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Getötete Babys : Oft bemerken es nicht einmal die Partner

In Wallenfels sind acht tote Babys gefunden worden. Der Tatort ist das Haus, vor dem das blaue Auto steht. Bild: dpa

Im Fall der acht Babyleichen negierte die mutmaßliche Mutter und Täterin wohl ihre Schwangerschaften. Psychologisch geschulte Gynäkologen wissen, was Frauen zu solchen Taten bewegen kann.

          Wieso tötet eine Mutter ihr Neugeborenes? Wie kann sie gar sieben oder acht Kinder nach der Geburt umbringen, in eine Tüte packen und in einem Abstellraum verstauen? Und warum bekommen Familie, Nachbarn und Freunde von den Schwangerschaften nichts mit?

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Die Fragen beschäftigen die kleine Stadt Wallenfels in Oberfranken, seitdem am Freitag bekannt wurde, dass in einem Haus an der Jakob-Degen-Straße acht Babyleichen gefunden wurden. Auch nach der Festnahme von Andrea G. und nach ihrem Geständnis vom Samstag rätselt die 2800-Einwohner-Gemeinde im Frankenwald, was die mutmaßliche Mutter und Täterin zu ihren Taten trieb.

          Von der Geburt überrascht

          Antworten findet man nicht in Wallenfels, sondern bei psychologisch geschulten Gynäkologen. Die Forschung zu Neonatiziden hat ergeben, dass die Tötung eines Neugeborenen – es sind wohl zwischen 40 und 50 Fälle im Jahr in Deutschland – zumeist die Folge einer negierten Schwangerschaft ist. „Es mag einige Fälle geben, in denen ein Kind tot geboren wurde oder aus Berechnung getötet wird“, sagt Anke Rohde, Professorin für Gynäkologische Psychosomatik in Bonn. „Aber die meisten Frauen, die ihr Neugeborenes töten, haben zuvor ihre Schwangerschaft negiert und werden von der Geburt überrascht. Die vorherrschenden Gefühle in einer solchen Situation sind Panik, Hilflosigkeit und die Angst, entdeckt zu werden.“

          Warum hat niemand etwas bemerkt? Warum hat sie nichts gesagt? Wir hätten doch helfen können! Die Reaktionen der Nachbarn, Freunde und Angehörigen sind spontan, ehrlich, natürlich – und gegenstandslos. Denn Frauen, die mit all der Macht ihrer psychischen Grundausstattung die Tatsachen leugnen, kann man nicht beiseitenehmen, um ihnen gut zuzureden – dafür sind die Verdrängungsmechanismen zu stark.

          Außerdem sucht man vergebens nach übereinstimmenden Merkmalen: Weder Sozialstatus noch Alter, weder Rauschgiftabhängigkeit noch Missbrauchserfahrungen sind Indikatoren dafür, dass eine Kindstötung zu erwarten sein könnte. Einzige Gemeinsamkeit der Täterinnen: Die Mütter konnten die Schwangerschaft gegenüber der Außenwelt erfolgreich verbergen, ignorieren, verleugnen. Oft bemerken es nicht einmal die Partner.

          Nach Angaben von Rohde kommen bei negierten Schwangerschaften oft verschiedene psychosoziale Belastungsfaktoren zusammen: Konflikte und Stress in der Partnerschaft oder generell im Leben; die Tendenz, Probleme mit sich selbst auszumachen statt darüber mit anderen zu reden; auch eine mangelhafte Wahrnehmung des eigenen Körpers komme vor – einschließlich der Annahme, man habe einen unregelmäßigen Zyklus. „Oft sind es Frauen“, sagt Rohde, „die Probleme gerne zur Seite schieben, Konflikten aus dem Weg gehen und unangenehme Situationen vermeiden.“

          „Diese Frauen sind extrem kreativ, was Ausreden angeht“

          Die Verdrängung kann so weit gehen, dass sich nicht einmal die Schwangere selbst eingesteht, schwanger zu sein. Aus dieser subjektiven Gewissheit wiederum kann nach den Worten Rohdes folgen, dass die Frau bei Arztbesuchen, im sozialen Miteinander und bei sexuellen Aktivitäten unbefangen ist. Einige der von Rohde untersuchten Frauen, die später zu Täterinnen wurden, hatten noch bis kurz vor der Niederkunft Geschlechtsverkehr. Solche Erkenntnisse decken sich in Teilen mit den Beobachtungen der Nachbarn in Wallenfels, die von etwaigen Schwangerschaften nichts mitbekamen, obwohl Andrea G. am öffentlichen Leben teilnahm. Weil sie weite Oberteile trug und kräftig war, konnte sie den Babybauch kaschieren. Eine Nachbarin sagt gar, man habe ihr nicht einmal angesehen, als sie vor mehr als zehn Jahren mit ihren Zwillingen schwanger war.

          Nicht nur Partnern und Freunden macht es die erfindungsreiche Tarnung schwer, der negierten Schwangerschaft auf die Spur zu kommen. Auch Gynäkologen, sofern sie überhaupt aufgesucht werden, haben ihre Schwierigkeiten, das Persönlichkeitsdefizit zu erkennen – das eben auch nicht als psychiatrisches Krankheitsbild definiert ist. „Diese Frauen sind extrem kreativ, was Ausreden angeht“, sagt Rohde.

          Andrea G. hat fünf Kinder, zwei aus einer ersten Beziehung, drei weitere mit ihrem Mann Hans. Wie konnte sie weitere Schwangerschaften negieren? Der Forschung widerspricht es nicht: Häufig sind die Täterinnen nicht Erstgebärende. Und auch für die Frage, warum es so viele Babyleichen sind, hat die Gynäkologie eine Hypothese: Durch hormonelle Umstellungen fühlen sich manche Frauen in der Schwangerschaft besonders wohl – das könnte ein Grund für den dauernden Schwangerschaftswunsch gewesen sein. Und warum, um Himmels willen, versteckte Andrea G. die Leichen im Haus? „Das ist ebenfalls typisch, wie man von anderen Babyleichen in Kühltruhen weiß“, sagt Rohde. Es ist fast wie ein unbewusster Drang, am Ende doch noch entdeckt zu werden.

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