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Belgien und Niederlande : Ermittlern gelingt Schlag gegen Krypto-Dienst

Schlag gegen das organisierte Verbrechen: Jonne Janssen, Leiterin der Amsterdamer Kriminalpolizei, spricht am Dienstag in Amsterdam bei einer Pressekonferenz. Bild: dpa

Die belgische Polizei hat 200 Objekte durchsucht, Verdächtige festgenommen, Bargeld und Waffen sichergestellt. Die Ermittler sollen zwei Jahre lang ein verschlüsseltes Kommunikationsnetz abgehört haben, das vor allem Rauschgiftbanden nutzten.

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          Die belgische Polizei ist am Dienstag mit der größten Razzia ihrer Geschichte gegen einen verschlüsselten Telefondienst vorgegangen, der vom organisierten Verbrechen genutzt wird. Wie die Staatsanwaltschaft mitteilte, waren 1400 Polizisten im Einsatz, sie durchsuchten etwa 200 Objekte, davon zwanzig mit Spezialeinheiten. Bis zum Abend wurden 48 Personen festgenommen. Die Beamten stellten 17 Tonnen Kokain sicher, 1,2 Millionen Euro in bar und 15 Waffen.

          Thomas Gutschker
          Politischer Korrespondent für die Europäische Union, die Nato und die Benelux-Länder mit Sitz in Brüssel.

          Der Einsatz konzentrierte sich auf die Provinzen Antwerpen und Limburg, beide liegen an der Grenze zu den Niederlanden und sind Hauptumschlagplätze von Rauschmitteln. Die niederländische Polizei durchsuchte ihrerseits 57 Wohnungen und nahm 30 Personen fest.

          Den Fahndern war es Ende 2018 gelungen, in das verschlüsselte Kommunikationsnetzwerk SKY ECC einzudringen, das von den Vereinigten Staaten und Kanada aus betrieben wird und nach ihrer Darstellung von Kriminellen verwendet wird. Die Ermittler fingen eine Milliarde Nachrichten ab, von denen sie bisher die Hälfte entschlüsselt haben.

          Seit Mitte Februar konnten sie die Kommunikation bis zum Zugriff am Dienstag live mitlesen und so schwere Verbrechen verhindern, in Belgien wie in den Niederlanden. „Während der Live-Phase wurden allein in den Niederlanden Dutzende geplante schwere Gewaltverbrechen, darunter Entführungen, Morde und Schießereien verhindert“, teilte die Polizei mit. Die Server von SKY ECC wurden am Dienstag beschlagnahmt.

          Nach Angaben der belgischen Staatsanwaltschaft befindet sich der Verschlüsselungsdienst auf weltweit 171.000 Telefonen. Ein Viertel von deren Nutzern hält sich in den Niederlanden (12.000) und Belgien (6000) auf. Der Anbieter war ein Konkurrent von EncroChat, das im vorigen Jahr zerschlagen und ebenfalls von der organisierten Kriminalität genutzt worden war.

          Das Netzwerk bot eine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung, auf den Mobiltelefonen wurden sämtliche Zusatzfunktionen wie Kameras, Mikrofone und Satellitennavigation deaktiviert. Wurde ein Telefon konfisziert, konnten die Daten aus der Ferne gelöscht werden. Die Nutzer verschickten Textnachrichten und Bilder; pro Tag waren es drei Millionen Nachrichten weltweit. Die Ermittler bekamen mit, wie Banden Verabredungen trafen, Geschäfte abwickelten und sich zu schwersten Straftaten verabredeten.

          Zuvor war es schon der französischen und niederländischen Polizei gelungen, das ähnlich angelegte Netzwerk EncroChat zu hacken. Die Ermittler sollen in zwei Jahren mehr als hundert Millionen Botschaften mitgelesen haben. „Es war so, als hätten wir bei den Gesprächen der Kriminellen mit am Tisch gesessen“, sagte die Chefin der niederländischen Polizei Janine van den Berg, nachdem die Ermittler im Juli 2020 den Kommunikationsdienst zerschlagen hatten.

          Sie entdeckten zahlreiche Rauschgiftlabore in mehreren Staaten und wurden auch auf eine Folterkammer in Nord-Brabant aufmerksam. Nach jüngsten Erkenntnissen der Ermittler plante eine Bande, dort mindestens sieben Personen aus einem verfeindeten Drogenkartell zu ermorden. Die Kämpfe zwischen den verfeindeten Clans werden seit einiger Zeit zunehmend gewalttätig ausgetragen. In Antwerpen detonierten im vorigen Jahr mehrere Sprengsätze und Handgranaten.

          Der Hafen von Antwerpen hat sich zu einem der wichtigsten Umschlagplätze für Rauschgift in Europa entwickelt.
          Der Hafen von Antwerpen hat sich zu einem der wichtigsten Umschlagplätze für Rauschgift in Europa entwickelt. : Bild: AP

          Die Hälfte der belgischen Nutzer hielt sich nach Angaben der Staatsanwaltschaft in der Provinz Antwerpen auf, „im Hafen und in seiner Umgebung“. Der Hafen hat sich in den vergangenen Jahren zu einem der wichtigsten Umschlagplätze für Rauschgift in Europa entwickelt. Dort wurden im vorigen Jahr 65,5 Tonnen Kokain sichergestellt, die aus Südamerika eingeführt wurden, in der Regel aus Kolumbien, Brasilien und Ecuador. Das Volumen ist seit 2013 um das Vierzehnfache gestiegen. Die belgische und niederländische Provinz Limburg im Dreiländereck zu Deutschland ist ein wichtiges Zentrum für die Herstellung synthetischer Rauschmittel wie Ecstasy und Speed.

          Der bisher größte belgische Polizeieinsatz mit 1200 Beamten richtete sich im Mai 2019 gegen einen Ring krimineller Gebrauchtwagenhändler. Auch denen kam die Polizei auf die Spur, nachdem sie in ein verschlüsseltes Telefonnetz eingedrungen war.

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