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Neue Zahlen : Weniger häusliche Gewalt im Lockdown?

Ein zerbrochener Teller liegt auf dem Boden vor den Füßen eines Paares (Symbolbild). Bild: dpa

Während des Lockdowns gab es deutlich weniger Wohnungseinbrüche und Taschendiebstähle. Gilt dieser Trend auch für häusliche Gewalt, oder haben nur weniger Betroffene die Chance, sich Hilfe zu rufen?

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          Dass in Pandemie-Zeiten weniger eingebrochen wird oder sich weniger Taschendiebstähle ereignen, leuchtet ein, weil viele Menschen nicht nur zum Arbeiten, sondern auch in ihrer Freizeit zu Hause bleiben, statt unbeschwert Shoppen zu gehen. Es überrascht also nicht, dass in Nordrhein-Westfalen die Zahl der Wohnungseinbrüche zwischen Anfang März und Ende Juni im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 30 Prozent abnahm, die Zahl der Taschendiebstähle sogar um 39 Prozent. Wie aber lässt sich erklären, dass auch die Fälle von häuslicher Gewalt um 21 Prozent zurückgegangen sind?

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Auch der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul (CDU) hat „da noch ein paar Fragezeichen im Kopf“. Er selbst habe eher mit mehr Aggressivität gerechnet, wenn Familien länger auf engstem Raum zusammen sind als sonst. Bisher gebe es nur Vermutungen, etwa dass Nachbarn besser aufeinander aufgepasst hätten oder dass nicht alle Taten angezeigt wurden – eben weil der Partner auch ständig zu Hause war. Beim Thema häusliche Gewalt müsse man mit Einschätzungen sehr vorsichtig sein und die Entwicklung genau beobachten, sagt Reul.

          Dass Kontaktbeschränkungen und Quarantänemaßnahmen zu häuslicher Gewalt führen können, ist mittlerweile wissenschaftlich nachgewiesen. Anfang Juni legten die TU München und das RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung eine erste Studie zu dem Thema vor, für die im April und Mai 3800 Frauen im Alter zwischen 18 und 65 Jahren online befragt worden waren. Hinsichtlich Alter, Bildungsstand, Einkommen, Haushaltsgröße und Wohnort sei die Studie repräsentativ für Deutschland, so die Autorinnen. Die Umfrage ergab, dass rund drei Prozent der Frauen in Deutschland in der strengen Lockdown-Phase Opfer körperlicher Gewalt wurden, 3,6 Prozent wurden vom Partner vergewaltigt. In 6,5 Prozent der Haushalte wurden Kinder körperlich gezüchtigt. Ein erhöhtes Gewaltrisiko gab es, wenn einer der Partner aufgrund der Pandemie in Kurzarbeit war oder seinen Arbeitsplatz verloren hatte, an Angstzuständen oder Depressionen litt oder wenn im Haushalt Kinder unter zehn Jahren lebten.

          Ob es wegen Corona mehr häusliche Gewalt gibt als davor, lässt sich aus der Münchner Studie nach Aussage der Autorinnen allerdings nicht ableiten. Ein Vergleich mit Daten aus der Zeit vor der Pandemie sei nicht aussagekräftig, da in bisherigen Studien nach Gewalterfahrungen über längere Zeiträume hinweg gefragt worden sei, nicht aber – wie bei der aktuellen Erhebung – nach Gewalterfahrungen innerhalb weniger Wochen.

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