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Hamburger „Ehrenmord“ : „Sie war doch meine Schwester, ich habe sie geliebt“

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Der Angeklagte Ahmad-Sobair O. im vergangenen Dezember im Hamburger Landgericht Bild: ddp

Im Mai 2008 erstach Ahmad-Sobair O. seine Schwester Morsal. Während die Anklage lebenslange Haft fordert, gehen die Anwälte des Deutsch-Afghanen von Totschlag aus. „Mord im Namen der Ehre“ nennt die Staatsanwaltschaft die Tat.

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          Das letzte Wort im sogenannten Ehrenmord-Prozess vor dem Hamburger Landgericht hatte am Donnerstag der Angeklagte: „Es tut mir aus tiefstem Herzen leid, was passiert ist“, sagte der Deutsch-Afghane Ahmad-Sobair O. mit zittriger Stimme. Es war der vorläufige Schlusspunkt in einem Verfahren, in dem die Kammer am 13. Februar voraussichtlich das Urteil verkünden wird. Zuvor hatten Staatsanwaltschaft und Verteidigung ihre Plädoyers vorgetragen. Während die Anklage lebenslange Haft forderte, gehen die Anwälte des 24 Jahre alten Mannes von Totschlag aus.

          Wieder einmal rang Ahmad-Sobair O. mit seiner Fassung: Er habe nicht den Vorsatz gehabt, seine 16 Jahre alte Schwester Morsal O. am 15. Mai 2008 auf einem Parkplatz im Stadtteil St. Georg umzubringen. „Sie war doch meine Schwester, ich habe sie geliebt“, fügte der Mann unter Tränen hinzu. Der Deutsch-Afghane hatte sich damals Stunden nach der Tat der Polizei gestellt und in einer Vernehmung das Verbrechen gestanden. Während des Verfahrens hatte er bisher geschwiegen. In den Augen der Staatsanwaltschaft kommt die Einsicht des Angeklagten zu spät. Auch wenn er den Begriff „Ehrenmord“ nicht möge, so handele es sich dennoch um einen „Mord im Namen der Ehre“, sagte Staatsanwalt Boris Bochnick in seinem Plädoyer. Es habe allerdings nichts mit Ehre zu tun, wenn ein Mann einer Frau mit einem Dolch seinen Lebensstil aufzwingen wollte. „Das ist finsterstes Mittelalter“, so Bochnick.

          „Heimtückisch und aus niedrigen Beweggründen ermordet“

          Weil Morsal O. die gleichen Rechte wie ihre deutschen Freundinnen genießen wollte, fühlte sich Ahmad-Sobair O. in der Pflicht, die Ehre der patriarchalisch geprägten Familie wiederherzustellen. Laut Bochnick traf sich der mehrfach vorbestrafte Angeklagte am 15. Mai „in Tötungsabsicht“ mit seiner Schwester. Er habe sie dann nach einem Wortwechsel mit 23 Messerstichen „heimtückisch und aus niedrigen Beweggründen ermordet“, sagte der Staatsanwalt. Morsal O. habe keine Überlebenschance gehabt. Das sei ein „Mord mit Ansage“ gewesen, eine Tat auf „niedrigster sozialer Stufe“. Dafür müsse eine lebenslange Freiheitsstrafe verhängt werden. Zuvor hatten die Richter den Antrag der Staatsanwaltschaft als unbegründet zurückgewiesen, eine vom Gericht bestellte psychiatrische Gutachterin wegen Befangenheit von dem Verfahren auszuschließen.

          Morsal O. wurde von ihrem Bruder im Mai 2008 erstochen
          Morsal O. wurde von ihrem Bruder im Mai 2008 erstochen : Bild: dpa

          Nach Auffassung der Verteidigung hat die Hauptverhandlung mit Hilfe dieses Gutachtens ergeben, dass Ahmad-Sobair O. wegen einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung vermindert schuldfähig ist. Folglich plädierten seine Verteidiger Hartmut Jacobi und Thomas Bliwier auf Totschlag im Affekt. „Dies war kein Mord wegen der Ehre, sondern eine Familientragödie“, sagte Jacobi. Bliwier zufolge liegt der „Schlüssel zu dieser furchtbaren Straftat“ in einer Mischung aus der Persönlichkeitsstörung des Angeklagten und der jahrelangen Hassliebe unter den Geschwistern. Die Verteidigung sehe weder eine vorsätzlich geplante Tat oder gar einen Familienauftrag noch Heimtücke und niedere Beweggründe. Diese Sichtweise hatte die umstrittene Gutachterin in ihrem Bericht gestützt. Danach reagierte der Angeklagten auf kleinste Kränkungen mit explosiven Gewaltausbrüchen.

          Der Fall hatte bundesweit für Entsetzen gesorgt. Morsal O. soll bereits vor der Tat seit mehreren Jahren unter dem Druck ihrer Familie gelitten haben, weil diese ihren westlich orientierten Lebensstil missbilligte. Das Mädchen hatte mehrfach in Einrichtungen des Jugendnotdienstes Hilfe gesucht. Zudem hatte die 16-Jährige ihren Bruder bereits mehrmals angezeigt, die Anzeigen aber stets zurückgezogen. Sollte Ahmad-Sobair O. wegen Totschlags statt Mordes verurteilt werden, droht ihm nach Angaben einer Gerichtssprecherin eine Freiheitsstrafe zwischen 5 und 15 Jahren. Wenn ihm zusätzlich eine verminderte Schuldfähigkeit attestiert wird, müsse er mit einer Haft zwischen zwei und gut elf Jahren rechnen. Doch auch ohne die Entscheidung des Gerichts wird der Deutsch-Afghane „jahrelang an dem Schmerz zu tragen haben“, erklärte er in seinem Schlusswort.

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