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Totschlag durch Unterlassen : Frühere Kollegen von Niels H. angeklagt

Niels H. im Dezember 2014 in Handschellen vor Gericht Bild: dpa

Gegen sechs Verantwortliche aus dem Klinikum Delmenhorst hat die Staatsanwaltschaft Anklage erhoben. Sie sollen sich des Totschlags durch Unterlassen schuldig gemacht haben, weil sie Niels H. nicht aufhielten.

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          Im Fall des sogenannten Todespflegers Niels H. hat die Staatsanwaltschaft Oldenburg Anklage gegen sechs Mitarbeiter der Delmenhorster Klinik erhoben. Den vier Pflegern und zwei Oberärzten wird Totschlag durch Unterlassen vorgeworfen, weil sie den mordenden Pfleger im Dienst beließen. Im Verlauf der Tätigkeit von Niels H. am städtischen Klinikum Delmenhorst von 2002 bis 2005 habe es „immer wieder Verdachtsmomente“ gegeben, teilten die Ermittler am Freitag mit. Im Frühsommer 2005 hätten sich diese Hinweise so stark verdichtet, dass ein Einschreiten durch die Verantwortlichen des Klinikums zwingend geboten gewesen wäre. Die Staatsanwaltschaft verweist dabei auf den seit längerem bekannten Umstand, dass am 10. Mai 2005 nach dem Tod eines Patienten leere Ampullen des Medikaments Gilurytmal gefunden wurden, mit denen Niels H. viele seine Opfer tot spritzte.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Für die nun erhobene Anklage spielen auch neue Erkenntnisse eine Rolle. Niels H. hat in seinen Vernehmungen eingestanden, dass sein letztes Opfer nicht wie bisher angenommen Dieter M. war, bei dem er am 22. Juni 2005 von einer Kollegin auf frischer Tat ertappt wurde. Vielmehr habe er zwei Tage später mit dem Betablocker Solatex eine weitere Patientin getötet. Die Staatsanwaltschaft argumentiert, dass diese Tat nur möglich geworden sei, weil die Beschuldigten Niels H. weiter im Dienst beließen, während man das Blut von Dieter M. auf Rückstände von Gilurytmal untersuchen ließ. Den Angeklagten drohen bei einer Verurteilung Haftstrafen zwischen fünf und 15 Jahren.

          Niels H. könnte für die größte Mordserie der deutschen Nachkriegsgeschichte verantwortlich sein. Der Pfleger wurde bereits zweimal verurteilt. Ein erster Prozess endete 2008 mit einer Verurteilung wegen versuchten Mordes in einem Fall. Die Staatsanwaltschaft Oldenburg unterließ es im Anschluss, den Verdachtsmomenten auf weitere Fälle nachzugehen. Dies geschah erst auf massives Drängen der Angehörigen eines weiteren Opfers.

          37 nachweisbare Todesopfer in Delmenhorst

          Niels H. wurde daraufhin im Februar 2015 wegen zweifachen Mordes, zweifachen Mordversuchs und gefährlicher Körperverletzung zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Das Gericht stellte zudem eine besondere Schwere der Schuld fest. Es gelangte zur Auffassung, dass Niels H. eine Reanimation seiner Patienten durch Medikamente heraufbeschworen habe, um vor seinen Kollegen als Lebensretter glänzen zu können. Dass dabei seine Patienten in vielen Fällen zu Tode kamen, habe er in Kauf genommen.

          Nach weiteren Exhumierungen gehen die Ermittler inzwischen von 37 nachweisbaren Todesopfern in Delmenhorst aus. Bis auf das letzte Opfer starben alle durch Gilurytmal. An seiner früheren Arbeitsstelle in Oldenburg besteht in sechs Todesfällen dringender Tatverdacht. In vier Fällen soll Niels H. seine Patienten mit Kalium getötet haben, in zwei mit Gilurytmal. Auch hier prüft die Staatsanwaltschaft eine Anklage gegen Klinikmitarbeiter, da es auch in Oldenburg Verdachtsmomente gegen den Pfleger gab. Die tatsächliche Zahl der Opfer von Niels H. wird sich vermutlich nie ermitteln lassen. Bei Patienten, deren Leichname eingeäschert wurden, lassen sich die verabreichten Medikamente nicht mehr nachweisen. Martin Rüppell, Sprecher der Staatsanwaltschaft Oldenburg, sagte dieser Zeitung am Freitag, über das tatsächliche Ausmaß könne man „leider nur spekulieren“. Es gebe vermutlich „eine große Dunkelziffer“.

          Im Delmenhorstener Krankenhaus gab es in der Zeit von Niels H. über 200 Todesfälle mehr als im statistischen Mittel. Mit Blick auf das Klinikum Oldenburg hat die Staatsanwaltschaft mehr als 100 Verfahren eingeleitet.

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