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Nach Gruppenvergewaltigung : Sie fühlte sich, als hätte sie keine Ehre

Ein langwieriger Prozess: Justizbeamte stehen im August am letzten Verhandlungstag vor der Sommerpause im Gerichtssaal des Landgerichts in Freiburg. Bild: dpa

Auch 15 Monate nach einer mutmaßlichen Gruppenvergewaltigung liegen die Ereignisse der Tatnacht im Dunkeln. Die Suche nach der Wahrheit geht am Freitag im Landgericht Freiburg weiter.

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          Der Tatort war ein schmaler Rasenstreifen in der Nähe einer Freiburger Techno-Disko. 15 Monate liegt die mutmaßlich mehrfache Vergewaltigung einer 18 Jahre alten Studentin durch mehrere Männer in einem Gewerbegebiet der Universitätsstadt nun zurück. Politiker sprachen von „Tunichtguten“ und „Männerhorden“, Abschiebehaft kann nun leichter angeordnet werden, in Freiburg gibt es einen regionalen Stab „Gefährliche Ausländer“. Vor dem Freiburger Landgericht wird seit sieben Monaten gegen elf Männer verhandelt. Die Zeugenvernehmung ist weitgehend abgeschlossen, aber vor Ende März ist kein Urteil zu erwarten.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Einige Strafverteidiger haben die heftige politische Diskussion und die Berichterstattung über den Fall als voreingenommen und vorverurteilend empfunden. Verteidiger und Angeklagte sind bedroht worden, erstere von Rechtsextremisten, letztere in den Justizvollzugsanstalten von Mithäftlingen. Polizei und Staatsanwaltschaft standen im Oktober 2018 unter einem hohen Erwartungsdruck, denn in Freiburg geschah auch der Mord an Maria L. im Jahr 2016. Schon seit 2014 gab es in der Stadt immer wieder Probleme mit kriminellen, minderjährigen Flüchtlingen. „Es gab auch in den Medien und von Politikern einige Schnellschüsse, die nicht dazu beigetragen haben, die Verdächtigen vor einer Vorverurteilung zu schützen“, sagt der Verteidiger Jörg Ritzel. Auch mehrere Monate nach dem Prozessauftakt stehe immer noch Aussage gegen Aussage.

          Viele Angeklagte bereits vorbestraft

          Der Aufwand für die Beweisaufnahme im Hauptverfahren ist dementsprechend groß: elf Strafverteidiger, fünf Sachverständige, fünf Mitglieder der Kammer, zwei Staatsanwälte, zahlreiche Zeugen, fünf Gutachter, Nebenklagevertreterin, langwierige Diskussionen über DNA-Spuren und die Wirkung von Drogen wie Ecstasy und Alkohol, weil die Achtzehnjährige während der mutmaßlichen Vergewaltigungen stark berauscht war.

          Dem Hauptangeklagten Majid H. wirft die Staatsanwaltschaft Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz und Anstiftung zur Vergewaltigung vor. Von den Angeklagten sind acht syrische Staatsbürger, einer stammt aus Algerien, einer aus dem Irak, einer aus Deutschland, er soll ebenfalls einen Migrationshintergrund haben. Viele Angeklagte sind vorbestraft, auch ihre Verteidiger bestreiten nicht, dass ihre Mandanten fast durchweg ein vormodernes Frauenbild haben.

          Drei Angeklagte wurden mittlerweile aus der Untersuchungshaft entlassen, weil kein dringender Tatverdacht mehr besteht, bei einem ließ die Staatsanwaltschaft den Tatvorwurf der Vergewaltigung fallen. Die Verteidigung ist der Auffassung, dass der Geschlechtsverkehr einvernehmlich stattgefunden hat. Ein Ermittlungsrichter sagte hierzu: „Ich habe in meiner ganzen Zeit als Richter noch nie einen Fall erlebt, bei dem eine Frau auf dem Rücken lag und fremde Männer zum Sex aufgefordert hat.“ In einer nichtöffentlichen Vernehmung bestätigte das Opfer offenbar in wesentlichen Zügen die Anklage der Staatsanwaltschaft. Ein medizinisches Gutachten attestierte der Studentin an den Oberarmen lange Kratzer und Hämatome, die durch gewaltsames Festhalten entstehen. Leider haben die Ermittler bislang keine Videoaufnahmen aus der schrecklichen Nacht gefunden, immerhin gibt es aber eine Tonaufnahme, in der die Studentin folgendes sagt: „Ich fühle mich entehrt, als hätte ich keine Ehre. Womit hat man das verdient?“

          Wenige Beweise und nur zwei Zeugenaussagen

          Nach 30 Verhandlungstagen ist aus dem „Konglomerat des Nichtwissens“, wie ein Verteidiger formulierte, nicht mal eine halbwegs vollständige Rekonstruktion der Tatnacht geworden. Das hat viele Gründe: Von den elf Angeklagten haben nur Majid H. und Timo P. kurze Aussagen gemacht und sich darauf zurückgezogen, der Frau keine Gewalt angetan zu haben. Außerdem ist immer noch unklar, welche Wirkungen die Drogen auf das Opfer hatten: War sie hierdurch willen- und wehrlos? Oder erregt? Über WhatsApp- und SMS-Chats ist nicht dokumentiert, wie die elf Verdächtigen in der Tatnacht miteinander gesprochen haben. „Ficken“ oder „Nutte“ scheint in der Sprache der Angeklagten ohnehin mindestens jedes dritte Wort, ob es Absprachen unter den jungen Männern gab, lässt sich nur anhand weniger, dürftiger Zeugenaussagen rekonstruieren.

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