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Gewalttat von Lünen : „Die Schulen werden alleine gelassen“

Ein Mitarbeiter der Notfallseesorge am Mittwochmorgen vor der Gesamtschule in Lünen. Bild: dpa

Heinz-Peter Meidinger ist Präsident des Deutschen Lehrerverbandes. Im FAZ.NET-Interview spricht er über die Gewalttat von Lünen, nötige Konsequenzen – und Lehrer, die auch an anderer Stelle alleine gelassen werden.

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          Herr Meidinger, der 15 Jahre alte Schüler, der an einer Gesamtschule in Lünen einen Mitschüler erstochen haben soll, war polizeibekannt und wurde von einer Sozialarbeiterin als aggressiv und „unbeschulbar“ eingeschätzt. Wie gehen Schulen mit solchen Jugendlichen um?

          Sebastian Eder

          Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Ich verstehe, dass die Sozialarbeiterin den Begriff „unbeschulbar“ gebraucht hat. Aber ich als Schulleiter würde damit vorsichtig umgehen. Es gibt immer einen Weg, damit sich jemand wieder für die Schule interessiert. Aber es stimmt, dass es an bestimmten Orten Jugendliche gibt, die keine Perspektive für sich sehen und kein Interesse an einem schulischen Abschluss haben. Die sind über die Eltern nicht mehr erreichbar, die sind oft gar nicht greifbar. Pflichtschulen haben die größten Probleme. Da ist dann die klassische Antwort auf die Frage nach der Zukunft von den Schülern selbst: Hartz IV. Die Schulen sind auf solche Situationen oft nicht eingestellt. Es gibt keine Sozialarbeiter oder sonst jemanden, der weiß, wie man damit umgeht.

          Aber auch Sozialarbeiter helfen ja nicht immer, wie man in Lünen sieht.

          In diesem Fall offenbar nicht, deswegen muss man es trotzdem in jedem anderen Fall versuchen. Über Strafen sind diese Schüler kaum zu erreichen. Wenn ich mir in vielen Bundesländern die Ordnungsmaßnahmen anschaue, muss ich lachen: Da kommt zuerst der Verweis, dann der Schulausschluss und schließlich der komplette Schulausschluss. Dann landet der Schüler auf einer anderen Schule, wenn es in der Gegend eine vergleichbare gibt. Sonst funktioniert das gar nicht. Aber Schulausschlüsse sind doch für solche Jugendlichen eher eine Belohnung als ein Strafe. Wir brauchen ganz dringend mehr Sozialarbeiter und Schulpsychologen und am besten eigene Räume, in die man die Schüler verweisen kann, damit sie den Unterricht nicht stören. In anderen Ländern müssen Eltern Geldbußen zahlen, wenn die Kinder nicht zur Schule kommen. Aber meistens ist doch bei diesen Eltern gar kein Geld da.

          Der Bundesvorsitzende des Deutschen Philologenverbandes und Schulleiter des Robert-Koch-Gymnasiums in Deggendorf, Heinz-Peter Meidinger.

          Der Verdächtige in Lünen hatte für ein paar Wochen eine andere Schule besucht, diese Maßnahme scheiterte aber. Deswegen kam er wieder zurück an seine alte Schule. Werden Problemkinder einfach in andere Klassen oder Schulen abgeschoben?

          Ich kann zu dem konkreten Fall nichts sagen. Aber grundsätzlich müssen Sozialarbeiter mit so jemandem systematisch zusammenarbeiten. Die Frage ist: Wie schaffe ich es, ihm deutlich zu machen, dass Bildung seine Hauptchance auf eine gute Zukunft ist? Die Schulen sind da leider auf sich alleine gestellt. Dabei bilden sich die Konflikte, die in der Gesellschaft angelegt sind, in der Schule nur ab. Die Segregation bestimmter Bevölkerungsgruppen zum Beispiel.

          Sie haben jetzt eine „Offensive für Werteerziehung in der Gesellschaft und an Schulen“ gefordert. Was soll das sein?

          Wir müssen uns verstärkt darauf besinnen, wie man mit Konflikten umgeht. Wenn ich den Hass in den sozialen Netzwerken sehe, und auch die Politik, die zunehmend am Konflikt orientiert ist, geht das alles in die falsche Richtung. Es ist immer wichtig, den Standpunkt des Anderen kennenzulernen. Und gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Viele Schulen haben dazu Verträge mit den Schülern abgeschlossen. Solche Verträge muss man immer wieder mit Leben erfüllen. Es ist nur ein Subsystem der Gesellschaft. Wir brauchen Diskussionen über das Miteinander, eine Wertediskussion mit dem Ziel einer Gemeinschaft, die zusammensteht und an einem Strang zieht.

          Man hat den Eindruck, dass die Tat von Lünen so unbegreiflich ist, dass darauf vor allem mit Phrasen reagiert wird. Einem Schüler mit einem Messer ist doch ein Vertrag egal, oder?

          Ich bin ein Verbandsvertreter. Aber trotzdem will ich nicht den Eindruck vermitteln: Gebt uns genug Personal, dann kriegen wir das hin. Es wird immer wieder Konflikte geben und schlimme Vorfälle, bestimmte Dinge werden sich nie vermeiden lassen. Trotzdem will ich mich nicht zurücklehnen und sagen: Das sind unglückliche Einzelfälle, die kann man nicht verhindern. In dem Fall ist es vielleicht so, in anderen nicht. Und egal was die Statistiker sagen, wir beobachten eine zunehmende Gewalt, immer mehr Lehrer berichten auch von Angriffen auf sie. Vielleicht mag das in der Fläche nicht stimmen, aber definitiv an bestimmten Orten.

          Könnte mehr für die Sicherheit an Schulen gemacht werden?

          Es ist gut, dass es an Schulen keine Sicherheitskontrollen wie am Flughafen gibt. Aber vereinzelt würde es schon helfen, wenn man zum Beispiel Taschen durchsuchen dürfte. Dass mit Messern und Schlagringen auf dem Schulhof zumindest angegeben wird, ist keine absolute Ausnahme. Und es wird von der Politik immer nur reagiert, sobald etwas Schlimmes passiert. Die Rütli Schule in Berlin wurde zu einer Modellschule ausgebaut, da sieht man ja, dass es geht. Warum passiert das nicht in der Fläche?

          Inklusion, Flüchtlingskrise – werden die Lehrer auch bei diesen Themen alleine gelassen?

          Es wurde viel gemacht in der Erstphase. Aber leider wird der zweite Schritt oft vor dem ersten gemacht. Man schickt die Flüchtlinge in die Schulen, wenn sie noch gar kein Deutsch sprechen und dann müssen die Lehrer schauen, wie sie damit klar kommen. Ähnlich ist es bei der Inklusion. Die Schulbehörden hatten lange kein Interesse an schlechten Nachrichten. Wenn man dort von Problemen berichtet hat, kamen Vorwürfe zurück: Warum kriegt ihr das nicht hin? Diese Stimmung wird von der Schulleitung dann oft an die Lehrer weitergegeben. Das ist extrem frustrierend. Aber bei allen Herausforderungen: Es bleibt ein schöner Beruf, in dem man ganz viel bewegen kann. 

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