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Berliner Goldmünzen-Diebe : „Dreistigkeit besonderer Güte“

Die 100 Kilogramm schwere Goldmünze «Big Maple Leaf» steht im Bode-Museum in Berlin. (Archiv) Bild: dpa

Nach dem spektakulären Diebstahl einer Goldmünze sind drei Angeklagte zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt worden. Einer der Männer hatte dort als Wachmann gearbeitet und Insiderwissen geliefert.

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          Es sei ein „spektakulärer Coup“ gewesen, „das Ding ging ja um die Welt“, sagt Richterin Dorothee Prüfer am Donnerstag im Landgericht Berlin. Das Ding, das war der Diebstahl einer 100 Kilo schweren Goldmünze aus dem Bode-Museum im Herzen Berlins. Ihr Goldwert betrug 3,3 Millionen Euro. Doch in der Nacht auf den 27. März 2017 wurde die Münze gestohlen. Die Täter gingen mit einer „Dreistigkeit besonderer Güte“ vor, sagt die Richterin. Vor einem Jahr hatte der Prozess gegen vier Angeklagte begonnen. Er endete am Donnerstag mit mehrjährigen Haftstrafen für drei Angeklagte wegen Diebstahls in einem besonders schweren Fall – und einem Freispruch.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Die Cousins Achmed und Wissam R., 22 und 23 Jahre alt, wurden zu Haftstrafen nach Jugendstrafrecht von vier Jahren und sechs Monaten verurteilt. Beide gehören zu einer einschlägig bekannten Großfamilie. Deren kriminelle Mitglieder sind in Berlin durch Aufsehen erregende Straftaten vom Bankraub bis zum Mord berüchtigt. Verurteilt zu drei Jahren und vier Monaten Haft wurde zudem der 21 Jahre alte Denis W. Er hatte als Wachmann im Bode-Museum das Insiderwissen geliefert, durch das die Tat möglich wurde. Freigesprochen wurde hingegen Wayci R., der 25 Jahre alte Bruder eines Verurteilten. Ihm konnte eine Tatbeteiligung nicht nachgewiesen werden.

          Denis W. hatte drei Wochen vor der Tat als Wachmann im Museum angefangen. Er erzählte seinem Freund Achmed, so stellt es die Richterin dar, von der Goldmünze Maple Leaf, deren Wert im Museum auf einem Schild zu lesen war. Achmed beschloss, die Münze zu stehlen. Es war der „Coup seines Lebens, so jung und schon Millionär“, beschreibt die Richterin sein Motiv. Achmed R. zog seinen Cousin Wissam hinzu, mit dem er schon anderweitig tätig gewesen war. Denis W. lieferte die Informationen über Wege im Museum, Türen, Rundgänge des Wachmanns. Er wusste, dass das Fenster im Umkleideraum nicht in die Alarmanlage integriert war – „die einzige Lücke im Sicherheitssystem“ des Museums, wie die Richterin sagte. Und W. sorgte dafür, dass ein Flügel des Fensters zum Umkleideraum nicht verschlossen war.

          Vor dem Einbruch in das Museum erkundeten Achmed und Wissam R. sowie ein weiterer Täter zweimal die Lage. Sie begaben sich vom U-Bahnhof Hackescher Markt über die Gleise zum Museum. Beim zweiten Mal, der „Generalprobe“, öffneten sie das Fenster, ohne dass die Alarmanlage ansprang. Am 27. März stiegen sie nachts über eine Leiter ins Museum ein, als der Wachmann einen Kontrollgang machte und die Alarmanlage ausgeschaltet war. Die Türen hielten sie mit Keilen offen. Sie zerschlugen die Vitrine aus Sicherheitsglas, in der die Münze sich befand und hievten sie auf ein Rollbrett. Sie kippten sie aus dem Fenster auf die Gleise, schafften sie in einer Schubkarre bis an den Rand des Gleisbetts, warfen sie in einen angrenzenden Park hinunter und kletterten an einem Seil hinterher. Die Münze wurde mit einem Auto abtransportiert und später zerteilt.

          Für die Indizien war das Zerteilen von entscheidender Bedeutung. Goldspäne, die wegen ihrer Reinheit eindeutig von der Münze stammten, wurden in der Wohnung von Achmed R. und an Kleidungsstücken gefunden. Auch ein Zettel, auf dem Grammangaben und daneben Werte standen, die dem aktuellen Goldwert entsprachen. Bei Wissam R. fand man einen Handschuh mit einem Glassplitter der Vitrine aus dem Museum. Zudem wurde seine DNA an dem Seil gefunden, dass die Täter zurücklassen mussten. Auch eine Armani-Jacke, die auf einem Überwachungsvideo der Kameras im S-Bahn-Bereich zu sehen war, konnte sichergestellt werden – bei ihr hing das Innenfutter heraus. Von Denis W. konnten DNA-Spuren an dem Fenster sichergestellt werden, das er für seine Komplizen offengelassen hatte.

          Von Achmed und Wissam R. werden dem Urteil zufolge 3,3 Millionen Euro als Wertersatz eingezogen. Zudem tragen die Verurteilten die Kosten des Verfahrens. Sie hätten gut verdient, „da dürfte noch etwas übrig sein“, sagt die Richterin. Sie geht auch auf die „Karriere“ der Verurteilten ein. Denis W. beging mit gefälschten Nummernschildern Tankbetrug, als er schon im Museum arbeitete. Achmed R. war schon früh durch Gewalttaten, Diebstähle und Körperverletzung aufgefallen. Einzelfallhilfe und Kompetenztraining seien „nicht ganz erfolgreich“ gewesen, sagt die Richterin. Wissam R. verließ wie sein Cousin die Schule ohne Abschluss, seit seinem 15. Lebensjahr beging er Diebstähle und Wohnungseinbrüche. Er sei „psychisch instabil“, so die Richterin. Wissam R., der bis dahin teilnahmslos vor sich hinstarrte, schaut in diesem Moment auf den Boden.

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