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Mordprozess in Hamburg : „Bei Gott eine Sünde“

  • -Aktualisiert am

Blumen liegen nach einem tödlichen Messerangriff auf dem S-Bahnsteig Jungfernstieg. Bild: dpa

Der Prozess um den Mord an einer Mutter und ihrer Tochter am Jungfernstieg in Hamburg beginnt mit einem Geständnis des Angeklagten. Der Fall erweist sich bei näherem Hinsehen als Familiendrama.

          Das auffälligste an Mourtala M. ist sein Pullover: Türkis, ausgerechnet türkis, so frisch und freundlich wie das Logo einer Parfümeriekette oder das Meer an einem Traumstrand im indischen Ozean. Im ehrwürdigen Saal 237 des Landgerichts mit seinen dunkel vertäfelten Wänden, zwischen Lederpolstern und Samtvorhängen in gedeckten Farben und all den schwarzen Roben der Richter und Rechtsanwälte, wirkt dieser Farbklecks in seiner Unschuld beinahe verstörend. Schließlich geht es vor der Schwurgerichtskammer um ein Verbrechen, das viele in Hamburg tief erschüttert hat – weil es im Herzen der Stadt geschah, am helllichten Tag, weil es besonders grausam war, und weil es sich bei den Opfern um eine Mutter und um ihr jüngstes Kind handelte, ein Jahr und neun Monate alt.

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Der Vorwurf der Anklage: zweifacher Mord. „Herr M. gibt zu, dass er seine Tochter Mariam und ihre Mutter Sandra P. getötet hat“, heißt es in einer knappen Erklärung, die der Anwalt von Mourtala M. zum Prozessauftakt verliest. „Was er Mariam und ihrer Mutter und ihren Angehörigen angetan hat, ist bei Gott eine Sünde. Herr M. betet für Mariam und Sandra P.“ Aus dem türkisfarbenen Pullover von Mourtala M. ragen in blütenreinem Weiß der Kragen und die Manschetten seines Hemdes hervor. In dem Gesicht des Fünfunddreißigjährigen aus Niger ist keine Regung zu erkennen.

          Ein Asylbewerber ersticht eine deutsche Frau samt Kind: Was auf den ersten Blick an einen Fall von Flüchtlingskriminalität erinnert, wie sie derzeit hitzige politische Diskussionen nach sich zieht, erweist sich bei näherem Hinsehen als Familiendrama. Der 12. April ist ein Donnerstag. Mourtala M. hat, wie er später angeben wird, von Mitternacht bis früh um sieben Uhr geschlafen. Für den Morgen ist ein begleiteter Umgang mit seiner kleinen Tochter angesetzt. Nachdem es in der Vergangenheit mehrfach heftigen Streit zwischen ihm und seiner Exfreundin Sandra P. gegeben haben muss, hat ein Gericht Mitte März verfügt, dass der Vater das Mädchen nur sehen darf, sofern ein Mitarbeiter der Jugendhilfe anwesend ist. Zwischen den Eltern besteht Kontaktverbot. Außerdem ist Mourtala M. zur Auflage gemacht worden, an einem Anti-Aggressions-Training teilzunehmen.

          M. bekam kein gemeinsames Sorgerecht

          Aber dazu ist es noch nicht gekommen. Unterdessen läuft ein weiteres Verfahren vor dem Familiengericht. Der Vater will das gemeinsame Sorgerecht für die kleine Tochter, das bisher allein bei der Mutter liegt. Am Tag vor der Tat war Verhandlung. Nach Auskunft eines Gerichtssprechers hat das Familiengericht angekündigt, den Antrag des Vaters abzulehnen.

          Nach dem Umgangstermin an diesem Donnerstagmorgen also, als Sandra P., ihr neuer Lebensgefährte, die kleine Tochter und der drei Jahre alte Bruder mit den beiden Buggys an der Haltestelle Stadthausbrücke die S-Bahn nehmen, steigt plötzlich auch Mourtala M. in den letzten Wagen. Wie es dazu kam, bleibt zum Prozessauftakt unklar, aber Nebenklagevertreterin Claudia Krüger sagt in einer Verhandlungspause: „Ich bin mir sehr sicher, dass das nicht zufällig war.“

          Laut Anklage entwickelt sich schon während der Fahrt eine „verbal aggressive Auseinandersetzung“. Auf dem S-Bahnhof Jungfernstieg dann soll Mourtala M. ein 19 Zentimeter langes Keramikmesser aus seinem Rucksack gezogen haben. 10.48 Uhr. Erst habe er ruckartig von hinten auf seine Tochter eingestochen, die angeschnallt in einem Buggy saß. Dann habe er das Messer der Mutter in den Rücken gestochen. Das kleine Mädchen war laut Staatsanwaltschaft sofort tot. Die Mutter starb eine Stunde später im Krankenhaus. Der drei Jahre alte Bruder, um den sich im ersten Moment Passanten gekümmert haben, wird kurz darauf der Polizei übergeben.

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