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Hinrichtungen in Amerika : Dann wird eben erschossen

  • -Aktualisiert am

Kommt wieder: der Hinrichtungsstuhl in einer sogenannten „Firing Squad Execution Chamber“. Bild: AP

In den Vereinigten Staaten wird das Gift für Hinrichtungen knapp. Mehrere Bundesstaaten liebäugeln deshalb damit, der Hinrichtung durch Erschießungskommandos zu einer Renaissance zu verhelfen. Utah und Wyoming bringen entsprechende Gesetze schon auf dem Weg.

          Nach 35 Jahren scheint Norman Mailers Hinrichtungsroman „The Executioner’s Song“ seinen Schrecken verloren zu haben. Die Exekution des Doppelmörders Gary Gilmore durch ein Erschießungskommando, die Mailer im Jahr 1979 schilderte, hatte damals viele Amerikaner von der Grausamkeit der archaischen „firing squads“ überzeugt. Details der Hinrichtung wie die fünf Gewehrläufe, die im Januar 1977 im Gefängnis des Bundesstaates Utah durch die Löcher eines provisorischen Vorhangs auf Gilmore gerichtet wurden, und das bittere „Let’s do this“ des Todeskandidaten ließen das Einschlafen nach einer Giftspritze vergleichsweise harmlos aussehen.

          Trotz der unterstellten Unmenschlichkeit könnten Erschießungskommandos in den Vereinigten Staaten in den kommenden Monaten wieder häufiger eingesetzt werden. Da Hinrichtungsgifte wie das Hypnotikum Thiopental und das Beruhigungsmittel Pentobarbital in den vergangenen Jahren knapp wurden, suchen amerikanische „death penalty states“ wie Utah, Wyoming und Oklahoma seit Monaten nach anderen Möglichkeiten. Auch Texas, traditionell der hinrichtungsfreudigste Bundesstaat, teilte in der vergangenen Woche nach der Exekution des mexikanischen Auftragsmörders Manuel Vasquez mit, nur noch eine Giftspritze setzen zu können. Im Lone Star State sind für die kommenden Wochen aber fünf weitere Hinrichtungen geplant. „Wenn selbst Texas Probleme hat, zeigt das, wie ernst die Giftknappheit überall im Land sein muss“, sagte Deborah Denno, Juraprofessorin an der Fordham University in New York, dem „Wall Street Journal“. Wie europäische Pharmakonzerne hatte auch das amerikanische Unternehmen Hospira die Belieferung amerikanischer Justizbehörden mit Hinrichtungsgiften schon vor einigen Jahren eingestellt. Medikamente, so der Pentobarbital-Hersteller Lundbeck, sollten Menschenleben verbessern und nicht beenden.

          Manche entscheiden sich freiwillig für den Tod durchs Gewehr

          In Utah, das Hinrichtungen durch Erschießungskommandos für Urteile nach dem Jahr 2004 abschaffte, stimmte der Senat in der vergangenen Woche für die Wiedereinführung der „firing squads“. Falls auch Gouverneur Gary Herbert das entsprechende Gesetz unterzeichnet, werden Todeskandidaten künftig erschossen, wenn 30 Tage vor dem Hinrichtungstermin kein Gift zur Verfügung steht. „Wir werden alle angemessenen und legalen Versuche unternehmen, um in der Lage zu sein, Giftspritzen zu setzen. Wie in anderen Bundesstaaten wird das aber immer schwieriger“, warnte der Republikaner. Utah war nicht nur der erste Bundesstaat, der nach der Wiedereinführung der Todesstrafe durch den Supreme Court im Jahr 1976 einen Straftäter durch ein Erschießungskommando tötete. Nach Gilmore ließ es Ende Januar 1996 auch den Vergewaltiger und Mädchenmörder John Albert Taylor sowie im Juni 2010 den Mörder Ronnie Lee Gardner durch Schüsse aus fünf Gewehren hinrichten. Alle drei Todeskandidaten hatten beantragt, durch eine „firing squad“ anstelle des damals üblichen Giftcocktails getötet zu werden. Während zwischen dem Setzen der Injektion und dem Tod des Straftäters selbst bei einer reibungslosen Hinrichtung mit der Giftspritze mindestens neun Minuten vergehen, tritt der Tod bei einer Exekution durch Erschießen nach wenigen Sekunden ein. Nach Utahs Vorbild entschied sich auch das Repräsentantenhaus des Bundesstaats Wyoming vor einigen Wochen für die Einführung von Erschießungskommandos. Die Gesetzesvorlage, die noch durch den Senat verabschiedet werden muss, sieht aber vor, den Todeskandidaten vor der Exekution zu betäuben.

          Auch andere Bundesstaaten erwägen Alternativen zur Giftspritze. In Oklahoma überraschte der republikanische Senator Anthony Sykes die Wähler mit der Idee, Todeskandidaten künftig durch Sauerstoffmangel nach Stickstoffgaben hinzurichten. Dass Stickstoff bislang noch nicht für Hinrichtungen getestet wurde, dämpfte den Enthusiasmus des Politikers kaum. „Der Tod ist die gerechte und angemessene Strafe für unsere schlimmsten Verbrecher“, sagte Sykes. Wie die amerikanische Bundesbehörde U.S. Chemical Safety and Hazard Investigation Board mitteilte, führt eine hohe Konzentration von Stickstoff nach wenigen Atemzügen zur Bewusstlosigkeit und nach etwa einer Minute zu einem Koma. Der Tod tritt später durch die Unterversorgung mit Sauerstoff ein. Kritiker warnen jedoch vor fehlgeschlagenen Versuchen mit Giftgas in den achtziger und neunziger Jahren. Da Stickstoff bislang nicht als Exekutionsgas getestet wurde, sei nicht klar, ob der Straftäter leide. „Sie versuchen mit aller Kraft, etwas aus dem Hut zu zaubern. Das ist ein Rezept für Ärger“, warnte Richard Dieter, Chef der Organisation Death Penalty Information Center (DPIC), die die Todesstrafe ablehnt. Nach einer DPIC-Studie werden in den 32 Bundesstaaten, die Hinrichtungen weiterhin erlauben, angesichts der Giftknappheit immer weniger Menschen exekutiert oder zum Tod verurteilt.

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