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Großrazzia und Festnahmen : GSG 9 stürmt Haus von Hannoveraner Chef der „Hells Angels“

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„Das Überraschungsmoment ist voll gelungen“, sagte der Polizeisprecher. Bild: dpa

Im Zuge einer groß angelegten Razzia in der norddeutschen Rockerszene hat es am Donnerstag mehrere Festnahmen gegeben. Spezialkräfte der GSG9 stürmten auch das Privathaus von Hannovers „Hells Angels“-Chef Frank Hanebuth.

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          Mit einem gewaltigen Aufgebot von 1200 Beamten und dem Einsatz der Spezialeinheit GSG 9 hat die Polizei in Norddeutschland Stützpunkte des Rockerclubs Hells Angels durchsucht. Schwerpunkt des Großeinsatzes gegen die Rockerkriminalität war der Raum Kiel. Rund 80 Objekte – insbesondere Bordelle, Gaststätten und Wohnungen – seien betroffen, hieß es. Spezialkräfte zersplitterten die Eingangsglastür zum Eros-Center in Kiel mit einem Rammbock. „Das Überraschungsmoment ist voll gelungen“, sagte der Polizeisprecher. Gegen 9.00 Uhr trugen Sicherheitskräfte Pappkartons mit beschlagnahmten Unterlagen davon. Festnahmen habe es im Kieler Rotlichtbezirk nicht gegeben. In Niedersachsen stürmten GSG-9-Beamte das Privathaus von Hannovers Hells-Angels-Boss Frank Hanebuth. Polizisten seilten sich von einem Hubschrauber ab. Fünf führende Mitglieder der verbotenen Kieler „Hells Angels“ wurden verhaftet, berichteten Polizei und Staatsanwaltschaft in Kiel.

          Gegen zwei weitere Mitglieder des Chapters, die bereits in Haft saßen, wurden weitere Haftbefehle ausgestellt. Die Vorwürfe: Menschenhandel, Korruption, Körperverletzung und Waffenhandel – auch mit Rechtsradikalen. Insgesamt führt die Staatsanwaltschaft 194 Ermittlungsverfahren gegen 69 Beschuldigte. Im Rahmen der Null-Toleranz-Strategie gegen Rocker-Kriminalität trete die Polizei so stark auf, sagte ein Polizeisprecher. In Schleswig-Holstein unterstützen auch Spezialkräfte aus Hamburg den Einsatz. Im April 2010 war bereits ein Verein der „Hells Angels“ in Flensburg und ein weiterer der konkurrierenden Gruppierung „Bandidos“ in Neumünster aufgelöst worden. Ein Mitarbeiter des Justizvollzugsdienstes, einer der Stadt Kiel und ein Polizist sollen gegen Geld Informationen an Hells Angels in Kiel herausgegeben haben. Die Ermittler bestätigten, dass bei der Razzia auch nach dem seit zwei Jahren vermissten Tekin Bicer (47) aus Kiel-Gaarden gesucht wurde. Die Polizei geht von einem Verbrechen aus. In einer Lagerhalle in Altenholz wurde mit Spürhunden nach Bicer gesucht.

          Zwei Polizisten während der Razzia vor dem Haus von Frank Hanebuth.
          Zwei Polizisten während der Razzia vor dem Haus von Frank Hanebuth. : Bild: dpa

          Spezialeinsatzkräfte nahmen sich auch das Privathaus von Hannovers Hells-Angels-Chef Frank Hanebuth vor. Gegen 5.00 Uhr morgens kreiste ein Hubschrauber über seinem mit Stacheldraht gesicherten Anwesen in Bissendorf-Wietze nördlich von Hannover. Spezialeinsatzkräfte der GSG 9 seilten sich von dem Helikopter ab, weitere Beamte der Antiterror-Einheit brachen das Holztor auf und drangen auf das Gelände ein. Der Rockerchef war nach Angaben der Polizei während der Aktion in seinem Haus. Ermittler trugen am Vormittag bereits Koffer und Rucksäcke von dem Grundstück. Mit Sturmhauben maskierte Beamte standen während der Durchsuchung mit Maschinenpistolen vor dem aufgebrochenen Holzeingangstor.

          Der Hells-Angels-Chef von Hannover gilt in Ermittlerkreisen als einer der einflussreichsten Mitglieder der Rockerbande bundesweit. Ihm wird vorgeworfen, von den Delikten des Kieler Chapters der Hells Angels gewusst oder sie sogar angestiftet zu haben. Der Rocker äußerte sich über seine Anwalt Götz von Fromberg: „Er weist die Vorwürfe als völlig abwegig zurück.“ Sein Mandant habe damit nichts zu tun, er kenne die Leute gar nicht, betonte von Fromberg. „Der erste Zugriff war sehr massiv und unverhältnismäßig“, kritisierte der Anwalt. Die Spezialkräfte der Polizei hätten Türen eingetreten und vor den Augen von Hanebuths Sohn einen Welpen erschossen. Die Gespräche mit dem Staatsanwalt danach hätten in ruhiger, sachlicher Atmosphäre stattgefunden.

          Mit einem Rammbock zersplitterten Polizisten die Eingangstür zum Eros-Center.
          Mit einem Rammbock zersplitterten Polizisten die Eingangstür zum Eros-Center. : Bild: dapd

          Im November hatte Hanebuth angekündigt, sich aus Hannovers Rotlichtviertel am Steintor zurückzuziehen. Die Polizei will ein Verbot der Hells Angels in der niedersächsischen Landeshauptstadt erreichen. „Wir arbeiten daran, Erkenntnisse zu einem Verbot der Angels in Niedersachsen beizutragen. Es ist auch erklärtes Ziel des Innenministers, zu einem Verbot zu kommen, wenn die rechtlichen Voraussetzungen dafür gegeben sind“, sagte Hannovers Polizei-Vizepräsident Thomas Rochell. Die Hells Angels mit ihrem Emblem des geflügelten Totenkopfes gelten als mitgliederstärkster Rockerclub in Welt. Sie waren in der Vergangenheit in Deutschland immer wieder wegen Verbrechen, brutalen Konkurrenzkämpfen gegen andere Rockerbanden oder wegen Verboten ihrer Chapter in die Schlagzeilen geraten.

          Am vergangenen Freitag hatte die Kieler Polizei die 120 Teilnehmer einer Rockerfeier kontrolliert. Gegen zwei Personen lagen Vollstreckungshaftbefehle vor. Zwei weitere Teilnehmer wurden wegen Verstoßes gegen das Waffengesetz angezeigt. Bei ihnen hatten die Beamten verbotene Stichwaffen gefunden. Die Rockergruppe der „Mongols“ hatte ihr einjähriges Bestehen in Kiel gefeiert.

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