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Freispruch : In dubio pro Kachelmann

Der Freigesprochene: Jörg Kachelmann kurz vor der Urteilsverkündung Bild: AFP

Der Wettermoderator Jörg Kachelmann wird vom Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen. Im Prozess wurde jedoch nicht die Unschuld des Angeklagten festgestellt. Die Zweifel an seiner Schuld überwogen. Ein feiner Unterschied.

          Es ist ein unwürdiges Spektakel, mit dem der Strafprozess gegen Jörg Kachelmann zu Ende geht, und doch steht der Tag der Urteilsverkündung fast sinnbildlich für diesen fast neun Monate andauernden „Prozess des Jahres“. Schon morgens um fünf Uhr drängen sich die ersten Neugierigen vor den verschlossenen Türen des Mannheimer Landgerichts, bald schon sind es um die Hundert, dazu noch einmal so viele Fotografen, Journalisten und ein Dutzend Kamerateams, die ihre Bilder vom Ort des Geschehens natürlich live ins ganze Land hinaus senden.

          David Klaubert

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Als der Vorsitzende Richter um kurz nach neun dann das Urteil verkündet, tobt der Gerichtssaal, die Zuschauer klatschen nicht nur wie schon an anderen Prozesstagen zuvor, nein, sie jubeln, kreischen und fallen sich gegenseitig in die Arme. Wenig später stoßen draußen im Foyer mehrere ältere Damen in bunten Blusen mit Sekt auf das Urteil an, während Kachelmanns Verteidiger Johann Schwenn auf die Richter schimpft, und die Gerichtsreporterinnen von „Spiegel“ und „Bild“ über die verbliebenen Kameras lächelnd der Nation ihre Meinungen mitteilen.

          „Freispruch zweiter Klasse“

          Juristisch endet der Strafprozess gegen Kachelmann wie es viele Prozessbeobachter und Prozessdeuter in den vergangenen Wochen prophezeit hatten: mit einem „Freispruch zweiter Klasse“. „Der Freispruch beruht nicht darauf, dass die Kammer von der Unschuld von Herrn Kachelmann und damit von einer Falschbeschuldigung der Nebenklägerin überzeugt ist“, sagt Richter Michael Seidling gleich zu Beginn seiner etwa einstündigen Urteilsbegründung. Weil aber begründete Zweifel an der Schuld Kachelmanns bestünden, sei er freizusprechen nach dem Grundsatz: „in dubio pro reo“, im Zweifel für den Angeklagten.

          Trotz der rund 30 Zeugen und der zehn Gutachter, die an den 43 Verhandlungstagen im Mannheimer Landgericht ausgesagt haben, sehen die Richter keine objektiven Beweise, die eindeutig für oder gegen die Version der Frau sprechen, die Kachelmann beschuldigt, sie im Februar des vergangenen Jahres mit einem Messer bedroht und vergewaltigt zu haben. Weder die Verletzungen der Frau noch die DNA-Spuren am Messer könnten zwingend die Schuld oder die Unschuld des Angeklagten belegen. Auch dass Kachelmann nach der angeblichen Tatnacht gezielt alle Nachrichten der Nebenklägerin und einer weiteren Geliebten von seinem Handy gelöscht habe, sei zwar sehr aufschlussreich, aber letztlich kein Beleg für eine mögliche Vergewaltigung. Aussagepsychologische Gutachten schließlich hätten erhebliche Mängel an der Aussage der Nebenklägerin zum angeblichen Tatgeschehen festgestellt und einen möglichen Bezug zu tatsächlich Erlebtem nicht belegt - aber eben auch nicht widerlegt.

          Beide Seiten haben unwahre Angaben gemacht

          Dass die Frau im Laufe des Ermittlungsverfahrens mehrere Lügen zur Vorgeschichte der angeblichen Tat einräumen musste, sei für die Entscheidung des Gerichts „von nicht unerheblicher Bedeutung“ gewesen, sagt Seidling weiter. Allerdings könne damit nicht bewiesen werden, dass sie insgesamt die Unwahrheit gesagt habe. Außerdem habe auch Kachelmann bei seiner Vernehmung durch den Haftrichter unwahre Angaben gemacht. So habe der Angeklagte bewusst versucht, ein negatives Bild der Nebenklägerin zu erzeugen, und den Eindruck zu erwecken, dass die Beziehung der Frau zu ihm ausschließlich sexueller Art gewesen sei.

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