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Gefangen mit Ingrid Betancourt : Geteiltes Leid ist doppeltes Leid

  • -Aktualisiert am

Im Lager: Ingrid Betancourt während ihrer Gefangenschaft Bild: AFP

Zur todgeweihten Schmerzensfrau und Ikone aller Entführten wurde Ingrid Betancourt nach ihrer Befreiung aus den Händen der kolumbianischen Guerilla-Organisation Farc stilisiert. Mitgefangene zeichnen jedoch das Bild einer herrischen und arroganten Frau.

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          „Sie ist eine Person, die gern kontrolliert und manipuliert.“ Nicht sehr freundlich klingen die Worte von drei einstigen Leidensgenossen über die frühere Präsidentschaftskandidatin Ingrid Betancourt. Zusammen mit ihnen wurde Ingrid Betancourt Anfang Juli vergangenen Jahres in einer spektakulären Militäraktion aus der Gewalt der Guerrilla-Organisation „Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens“ (Farc) befreit.

          Die amerikanischen Staatsbürger Keith Stansell, Thomas Howes und Marc Gonsalves haben jetzt in den Vereinigten Staaten ein Buch veröffentlicht („Out of Captivity“), in dem sie ihre Erlebnisse in der Geiselhaft schildern. Betancourt erscheint darin nicht als todgeweihte Schmerzensfrau und Ikone aller von der Guerrilla Entführten, sondern eher als Xanthippe mit einem ausgeprägten Hang zu Egoismus, Herrschsucht und Arroganz.

          Teilen wollte sie nicht

          Sie habe das Essen nicht mit ihnen in gleichen Portionen teilen wollen und vor ihnen Bücher sowie ein Transistorradio versteckt gehalten, berichten die früheren Geiseln über ihre einstige Mitgefangene. Schlimmer noch: Sie habe sie bei den Guerrilleros als CIA-Agenten angeschwärzt und versucht, in dem Camp das Kommando zu führen. „Einige Bewacher haben uns besser behandelt als sie“, sagte Thomas Howes anlässlich der Vorstellung des Buches einem kolumbianischen Radiosender. Ingrid Betancourt habe immerzu befehlen und das letzte Wort über die Organisation des Zusammenlebens im Dschungel haben wollen.

          Befreiungsschlag: Tom Howes, Marc Gonsalves und Keith Stansell (von links)

          Die drei Männer waren für eine private amerikanische Sicherheitsfirma tätig und hatten die Aufgabe, innerhalb des „Plan Colombia“ die Vernichtung illegaler Kokapflanzenfelder zu überwachen. Ihr Flugzeug wurde im Februar 2003 von den Farc beschossen. Nach der geglückten Notlandung wurden sie von den Rebellen entführt worden. Eigentlich hätten sie gegen mindestens zwei von der kolumbianischen Regierung an die Vereinigten Staaten ausgelieferte Guerrilleros ausgetauscht werden sollen. Doch dazu kam es nicht, weil sie zusammen mit Betancourt bei der „Operation Schach“ freikamen.

          Ein halbes Jahr nach ihrer Entführung waren die Amerikaner in das gleiche Lager gebracht worden, in dem Betancourt gefangen gehalten wurde. Die frühere Politikerin habe sie nicht gerade sehr freundlich empfangen, erinnert sich Howes. Sie habe sich bei ihren Bewachern darüber beschwert, dass das Camp bereits voll belegt und kein Platz für die Neuankömmlinge sei. Zumindest einem der drei gelang es, in der Gefangenschaft etwas bessere Beziehungen zu Betancourt aufzubauen. Marc Gonsalves bekräftigt in dem Buch, er habe sie nie klagen hören und es sei ihr gelungen, alle Geiseln in ihrem Durchhaltewillen zu bestärken.

          Mit wachsendem Abstand zu ihrer Befreiung vor einem dreiviertel Jahr entsteht allmählich ein sehr viel komplexeres und realistischeres Bild von Ingrid Betancourt. Es wird immer deutlicher, dass die Symbolfigur all jener Personen, die in Kolumbien ihr Schicksal als Entführte teilen oder geteilt haben, auch eine Reihe menschlicher Schwächen hat. Ihr einstiger Mitgefangener Thomas Howes versagt ihr keineswegs den Respekt. Betancourt könne „charismatisch, unterhaltsam und intelligent“ sein, meint er, aber sie könne auch binnen Sekunden äußerst unangenehm werden und sich in eine „Harpyie“ verwandeln.

          Herrisch und hochfahrend

          Nicht nur die amerikanischen Gefährten aus der Geiselhaft haben inzwischen die dunklen Seiten Betancourts aufgedeckt - und es waren beileibe nicht nur Mitgefangene, denen man nachsagen könnte, dass sie die frühere Politikerin wegen ihrer großen Popularität aus Neid anzuschwärzen versuchten. Selbst der vor einem Jahr bei einem Angriff des kolumbianischen Militärs auf sein Lager in Ecuador getötete frühere Farc-Anführer Raúl Reyes äußerte sich despektierlich über sie, weil sie sich herrisch und hochfahrend aufgeführt habe, wie aus den Dateien des Guerrilla-Chefs hervorgeht.

          Eine der ersten Personen, die sich von Betancourt distanzierten, war ihre Gefährtin Clara Rojas, die ein halbes Jahr vor ihr freigekommen war. Nach einer kurzen, emotional aufgeladenen ersten Begegnung haben die zwei, wie Rojas kürzlich erst bestätigte, kein Wort mehr miteinander gewechselt. Rojas warf Betancourt vor, Unwahrheiten über ihre gemeinsame Gefangenschaft verbreitet zu haben. „Ich weiß nicht, wo sie das herhat, aber Ingrid liebt das Theater“, erwiderte Rojas über Betancourts Darstellung, die behauptete, bei einer Gelegenheit Rojas' in der Gefangenschaft geborenem Sohn Emanuel das Leben gerettet zu haben. Betancourt habe mit Emanuel nicht das Geringste zu tun gehabt. Sie selbst und ihr Kind sowie Betancourt hätten in zwei unterschiedlichen Bereichen des Lagers gelebt, bevor sie endgültig voneinander getrennt worden seien, sagte Rojas.

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