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Freiburger Mordprozess : Das Lügen des Hussein K.

Hussein K. : ein brutaler, empathieloser Täter. Ob der Fall die liberalste Stadt Deutschlands verändern kann, wird sich zeigen. Bild: dpa

Sieben Monate lang wurde in Freiburg der Mord an einer Studentin verhandelt. Von der Darstellung des Täters ist jetzt, kurz vor dem Urteil, kaum noch etwas übrig.

          Es ist Montag, 12 Uhr, als Hussein K. der Aufforderung der Richterin folgt, das letzte Wort zu sprechen. Er trägt einen schwarzen Kapuzenpulli und neue weiße Adidas-Sneaker, Modell „Superstar“. Der Saal des Freiburger Landgerichts ist nicht mehr so überfüllt wie zum Prozessbeginn Anfang September. Auch organisiert die AfD keine Demonstrationen mehr vor dem Freiburger Landgerichtsgebäude. Hussein K. steht auf, er wirkt apathisch wie während des gesamten Prozesses. „Ich bereue es. Es tut mir leid. Ich möchte dafür zur Rechenschaft gezogen werden. Ich sage nicht, dass ich unschuldig bin. Aber trotzdem, mein Herz brennt“, sagt Hussein K. Die Mischung aus einem halbherzigen Geständnis und seiner Neigung, ein bisschen Reue zu zeigen und gleichzeitig den eigenen Schmerz in den Mittelpunkt zu stellen, kennen die Zuhörer schon. Am zweiten Verhandlungstag, im vergangenen September, hatte es ganz ähnlich geklungen: „Ich bin im tiefsten Herzen traurig. Ich fühle mich wie eine Leiche in Bewegung.“

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Über sieben Monate, an 24 Tagen verhandelte die Jugendkammer des Freiburger Landgerichts über den Mord an der Studentin Maria L.; die Vorsitzende Richterin Kathrin Schenk führte souverän und konzentriert durch das Hauptverfahren. Es gelang ihr nahezu an jedem Verhandlungstag, etwas davon aufzuklären, was in der Nacht vom 15. auf den 16. Oktober 2016 an der Dreisam geschah, als die 19 Jahre alte Medizinstudentin unbeschwert von einer Party nach Hause in ihr katholisches Studentenwohnheim radelte und wenige Kilometer vor ihrem Ziel auf ihren Mörder Hussein K. traf. Der sie dann vom Fahrrad schubste, würgte, sexuell missbrauchte und schließlich bewusstlos mit dem Gesicht nach unten in die Dreisam legte. Maria L. hatte keine Chance, sie musste ertrinken.

          Kein „Resonanzboden für das Leid von Dritten“

          Auf drei Ebenen näherte sich das Gericht Schritt für Schritt der Wahrheit und dem, was in dieser Nacht wirklich geschah: Es klärte das Alter des Angeklagten. Es verschaffte sich erschreckende Erkenntnisse über dessen Charakter. Und es gelang der Vorsitzenden Richterin ziemlich schnell, Hussein K.s Darstellung der Tat als abstrus und größtenteils unwahr zu entlarven. Bei der Feststellung des Alters profitierte das Gericht von einem Zufall: Der Angeklagte hatte sich im Februar 2016, zehn Monate vor der Tat, einen Zahn ziehen lassen. Die Kriminalbeamten fanden diesen in der Wohnung der Freiburger Pflegeeltern. Die Anthropologin Ursula Wittwer-Backofen nahm eine Zahnzementanalyse vor, die derzeit nur an einem gezogenen Zahn möglich ist. Sie fand heraus, dass Hussein K. heute zwischen 23 und 30 Jahre alt sein muss und zur Tatzeit wahrscheinlich schon 26 Jahre alt war. Seine ursprüngliche Behauptung, er sei 17 Jahre alt, war damit widerlegt.

          Damit wurde eine Verurteilung nach Jugendstrafrecht unwahrscheinlich. Ist ein Angeklagter zur Tatzeit ein Jugendlicher, gilt das Jugendstrafrecht. Auch ein Heranwachsender, der zwischen 18 und 21 Jahre alt ist, kann eine Jugendstrafe bekommen. Ist der Täter aber zur Tatzeit mindestens 22 Jahre alt, gilt in jedem Fall das Erwachsenenstrafrecht. Geht das Gericht nun davon aus, wie es auch die Staatsanwaltschaft nahelegt, dass Hussein K. zur Tatzeit 22 Jahre oder älter war, dann ist eine Verurteilung nach Erwachsenenstrafrecht zwingend. Bei einer Jugendstrafe kann das Strafmaß geringer ausfallen, eine Sicherungsverwahrung wird nur im Ausnahmefall angeordnet und die besondere Schwere der Schuld kann nicht attestiert werden, weil beim Jugendstrafrecht der erzieherische Gedanke im Vordergrund steht. Wird nach Erwachsenenstrafrecht geurteilt, kann eine lebenslängliche Freiheitsstrafe verhängt und die besondere Schwere der Schuld festgestellt werden. Es sind Haftstrafen von 20 Jahren und mehr möglich.

          Das psychiatrische Gutachten von Hartmut Pleines fiel überraschend eindeutig und für den Angeklagten negativer aus, als viele Prozessteilnehmer erwartet hatten: Hussein K. sei weder schizophren noch liege eine schwere Drogenabhängigkeit vor, noch gebe es irgendwelche Hinweise auf eine frühkindliche Hirnschädigung oder eine retardierte Entwicklung. Hussein K. könne andere Menschen täuschen, er könne gewinnend auftreten, er habe eine Neigung zur manipulativen Beeinflussung. Pleines’ Exploration ließ wenig Spielraum, um den Mord und die sexuellen Manipulationen an der Leiche Maria L.s anders als mit den schlechten Charaktereigenschaften zu erklären: Hussein K. sei ein Mensch mit einer geringen Gewalthemmung, es gebe keinen „Resonanzboden für das Leid von Dritten“. Pleines’ Ausführungen gipfelten in der Feststellung: „Das ist keine Persönlichkeitsstörung, sondern eine Charakterbeschreibung.“ Die Ursache für sein kriminelles Verhalten liege nicht in einer Sucht, nicht im Herkunftsraum, nicht darin, dass er schiitischer Muslim sei. „Hussein K. agiert reif und kompetent und lässt Jugendliches vermissen.“

          Sexuelle Devianz und Frauenfeindlichkeit

          Ziemlich schnell erwies sich Husseins Geständnis als Märchen: Er habe sich am Abend des 15. Oktober in der Freiburger Innenstadt mit Freunden zu einem Hasch-Wodka-Gelage getroffen, er sei betrunken und berauscht gewesen, zufällig sei es dann zur Begegnung mit Maria L. am Ufer der Dreisam gekommen: Er habe stark alkoholisiert auf dem Boden gelegen; als sich ein Fahrradfahrer genähert habe, habe er gegen einen Reifen des Fahrrads getreten. Dass eine Frau auf dem Fahrrad saß, will er nicht erkannt haben. Aber auf den Videoaufnahmen, die ihn in der Straßenbahn zeigen, lassen sich keine grobmotorischen Ausfälle feststellen. Sexuell absichtslos war er auch keineswegs unterwegs: Gut zwei Stunden vor dem Mord traf er in der Homosexuellen-Kneipe „Sonderbar“ drei Frauen, zwei erlebten ihn als äußerst übergriffig. Eine Zeugin berichtete vom „Baggeralarm“, sie informierte darüber sogar einen Bekannten über Whatsapp; eine andere Zeugin sagte, Hussein sei mit „fordernden Blicken“ auf sie zugekommen. In der Straßenbahn, auf dem Weg zum Tatort an der Dreisam, belästigte er eine weitere Frau. Fast alles spricht also dafür, dass Hussein K. in dieser Nacht zwanghaft ein sexuelles Abenteuer suchte. Auch war es fast unmöglich, Maria L. auf dem Fahrrad für einen Mann zu halten, denn der Weg an der Dreisam ist nachts gut beleuchtet und Maria L. trug ihre Haare fast immer offen. Und sie saß auf einem klassischen Damenfahrrad mit Korb. „Was ist Sex für Sie? Was ist für Sie eine Vergewaltigung?“, fragte die Vorsitzende Richterin Hussein K. – sie erhielt darauf bis zum letzten Verhandlungstag keine Antwort.

          In den vergangenen zwei Wochen hörte das Gericht nun die Plädoyers des Staatsanwalts, des Pflichtverteidigers und des Nebenklagevertreters, der Maria L.s Eltern vertritt. Eckart Berger, der Staatsanwalt, forderte, Hussein K. wegen Mordes in Tateinheit mit besonders schwerer Vergewaltigung zu verurteilen. Mindestens zwei Mordmerkmale seien erfüllt: Der Angeklagte habe heimtückisch gehandelt, weil Maria L. arg- und wehrlos gewesen sei, und er habe die Tat zur Befriedigung seines Geschlechtstriebs begangen. Eine Affekttat sei es nicht gewesen.

          Berger plädierte für eine lebenslange Haft nach Erwachsenenstrafrecht, für die Anordnung der Sicherungsverwahrung und dafür, dass das Gericht die besondere Schwere der Schuld feststellt. Hussein K. hatte bereits in Griechenland wegen versuchten Totschlags und Raubes an einer Studentin im Gefängnis gesessen. Auch wenn es dieses erste Verbrechen nicht gegeben hätte, läge eine besondere Schwere der Schuld vor, sagte der Staatsanwalt, denn Maria L. sei ihrer „Subjektqualität“ beraubt worden. Dem Angeklagten fehle Empathie, er sei frauenfeindlich, die sexuelle Devianz stecke in seiner Persönlichkeitsstruktur.

          Unfähig eine Erektion zu bekommen

          Auch Bernhard Kramer, der Anwalt der Opferfamilie, plädierte für Sicherungsverwahrung und besondere Schwere der Schuld. Er hält den Angeklagten für „schauspielerisch begabt“ und „manipulativ“, weshalb es besser sei, jetzt die Sicherungsverwahrung anzuordnen und nicht in 15 Jahren, wenn er aus der Haft entlassen werde – denn dann werde er die Gutachter manipulieren. „Die Nebenkläger wollen wissen, wie es wirklich war, sie wollen vor allem, dass anderen Menschen nicht das Gleiche passiert.“

          Sebastian Glathe, Hussein K.s Pflichtverteidiger, forderte eine Jugendstrafe und plädierte zudem dafür, weder die besondere Schwere der Schuld festzustellen noch die Sicherungsverwahrung anzuordnen. Er sah bei seinem Mandanten sogar „deutliche Hinweise auf einen Entwicklungswillen und eine Entwicklungsfähigkeit“. Auch hält er Hussein K.s Totschlagsversuch in Griechenland für ungeeignet, die besondere Schwere der Schuld zu begründen, denn die Analyse des damaligen Urteils habe keine neuen Erkenntnisse zutage gebracht.

          Auch wenn klassische Mordmerkmale erfüllt seien, so müsse das Gericht doch berücksichtigen, dass der Angeklagte sadistisch veranlagt und somit krankhaft sei, außerdem sei seine Steuerungsfähigkeit durch den Drogenkonsum in der Tatnacht eingeschränkt gewesen, das zeige seine „erektile Dysfunktion“. Ginge es nach Glathe, könnte Hussein K. schon in zehn Jahren wieder in Freiheit sein.

          Am Donnerstag dieser Woche will das Gericht sein Urteil fällen. Dass der Angeklagte mit einer lebenslänglichen Strafe wegen Mordes nach Erwachsenenstrafrecht rechnen muss, ist wohl anzunehmen. Welche Entscheidung das Gericht bezüglich der Rechtsfolgen treffen wird, ist schwerer vorauszusagen.

          Der politische Einfluss des Falles Hussein K.

          Pflichtverteidiger Sebastian Glathe kritisierte auch die öffentliche Diskussion über den Fall Hussein K., es handle sich nicht um einen politischen Fall. Glathe hat insofern recht, als sich aus dem Freiburger Fall für die Einwanderergruppe der minderjährigen Flüchtlinge wenig ableiten lässt. Denn der kulturelle Hintergrund und die Religion spielten – das betonte der psychiatrische Gutachter – eine, wenn überhaupt, geringe Rolle, am ehesten noch für das archaische Frauenbild des Angeklagten. In erster Linie aber ist Hussein K. ein brutaler, empathieloser Einzeltäter, der noch Spuren von seinem Opfer abzuwaschen versuchte und zwei Tage nach dem Mord schon wieder bei einer Veranstaltung Lieder sang. Auch ist der Fall insofern nicht politisch, weil Hussein K. auch nach Deutschland eingereist wäre, wenn es die Grenzöffnung im Herbst 2015 nicht gegeben hätte – zumal es in diesem Fall nicht deutsche Behörden waren, die versagt hatten. Es war das Versäumnis der Griechen, Fingerabdrücke und Fotos des gefährlichen Straftäters nicht an Interpol und das Schengen-Informationssystem zu geben. Allerdings zeigt der Fall, wie leicht es für junge Flüchtlinge lange Zeit war, sich mit einer erlogenen Altersangabe einen sicheren Aufenthaltsstatus im deutschen Jugendhilfesystem zu erschleichen. Für Hussein K. war außerdem eine für die Steuerzahler teure Erziehungsstelle eingerichtet worden, die regulär noch nicht einmal genehmigt war. Gegen den Jugendhilfeträger wird wegen Betruges ermittelt.

          Die politischen Folgen des Falls blieben bislang gering, die Schaffung einer speziellen Jugendhilfe für minderjährige Flüchtlinge hat unter Politikern wenige Anhänger. In Freiburg wird einen Monat nach dem Urteilsspruch der Oberbürgermeister gewählt. Es tritt auch ein rechtspopulistischer Kandidat an. Die Wahl wird zeigen, ob der Fall Hussein K. die liberalste, sonnigste und ökologischste Stadt Deutschlands dauerhaft erschüttern konnte.

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