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Corona und häusliche Gewalt : Keine Gelegenheit zur Flucht

  • -Aktualisiert am

Eine Frau blickt in einem Frauenhaus aus dem Fenster (Archivbild). Bild: dpa

Zu Beginn der Krise warnte Familienministerin Franziska Giffey vor einer Zunahme häuslicher Gewalt. Wie hat sich die Lage in den deutschen Frauenhäusern entwickelt?

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          Als die 14 Tage Quarantäne endlich vorbei waren, sei sie froh gewesen, sagt Ruth Syren, Leiterin des Frauen- und Kinderschutzhauses Heckertstift in Mannheim. „Es war schon sehr eng.“ Nach einem Infektionsfall Ende März durften die 25 Frauen und Kinder, die das Haus zu diesem Zeitpunkt bewohnten, ihre Zuflucht zwei Wochen lang nicht verlassen. Caritas-Mitarbeiter und Ehrenamtliche brachten Lebensmittel und Hygieneartikel. Die Plätze im Haus hatte Syren schon im Vorfeld reduziert, normalerweise können dort bis zu 38 Personen untergebracht werden.  

          Die Quarantäne bedeutete auch einen Aufnahmestopp. Abweisen musste Syren in der Zeit zum Glück niemanden. „Wir konnten die telefonischen Anfragen beantworten und Frauen an andere Häuser weitervermitteln“, sagt sie. Außerdem seien die Anfragen für Aufnahmen ins Frauenhaus massiv zurückgegangen: Nur halb so viele Frauen wie gewöhnlich baten um Schutz, berichtet Syren. „Dieser eklatante Rückgang hat uns alle beunruhigt.“

          Sylvia Haller von der Zentralen Informationsstelle Autonomer Frauenhäuser (ZIF) vermutet: „Die Anfragen sind zurückgegangen, weil die Frauen weniger Gelegenheit haben, sich an uns zu wenden, wenn die Männer immer zu Hause sind.“ Sie könnten nicht packen, nichts organisieren, wenn der Täter neben ihnen sitzt. Die soziale Isolation verhindere, dass die Frauen sich bei Familienmitgliedern oder Freunden Hilfe suchen könnten. Zudem vermutet sie, dass manche Betroffene Angst vor dem Infektionsrisiko und den Lebensumständen in der beengten Zuflucht haben könnten.

          150 Beratungen pro Tag

          Bundesweit einheitlich ist dieses Bild jedoch nicht. An manchen Orten blieb die Menge der Anfragen für einen Platz gleich, an anderen nahmen sie stark zu, andernorts sank sie gar, berichtet der Verein Frauenhauskoordinierung. Zugleich nahm jedoch die Nachfrage nach Beratung deutlich zu. Das bundesweite Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ gibt für die letzten Wochen einen Anstieg der Beratungsanfragen um 20 Prozent an – das gilt für online und telefonisch durchgeführte Beratungen. Allein 2019 führten die Mitarbeiter des Hilfetelefons 44.700 Beratungen durch – das sind 122 Gespräche pro Tag. In den vergangenen Wochen dürften es täglich fast 150 gewesen sein.

          Die Entwicklung der Beratungskontakte beim Hilfetelefon seien aber nur begrenzt als Indikator für einen Anstieg der Fallzahlen bei häuslicher Gewalt geeignet, sagt Antje Mäder vom Hilfetelefon. „Die Zahlen vermitteln nur, in welchem Ausmaß Menschen Kontakt zum Hilfetelefon aufnehmen können.“

          Das deutsche Bundeskriminalamt kann noch keine Zahlen nennen oder Trendaussagen zu Notrufen oder Wohnungsverweisen für gewalttätige Partner treffen. Der kriminalstatistische Bericht zu Partnerschaftsgewalt wird normalerweise im November des Folgejahres veröffentlicht. Für 2020 dürften also erst Ende 2021 Zahlen publiziert werden. Auch dann bleibt ein großes Dunkelfeld.

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