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Geraubte Kirchenglocken : „Wir wollen Unrecht wieder gut machen“

Vor der Kirche „Maria Hilfe der Christen“ in Aichtal: Bischof Gebhard Fürst (links) steht vor einer Kirchenglocke, die in die Tschechische Republik geht. Bild: dpa

Es dauerte mehr als 75 Jahre: Nun werden einst von den Nationalsozialisten geraubte Glocken an Polen und die Tschechische Republik zurückgegeben.

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          Vier Glocken sind vor der Kirche „Maria Hilfe der Christen“ in einem Holzgerüst gehängt und feierlich mit Blumen geschmückt. Eine ist im tschechischen Troppau 1649 kurz nach dem Westfälischen Frieden gegossen worden, sie wiegt 350 Kilogramm und hing bis 1940 im tschechischen Pist. Eine zweite stammt aus Danzig und wurde 1704 gegossen, sie hat ein Gewicht von 240 Kilogramm und läutete bis zum Zweiten Weltkrieg im heute polnischen Frombork.

          Rüdiger Soldt
          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          „Wir wollen Unrecht wieder gut machen. Die Glocken sind von einem Unrechtsstaat in einem Akt der Gewalt weggenommen worden, wir bringen sie jetzt nach Polen und in die Tschechische Republik zurück“, sagt Gebhard Fürst, der Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Neben ihm stehen der polnische Bischof Jacek Jezierski und dessen tschechischer Kollege Martin David.

          Friedensglocken anstatt von Raubgut

          Geschlagene 76 Jahre nach dem Kriegsende wird das Raubgut der Nationalsozialisten nun zurückgegeben. Für die Leerstellen in den Glockentürmen in den Kirchen der Diözese in Deutschland werden neue Friedensglocken gegossen, gestaltet von dem Künstler Massimiliano Pironti. Viele während des Krieges in die Diözese gelangten Glocken stammen aus katholischen Kirchen in Nieder- und Oberschlesien, einige aus Pommern, Danzig oder Ostpreußen. Auch sie wurden von den Gemeindemitgliedern in Grötzingen geschmückt.

          Vor etwa zehn Jahren fiel Bischof Fürst bei der Sanierung des Rottenburger Doms auf, dass sich im Geläut der Kirche eine Glocke aus Polen befand. Fürst ließ recherchieren, es stellte sich heraus, dass die Glocke von den Nazis geraubt war. Dann begann Fürst, das Völkerverständigungsprojekt „Friedensglocken für Europa“ zu ent­wickeln.

          Der Glockenraub ist für den Bischof eine „ungelöste Folge des Zweiten Weltkriegs“ und „unrechte Geschichte“, die er nun mit kirchlicher „Friedens- und Versöhnungsarbeit“ zum Guten wenden will. Warum es mehr als siebeneinhalb Jahrzehnte dauern musste, bis die Kirche bemerkte, dass sie in ihren Kirchtürmen mit geraubten, historisch wertvollen Glocken läutete, kann Fürst nicht beantworten. Dieses Kapitel der Weltkriegsgeschichte ist noch nicht hinreichend erforscht. Auf der Suche nach Rohstoffen hatte Hermann Göring, der Oberbefehlshaber der Luftwaffe und Beauftragte für den Vierjahresplan, im März 1940 angeordnet, „für eine Kriegsführung auf lange Sicht erforderliche Metallreserven zu schaffen. Die in Glocken aus Bronze und Gebäudeteilen aus Kupfer enthaltenen Metallmengen sind zu erfassen und unverzüglich der deutschen Rüstungsreserve dienstbar zu machen.“

          „Glockenfriedhof“ im Hamburger Hafen

          Die Nationalsozialisten beschlagnahmten dann mehr als 100.000 Glocken, auch in den besetzten Gebieten. Allein in der Diözese Rottenburg-Stuttgart wurden während des Zweiten Weltkriegs 2799 Kirchenglocken zerstört, kurz nach dem Kriegsende im Mai 1945 lagerten auf Sammelplätzen noch etwa 16.000 Glocken. Etwa 1300 Kirchen­glocken, vor allem aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten, fielen in die Hand der britischen Besatzungsbehörden in Hamburg. Die Briten lagerten die Glocken zunächst auf einem „Glockenfriedhof“ im Hamburger Hafen. Als ihnen die Aufbewahrung und Bewachung zu aufwendig und kostspielig wurde, begannen sie zu Beginn der fünfziger Jahre damit, die Glocken an deutsche Gemeinden zu verleihen.

          Die komplizierten Eigentumsverhältnisse und die rechtlichen Hintergründe sind bis heute nicht vollständig geklärt. Während des Kalten Kriegs wollten die Briten die Glocken offensichtlich auch nicht an die Staaten des Warschauer Pakts zurückgeben.

          Hans Schnieders, der Leiter des Projekts „Friedensglocken für Europa“, fand heraus, dass die beiden Glocken, die jetzt zurückgegeben werden, am 19. März 1952 per Eisenbahn mit 65 weiteren Glocken aus Hamburg in die Diözese gebracht wurden. 54 davon hängen bis heute in den Kirchen der Diözese, 13 wurden eher zufällig in den vergangenen 60 Jahren zurückgegeben.

          Mit jeder Glocke lässt sich die Geschichte erzählen

          „Da jüngere Glocken im Krieg in der Regel sofort eingeschmolzen worden sind, handelt es sich bei den Glocken, mit denen wir es im Rahmen des Projekts zu tun haben, fast ausnahmslos um historisch bedeutsame Instrumente“, sagt Schnieders. „Wir geben das zurück, was an einen anderen Ort gehört, denn Glocken verbinden immer die Lokal­geschichte mit den großen historischen Vorgängen“, sagt Bischof Fürst.

          Die Fromborker Glocke wurde in Danzig nach einer Feuersbrunst als Zeichen der Hoffnung gegossen; die aus Pist wurde von einem schlesisch-mährischen Adelsgeschlecht gestiftet. Fast immer finden sich in den Glocken Ortsnamen, Patrozinien, Stifter- und Gießernamen sowie Gussjahr und Gussort. Mit jeder Glocke, zumal wenn sie mehrere hundert Jahre alt ist, lässt sich Geschichte anschaulich erzählen. Hinweise auf die Provenienz der Kirchenglocken findet man im „Deutschen Glockenarchiv“ im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg. „Wir befinden uns am Anfang eines Prozesses“, sagt Projektleiter Hans Schnieder. „Überall, wo wir Kontakt aufnehmen, gibt es Interesse für das Projekt.“

          Fürst sagt, er habe die Deutsche Bischofskonferenz und deren früheren Sekretär, Paul Langendörfer, über sein Friedensprojekt informiert. Ob andere Bischöfe seinem Beispiel folgen werden, weiß er nicht. 400.000 Euro investiert der Bischof in den nächsten sechs Jahren in das Projekt. „Wenn eine Glocke in ihre alte Heimat zurückkehrt, wird bei uns an ihrer Stelle eine neue gegossen“, sagt Fürst. Die alte und die neue Glocke würden dann gesegnet, es handle sich um „Symbole für die christliche Überzeugung der Geschwisterlichkeit“.

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