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Hanfplantagen in Holland : Verdacht auf dem Dach

Einsichtig: Wo der Schnee taut, wird Cannabis angebaut. Bild: Polizei Haarlem

Bei dem Anbau von Cannabis drückt die niederländische Polizei gerne mal ein Auge zu - bis zu einer gewissen Menge. Wer mehr züchten will, für den wird es schnell ungemütlich. Jetzt ruft sie dazu auf, Besitzer häuslicher Hanfplantagen anzuzeigen.

          Etwas verbieten, es aber tolerieren, solange die Dinge nicht aus dem Ruder laufen – das ist der Kern der „Duldungspolitik“ in den Niederlanden. Eine frühe Variante dieser Mentalität war nach der Reformation die Einstellung der Kalvinisten gegenüber den – durchaus zahlreichen – Angehörigen anderer Konfessionen. Katholiken durften katholisch sein, sollten es aber nicht zeigen. „Versteckkirchen“ entstanden, getarnte Gotteshäuser in Scheunen, Lagerhäusern und anderswo. In Amsterdam ist heute noch die Kirche „Unser Lieber Herr auf dem Dachboden“ zu besichtigen, als Museum in einem Grachtenhaus in der Innenstadt.

          Klaus Max Smolka

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Das wohl bekannteste moderne Beispiel der Duldung sind die Coffeeshops, die auch das Interesse vieler Deutscher wecken. „Sie bedeutet, dass der Verkauf weicher Drogen in Coffeeshops zwar strafbar ist, der Staatsanwalt die Coffeeshops aber nicht verfolgt“, erläutert die Regierungsbehörde. Die Kiffkneipe muss sich nur an ein paar Regeln halten: keinen Ärger verursachen, keine Werbung machen, nicht an Minderjährige verkaufen und an niemanden harte Drogen. Ebenso kann sich der Bürger auf das zugedrückte Auge der Justiz verlassen, wenn er maximal fünf Gramm Cannabis besitzt. Oder bis zu fünf Hanfpflanzen für den Eigenkonsum. Wobei die Polizei das Kraut dennoch beschlagnahmen kann. Züchtet einer mehr, zeigt die Obrigkeit keine Nachsicht. Und das kann im Winter zum Problem werden, wenn es schneit. Wer die Pflanzen unterm Dach aufzieht, verrät sich, weil ein schneeloser Fleck auf dem Dach entsteht, denn das Cannabis braucht Wärme.

          Dieser Tage entdeckte die Polizei so häusliche Hanfplantagen in Heteren bei Arnheim, in Zutphen und Arkel nahe Gorinchem. In Haarlem ging die Polizei jetzt noch weiter: Auf Twitter forderte sie die Bürger zur Anzeige auf. „Kein Schnee auf dem Dach der Nachbarn?“ heißt es neben einem entsprechenden Foto. „Den Verdacht können sie auch anonym melden unter 0800-7000“ – jener Telefonnummer, die anonyme Tipps von Informanten entgegennimmt. Das gefällt nicht jedem. Janneke Steenbrink twitterte, der schneefreie Fleck könne auch von einem Wäschetrockner oder anderweitig verursacht sein. „Vielleicht versucht man es erst mal mit einem Nachbarsplausch?“ Die Polizei dagegen: „Wenn das Ihre Wohnung ist und das kommt durch den Trockner, sollten die Nachbarn eher die Feuerwehr anrufen.“

          In Deutschland meldet sich „Keinwietpas“ zu Wort, eine Website zur Cannabispolitik im Nachbarland. Sie greift das Hoffmann von Fallersleben zugeschriebene Zitat auf: „Der größte Lump im ganzen Land, das ist und bleibt der Denunziant.“

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