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Gebrauchtwagenhändler : „Wir zahlen bar“

Autohändler buhlen um Gebrauchtwagen Bild: F.A.Z. - Foto Wolfgang Eilmes

Wer sein Auto längere Zeit in der Stadt abstellt, hat schnell mehrere Visitenkärtchen am Spalt zwischen Fenster und Fahrertür kleben. Die Gebrauchtwagenhändler buhlen um alte Autos. Acht von zehn Visitenkarten weisen in das Mekka der Autohändler: Limburg an der Lahn.

          Greti ist überflüssig. Seit Monaten steht sie nur herum, kassiert manchmal ein Knöllchen und fährt, wenn es hochkommt, am Wochenende raus ins Grüne. Der träge Opel Corsa, Modell Viva, verdankt seinen Namen der Vorbesitzerin, die ihm nur kurze Strecken über die Dörfer abverlangte.

          Rainer Schulze

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Gretis Maße: Baujahr 2000, 54 PS, blau wie die Treue, 89.000 Kilometer auf dem Tacho, bei Rückenwind und bergab 160 Kilometer in der Stunde Spitze. Greti ist als Auto ganz charmant: kein alter Saab mit Liebhaberwert, aber auch kein reiner Gebrauchsgegenstand. Wirklich nötig aber ist Greti nicht. Außerdem schluckt sie Reparaturkosten, Kraftfahrzeugsteuern, Spritgeld. Kurzum: Greti soll fort.

          Mehr als zwanzig Visitenkarten

          Dabei ist Greti begehrt. Mehr als zwanzig Visitenkarten sammelten sich in sieben Jahren hinter den Scheibenwischerblättern und der Gummilippe, wie der Spalt zwischen Fenster und Fahrertür im Automechanikerjargon heißt. Herr Stancu war der erste. Vor fünf Jahren klemmte er in Wiesbaden sein liebevoll unprofessionell gefertigtes Kärtchen hinter Gretis Gummilippe.

          „Ich habe Interesse an Ihrem Fahrzeug, falls Sie ihn verkaufen möchten jetzt oder Späte rufen Sie mich bitte an. Wir zahlen Bar.“ Herr Stancus Gesuch überzeugte nicht. Doch er öffnete mit seinem Schnipsel eine Sammlung feiner Dokumente des typografisch wie wortschöpferisch einfallsreichen Kleingewerbes Autohändler.

          „Auto - Chance und Ihre Chance“

          Die Zettelchen sind kleine Juwelen. Mutig setzen sich die Verfasser über grammatische und orthographische Regeln hinweg und schaffen ihre eigenen. In letzter Zeit mehren sich die Händler, die offenbar bei einem Germanisten Rat suchen. Das Deutsch auf den Visitenkarten wird - fast möchte man es bedauern - klarer.

          Die Händler heißen „Auto - Chance und Ihre Chance“, „Alex-Export“ oder „Automobil-Moutairik“ und grüßen den Autobesitzer mitunter sehr höflich. „Guten Tag!“ schreibt Alex-Export und fordert auf, doch „bitte“ anzurufen. Beruhigend für Entscheidungsschwache: „jetzt oder später“.

          Fragen nach Servolenkung und Kilometerstand

          Nette oder dubiose Händler? Bei „Auto - Chance und Ihre Chance“ meldet sich ein dünnes Stimmchen am Telefon. „Was Auto haben Sie bitte?“ Nach wenigen Sätzen würgt sie das Gespräch mit „Chef ruft zurück“ ab. Herr Ebrahimi ist etwas gesprächiger, fragt nach Servolenkung und Kilometerstand. Er kündigt an, sich noch einmal zu melden, was er aber nicht tut. „Alex-Export“ und „Stern Automobile“ versprechen allerdings, „jemanden vorbeizuschicken“.

          „Keine Klimaanlage?“ Suleiman, ein etwa 40 Jahre alter Herr mit schadhaften Zähnen und einer flachen Nase, die nach Prügel aussieht, ist hörbar enttäuscht. Während er den vor einem Drogeriemarkt geparkten Wagen inspiziert, telefoniert sein Kollege pausenlos mit dem Handy. Einzelne Brocken wie „Airbag“ sind verständlich.

          „Ich lege noch 100 Euro drauf, mein Freund.“

          Wohin sie die Wagen exportieren? Immerhin heißen sie ja Alex-Export. „Afrika, Türkei“. Die beiden Händler sind recht wortkarg. Sie kämen aus Bad Kreuznach, verraten sie noch. Dann gehen sie schnell wieder zum Geschäftlichen über. Dass der Spalt zwischen Motorhaube und Karosserie links breiter sei als rechts, moniert Suleiman. Er tut Greti damit unrecht, sie ist kein Unfallwagen.

          2.500 Euro wollen Suleiman und sein Partner ganz bestimmt nicht zahlen. 1.500 sei ihr letztes Wort, das Geld hätten sie in bar dabei. Als man sich anschickt, noch andere Angebote einzuholen, wird Suleiman ungehalten. „Das brauchst du nicht. Ich lege noch 100 Euro drauf, mein Freund.“

          Das Mekka der Autohändler ist Limburg

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