienstag, im elften Jahr nach dem Mord an der alleinerziehenden geschiedenen Mutter und angehenden Elektroinstallateurin Hatun Sürücü, begann nun an einem Gericht auf der asiatischen Seite Istanbuls der Prozess gegen die Brüder.

          „Unüberlegt gehandelt“

          Die Staatsanwaltschaft bezichtigt die Männer, ihren jüngsten Bruder mit der Hinrichtung der unbotmäßigen Schwester beauftragt und die Tatwaffe besorgt zu haben. Der Mörder von Hatun Sürücü, der in Istanbul wegen der schon verbüßten Strafe in Deutschland nicht angeklagt ist, bestritt zum Prozessbeginn jedoch, dass seine Brüder ihn zu der Tat angestiftet oder sie ihm gar befohlen hätten. Nein, sagte Ayhan Sürücü nun in Istanbul aus, er habe den Mord ganz allein begangen und sich auch die Waffe dazu selbst besorgt. Seine Brüder hätten ihm weder geholfen noch ihn dazu ermutigt. Während er nach seiner Verurteilung deutschen Journalisten noch gesagt hatte, er habe seine Schwester wegen ihres Lebensstils ermordet, behauptete er vor den türkischen Richtern nun, es habe sich um eine spontane Tat gehandelt. „Das ist eine Straftat, die ich in meiner Jugend unüberlegt verübt habe“, sagte er und drückte sein Bedauern darüber aus, dass seine Familie seinetwegen habe leiden müssen.

          Wie die Darstellung, er habe den Mord gleichsam im Affekt begangen, dazu passt, dass er seine Schwester bewaffnet aufsuchte, werden die Richter in Istanbul klären müssen. In den aus Berlin überstellten Gerichtsakten werden sie dazu die Aussage von Ayhan Sürücü finden, er habe „schon immer“ eine Waffe besitzen wollen und diese ohne Hilfe seiner Brüder für 800 Euro bei einem Russen am Bahnhof Zoo gekauft. Im Görlitzer Park habe er dann Schießübungen gemacht – so Ayhan Sürücü in Berlin. In Istanbul waren solche Details am ersten Verhandlungstag noch kein Thema.

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