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15 Jahre Haft für Mordversuche : Krankenhaus vereinbarte Stillschweigen mit Hebamme

Hebamme Regina K. vor Gericht. Bild: dpa

Eine Hebamme muss wegen versuchten Mordes an Patientinnen ins Gefängnis. In Bad Soden hatte man das Arbeitsverhältnis wegen eines Verdachts beendet, ihr aber ein gutes Arbeitszeugnis geschrieben. In München konnte sie weitermachen.

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          Beim ersten Fall eines versuchten Mordes im Klinikum Großhadern in München, der Regina K. zur Last gelegt wurde, retteten nur eine Notoperation und Massentransfusionen das Leben der Patientin. Sogar ein Bauchtuch ließen die Ärzte damals mit Absicht im Bauchraum der 38 Jahre alten Frau zurück, um die Blutung zu stoppen. Regina K. hatte ihr laut Anklage vor dem Kaiserschnitt den Wirkstoff Heparin verabreicht, der die Blutgerinnung hemmt.

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          An diesem Freitag nun hat das Landgericht München I die 35 Jahre alte Hebamme, die 2004 ihre Hebammenprüfung in Kiel als eine der Klassenbesten bestanden hatte, wegen versuchter Morde im Kreißsaal zu 15 Jahren Haft verurteilt. Zudem verhängte das Gericht ein lebenslanges Berufsverbot als Hebamme und in anderen Pflegeberufen. Die Staatsanwaltschaft hatte lebenslange Haft und die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld gefordert, die Verteidigung hatte auf Freispruch plädiert.

          Um das Leben einer Frau zu retten, mussten Ärzte die Gebärmutter entfernen

          Das Muster der Mordversuche, wie die Anklage die ihr zur Last gelegten Taten sah, war fast immer dasselbe: Die Hebamme soll Frauen kurz vor dem Kaiserschnitt das Mittel Heparin, das die Blutgerinnung hemmt, unbemerkt von Ärzten und anderen Pflegekräften in eine Infusionslösung gemischt haben. Neun Fälle in zwei Krankenhäusern waren ursprünglich angeklagt, zwei Fälle sind im Januar zu Prozessbeginn vor dem Münchner Landgericht aus Gründen der Prozessökonomie“ eingestellt worden.

          Als Motiv sah die Staatsanwaltschaft ihr Bestreben, „das Lebensrecht der Patientinnen in krasser Eigensucht“ dem Bedürfnis unterordnete, ihr Selbstwertgefühl „aufzuwerten“. In ihrem Plädoyer hatte die Staatsanwaltschaft am Montag gefordert, die Frau wegen versuchten Mordes in sieben Fällen sowie gefährlicher und schwerer Körperverletzung zu verurteilen. Zudem sprach sie sich für ein lebenslanges Berufsverbot aus. Die Angeklagte habe „heimtückisch und aus niederen Beweggründen“ gehandelt. Auch wurde beantragt, die besondere Schwere der Schuld festzustellen. Die Verteidigung hingegen sah keine Beweise für die Vorwürfe und forderte, Regina K. freizusprechen.

          Laut Anklage hatten die bislang bekanntgewordene Serie demnach in Hessen, im Krankenhaus Bad Soden, begonnen. Im September 2009 hatte Regina K. demnanch eine Fünf-Milliliter-Ampulle mit 25.000 I.E. (internationalen Einheiten) Heparin in eine Infusionslösung für eine 33 Jahre alte Schwangere gemischt. Während der Operation kam es zu einem „erheblichen Blutverlust“ aufgrund der durch das Heparin verursachten Gerinnungsstörung. Um das Leben der Frau zu retten, mussten die Ärzte die Gebärmutter entfernen.

          Verärgerung über eine Stundenreduzierung

          Die Frau, die sich noch weitere Kinder wünschte, musste danach über Monate Antidepressiva einnehmen und sich in psychologische Behandlung begeben. Drei weitere Fälle zwischen September 2011 und April 2012 legte die Anklage der Hebamme allein im Bad Soden zur Last. Bei einem weiteren Fall verabreichte sie demnach einer Schwangeren ein Medikament, das zu einem Notkaiserschnitt führte. Da Reste der Tablette gefunden wurden, schöpfte das Krankenhaus Verdacht.

          Die Auseinandersetzung mit der Hebamme endete in einem arbeitsrechtlichen Vergleich mit Stillschweigensvereinbarung über den „Vorfall“, einer Beendigung des Arbeitsverhältnisses im Juni 2012 und einem Zeugnis mit der Note „gut“. Schon im nächsten Monat fing sie im Klinikum Großhadern in München an. Doch der Leiter der Klinik für Frauenheilkunde wurde vom Chefarzt der Gynäkologie im Bad Sodener Krankenhaus informiert. In München sprach man sie auf den Vorfall an und warnte, dass sie fortan unter besonderer Beobachtung stehe.

          Als sich im April, Mai und Juni 2014 drei ähnliche Fälle ereigneten, schöpfte ein Arzt abermals Verdacht. Auslöser für die weiteren Mordversuche soll laut Anklage ihre Verärgerung über eine Stundenreduzierung gewesen sein. Die Ärzte beschlossen, dass die Hebamme nicht mehr „unbeobachtet“ bleiben dürfe. Doch es gelang ihr laut Anklage noch ein weiteres Mal, unbemerkt Heparin in eine Infusionslösung für eine Schwangere zu mischen. Auch hier wurde eine weitere Operation notwendig. Danach ließ ein Arzt nach dem Kaiserschnitt alle Infusionsbehälter sicherstellen. In einem Labor konnte Heparin in der Restflüssigkeit nachgewiesen werden. Im Juli 2014 erstattete das Krankenhaus schließlich Strafanzeige gegen die Hebamme.

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