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Geplante Gesetzesverschärfung : Stalking-Opfer sollen ihr Leben nicht erst ändern müssen

In der Vergangenheit interpretierten Richter eine „schwerwiegende Beeinträchtigung der Lebensgestaltung“ fast immer als Umzug oder Arbeitsplatzwechsel. Nun solle ein weiterer unbestimmter Rechtsbegriff das Dilemma lösen, kritisiert Ortiz-Müller. Was konkret „geeignet ist“, schwerwiegende Beeinträchtigungen herbeizuführen, bleibt nach seiner Meinung ebenfalls vage. Es bestehe deshalb die Gefahr, dass Opfern Hoffnungen gemacht würden, die sich nicht erfüllen ließen.

Opferschutz mindestens so wichtig wie Gesetzesverschärfungen

Hilfreicher wäre aus seiner Sicht deshalb, die Formulierung „schwerwiegende Beeinträchtigung“ durch „erhebliche Beeinträchtigung“ zu ersetzen und diesen Begriff mit Kriterien zu konkretisieren, etwa ständige ungewollte Kontaktaufnahmen, die das Opfer ängstigen und die Gestaltung seines Tagesablaufs beeinträchtigen.

Mindestens so wichtig wie Gesetzesänderungen sei aber ohnehin ein konsequenter Opferschutz. Zurzeit würden zwei Prozent der etwa 20000 Stalker verurteilt, gegen die in Deutschland jährlich Strafanzeige gestellt wird. „Selbst wenn sich die Verurteilungsrate auf vier Prozent verdoppelt, wären 96 Prozent der Opfer immer noch ziemlich unglücklich“, sagt Ortiz-Müller.

Um die Opfer zu schützen, müsse man auch auf die Täter zugehen. Er wünscht sich, dass Initiativen wie seine frühzeitig über Anzeigen informiert werden, damit sie den Tätern ein Beratungsgespräch anbieten können. Nicht weil man Mitleid mit den Tätern haben muss. Sondern weil die Opfer erst dann Ruhe finden, wenn die Täter nicht mehr stalken.

Beratungsgespräche für Täter helfen auch den Opfern

In Bremen zum Beispiel schalte die Polizei, wenn eine Anzeige wegen Nachstellens eingeht, sofort eine Beratungsstelle ein. Der Täter werde dann aufgefordert, zu einem Beratungsgespräch zu gehen. In den meisten anderen Städten werde er nur einmalig zur polizeilichen Vernehmung vorgeladen – und erfahre dann Monate später von der Staatsanwaltschaft, dass das Strafverfahren eingestellt wurde.

Oft werden narzisstische Ex-Partner, die eine Trennung nicht ertragen, zu Stalkern. Sie schreiben dann teils Hunderte Nachrichten täglich – mal bittend, mal drohend.
Oft werden narzisstische Ex-Partner, die eine Trennung nicht ertragen, zu Stalkern. Sie schreiben dann teils Hunderte Nachrichten täglich – mal bittend, mal drohend. : Bild: dpa

Ingrid Beck sieht das ähnlich. Sie befürchtet, dass Richter Stalking auch mit dem verschärften Gesetz oft als Kavaliersdelikt abtun werden. Statt Angebote für die Täter fordert sie mehr Gesetze, die Stalking erschweren, dass etwa Prepaid-Karten fürs Handy nur unter Vorlage eines Personalausweises gekauft werden können.

Rund 80 Prozent der Stalker sind Männer, ihre Opfer meist Frauen. Manchmal werden Nachbarn oder Kollegen zu Stalkern. Manchmal Wildfremde, vor allem im Fall von Prominenten. Anfang März wurde einer amerikanischen Sportjournalistin, deren Stalker sie heimlich nackt im Hotelzimmer gefilmt hatte, Schadenersatz zugesprochen. Gwyneth Paltrow hingegen scheiterte Mitte Februar mit ihrer Klage gegen einen Stalker, der ihr Sexspielzeug geschickt, das Haus ihrer Eltern aufgesucht und sie bedroht hatte.

Täter sind oftmals Ex-Partner

Fälle wie diese sind aber die Ausnahme. Meist sind die Täter frühere Partner des Opfers, die es nicht ertragen, verlassen zu werden. Ihr Ohnmachtsgefühl kompensieren sie mit Nachstellungen. Viele haben ein geringes Selbstwertgefühl. Ohne Anerkennung und Aufmerksamkeit fühlen sie sich wertlos. Andere, so Ortiz-Müller, sind ängstlich und zwanghaft veranlagt. Wenn Frauen stalken, weiß Ingrid Beck zu berichten, wollen sie oft die soziale Existenz ihrer Opfer zerstören. Die Opfer wiederum schämten sich oft so sehr, dass sie lange brauchten, um sich Hilfe zu holen.

Zu „Stop Stalking“ kommen nicht nur Stalker, die vom Gericht dazu verurteilt werden, sondern auch Freiwillige, die sich selbst nicht wiedererkennen in ihrem Drang, jemanden zu belästigen und zu schaden. Ortiz-Müller versucht dann, herauszufinden, was die Trennung in den Männern oder Frauen hervorgerufen hat, um so im besten Fall deren Einstellung zu Liebe und Trennung zu ändern.

Wenn das nicht gelingt, reicht es aber auch schon, ihr Verhalten zu ändern. „Wenn jemand sagt: Ich denke noch jeden Tag an sie, habe sie aber seit einem halben Jahr nicht mehr kontaktiert, dann ist das okay.“

Der Tag der Kriminalitätsopfer

Am 22. März wird an die Lage von Menschen erinnert, die Gewalt und Kriminalität erfahren haben. 1986 beging eine schwedische Organisation diesen Tag erstmals mit Glockenläuten und Kerzen in den Fenstern, 1991 zog in Deutschland der Weiße Ring nach. Der Opferhilfeverein besteht seit 1976. Damals suchten vor allem Opfer von Körperverletzung und Raub Hilfe. Heute geht es meist um psychische Gewalt wie Stalking. Der Weiße Ring fordert Entschädigungszahlungen auch für Opfer dieser Form von Gewalt. (lfe.)

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